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  4. Der Grund, warum Wladimir Putin Krieg gegen die Ukraine führt

Ukraine-Krieg

Putins Feldzug gegen die Demokratie

Das Drama des ukrainischen Volks beendet das Friedensprojekt in Europa. Der Aggressor aus Moskau bekämpft die Freiheit.

TOPSHOT - A view of the square outside the damaged local city hall of Kharkiv on March 1, 2022, destroyed as a result of Russian troop shelling. - The central square of Ukraine's second city, Kharkiv, was shelled by advancing Russian forces who hit the building of the local administration, regional governor Oleg Sinegubov said. Kharkiv, a largely Russian-speaking city near the Russian border, has a population of around 1.4 million. (Photo by Sergey BOBOK / AFP)

«Nie wieder Krieg»: Der Traum Europas wird mit russischen Bomben auf dem Freiheitsplatz in Charkiw zerstört.

AFP

Mit grosser Gewalt kracht zuerst eine, dann eine zweite russische Rakete am 1. März auf den Freiheitsplatz in der Stadt Charkiw im Nordosten der Ukraine. Seit Tagen steht die Stadt unter Beschuss.

«Das ist der Preis der Freiheit», sagt gleichentags der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski in einer Videorede vor dem Europäischen Parlament. Der Freiheitsplatz sei der grösste Platz Europas, die Stadt beherberge über 20 Universitäten, sei ein kulturelles Zentrum. Zwölf Menschen seien bei diesem Angriff getötet worden. Zwölf mehr zu den über 1000 Todesopfern, die es seit Beginn des Kriegs am 24. Februar gab. Selenski: «Künftig wird jeder Platz in der Ukraine Freiheitsplatz heissen.»

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Der «vergessene» Krieg

Die künftige Ukraine? Der demokratische Staat, der 1991 aus der zerfallenden Sowjetunion heraus unabhängig wurde? Wird es sie künftig noch geben? Ziel des Kriegs von Russlands Staatschef Wladimir Putin ist, die Geschichte des riesigen Landes umzukehren. Bereits seit 2014 wird im Osten zwischen prorussischen Separatisten und Ukrainern gekämpft, über 14 000 Tote hat dieser «vergessene» Krieg bereits gefordert. 

Die Demokratie bei Wahlen und Demonstrationen zu verteidigen – das kennen die Ukrainer. Nun tun sie es mit Leib und Seele. Werfen Molotowcocktails auf Panzer, lassen sich Waffen liefern – viele von ihnen, auch Frauen, haben zum ersten Mal eine in der Hand. Die ukrainische Armee ist der russischen in Zahl und Ausrüstung weit unterlegen. Nicht aber im Kampfeswillen.

«Sogar die Schweiz»

Hunderttausende Menschen sind bereits auf der Flucht, das Flüchtlingshilfswerk UNHCR rechnet mit vier Millionen – zehn Prozent der Bevölkerung. Da der Kriegszustand ausgerufen wurde, müssen Männer zwischen 18 und 60 Jahren im Land bleiben und kämpfen. «Ich muss die Ukraine beschützen», sagt einer von ihnen. Ein anderer wünscht Putin den Tod. Westliche Länder schicken Geld und Waffen, aber keine Truppen, Putin droht offen mit einem Atomschlag, sollte jemand der Ukraine militärisch zu Hilfe eilen. 

Der Westen versucht, Russland zu schwächen. Die Vermögen verantwortlicher Personen – unter anderem auch von Staatschef Putin – werden eingefroren, ebenso die Reserven der Zentralbank, russische Banken werden vom Zahlungsverkehr ausgeschlossen. «Sogar die Schweiz», sagt US-Präsident Joe Biden, «macht dieses Mal mit.» Die EU verspricht, ukrainische Flüchtlinge auch ohne Pass aufzunehmen. Die Solidarität ist gross – auf der ganzen Welt gehen Menschen auf die Strasse, zeigen die ukrainische Flagge.

Sport und Krieg

Putin, der Stratege – wartete er etwa extra das Ende der Regierung Merkel in Deutschland und den Abschluss der Olympischen Spiele in China ab? Zwischen Krieg und Sport scheint es bei ihm eine Verbindung zu geben. Nach dem Ende der Olympischen Spiele in Sotschi 2014 annektierte er die Krim. Nach dem Ende der Fussball-WM 2018 in Russland hob er die temporären Freiheiten für seine Bevölkerung auf. Und nun, 2022, nach dem Ende der Olympischen Winterspiele in China, überfällt er die Ukraine. «Sport ist für Putin die Fortsetzung des Kriegs», so der russische Schriftsteller Michail Schischkin im «Tages-Anzeiger».

«Er lebt in einer anderen Welt», sagte Angela Merkel einmal über den russischen Präsidenten. In seiner Rede zum Kriegsbeginn kündigte dieser die «Entnazifizierung» der Ukraine an. Der ukrainische Präsident Selenski ist Jude. 

«Die Ukraine gehört zu uns»

Hin- und hergerissen zwischen Ost und West ist die Ukraine schon seit Jahrhunderten. Aus Sicht Putins ist sie der verlorene, abtrünnige kleine Bruder, der zurückgeholt werden muss. Im russischen Reich des 19. Jahrhunderts war der Begriff «Ukraine» tabu, man sprach von «Kleinrussland». Selbst der jetzige Name löst das Problem nicht, denn «krai» bedeutet auf Russisch einerseits «Rand, Grenze», andererseits auch «Gebiet, Land». Ein Widerspruch in sich. «Die Ukraine gehört zu uns», sagt EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und stellt den Beitritt zur Union in Aussicht. Fraglich ist, wie viel von dem Land dann noch übrig sein wird. 

Raketen schlagen beim Fernsehturm in Kiew ein, Schwangere harren in U-Bahn-Stationen aus, krebskranke Kinder werden in Bunker geschafft. Verbrannte Leichen liegen auf den Strassen.

Präsident Selenski harrt aus. Und lehnt ein Fluchtangebot der USA ab: «Ich brauche Munition. Keine Mitfahrgelegenheit.» Zum Vergleich: Einer seiner Vorgänger, Wiktor Janukowitsch, hatte sich 2014 nach Russland abgesetzt.

Von Monique Ryser und Lynn Scheurer am 5. März 2022 - 09:59 Uhr
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