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Spätes Liebesglück am Zürichsee

Rockröhre Tina Turner wird 80!

«Ich bin Rock'n'Roll» sagt Tina Turner über sich selbst. Jetzt wird sie 80! Aber es gibt noch eine andere Tina. Eine, die spät ihr Liebesglück findet, ein Drama nach dem anderen erlebt – und trotzdem niemals aufgibt.

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Trotz High Heels rockt Tina Turner 1996 das Wembley-Stadion. Ihr Trick: «Das Gewicht nur nach vorn auf die Zehen verlagern, statt auf dem ganzen Fuss zu stehen.»

Getty Images

Ein grauer Wintertag 2016 am Zürichsee. In der Villa «Château Algonquin» in Küsnacht sitzen eine Frau und ihr Mann im Wohnzimmer. Sorgenvoll schweifen ihre Blicke übers Wasser. Das Paar hält sich fest an den Händen. Tränen laufen der Frau über die Wangen. Sie braucht dringend eine neue Niere, denn sie will weiterleben. Die Frau heisst Tina Turner.

«Ich bin eine Rock ’n’ Rollerin. Tina Turner ist Rock ’n’ Roll, und auf der Bühne kann ich mir nichts anderes vorstellen», sagt sie in ihrer Biografie. «Aber es gibt in mir auch eine ganz andere Seite.»

Ihre andere Seite ist in diesem Moment geprägt von Verzweiflung, von Angst, Verlust und Trauer. In den vergangenen drei Jahren – seit 2013 – erlebte sie eine Reihe medizinischer Katastrophen: Nur drei Monate nach ihrer Hochzeit erleidet sie einen Schlaganfall, es folgen Gleichgewichtsstörungen, Krebs – nun auch noch Nierenversagen. Tränenüberströmt fragt sie ihren Mann: «Bereust du es nicht, eine alte Frau geheiratet zu haben?» Tief bewegt erklärt ihr Erwin Bach, 63, dass er sie nicht verlieren will. Dass sie nicht gehen darf. Er will kein anderes Leben als dieses. Er will keine andere Frau. «Wir sind doch glücklich!» Dann macht er ihr den Vorschlag, eine seiner Nieren zu spenden. Sie versucht es ihm auszureden. Aber Erwins Entschluss steht fest. Und während er ihre Hand festhält, blickt Tina über ihren geliebten Zürichsee – und schöpft neue Hoffnung.

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Am 26. November wird sie 80 Jahre alt. Auf der Bühne steht die Soul-Queen schon lange nicht mehr. Als Rocklady hat es Tina Turner in kurzer Zeit zu Ruhm, Geld und Ansehen gebracht. Als Frau erlebte Anna Mae, so ihr bürgerlicher Name, lange Zeit Lieblosigkeit, Demütigungen, Gewalt. Ihr erster Ehemann Ike Turner machte ihr das Leben zur Hölle.

Erwin macht Tinas Leben lebenswert

Das Paradies auf Erden lernt Tina spät kennen – in ihrer neuen Heimat, der Schweiz, und mit einem neuen Mann an ihrer Seite: Erwin Bach, in Köln geboren, Musikmanager, 16 Jahre jünger, lange Zeit als Toyboy der Rocklady abgestempelt. Er ist der Mann, der seinem «Schatzi» Tina nicht nur sagt, dass er sie liebt, sondern es ihr täglich zeigt. Erwin macht Tinas Leben lebens- und liebenswert. Und, er rettet sie vor dem Tod.

«Als Erwin in mein Leben trat, wandelte sich das Drama in eine Liebesgeschichte»

Zweimal macht er ihr einen Antrag: «Willst du mich heiraten, Tina?» Beim ersten, 1989, sagt sie «Nein». Er bleibt, fragt 23 Jahre später noch einmal – und bekommt ein bewegendes «Ja!» zu hören. Eher unromantisch nimmt ihre Liebesgeschichte auf einem Flughafen Fahrt auf. Bach, der damals für den Musikkonzern EMI arbeitet, soll Tina nur den Schlüssel für einen neuen Mercedes aushändigen und ihr das G-Klasse-Modell erklären. Statt für den Jeep hat Turner nur Augen für den «attraktiven Fremdling». Augenblicklich pocht ihr Herz laut: bumm, bumm, bumm. «Davon sprechen sie also, wenn sie Liebe auf den ersten Blick meinen», fährt es ihr durch den Sinn. Bei einem Dinner kündigt Tina an, eine Weihnachtsfeier veranstalten zu wollen. Jeder soll dafür sein Geburtsdatum nennen, damit sie von jedem ein Horoskop erstellen lassen kann. Sagt sie.

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Traumhochzeit mit 73 in Küsnacht ZH. Ihr Liebster, Erwin Bach, macht Tina zweimal einen Antrag, wartet 23 Jahre aufs «Ja».

Florian Kalotay

«In Wirklichkeit ist Erwin sechzig, und ich bin sechzehn»

Dabei will sie nur einen besser kennenlernen – Erwin. Endgültig ists um die Frau mit der Löwenmähne geschehen, als Erwin Monate später vor Tinas Feriendomizil in Gstaad BE steht. «Er trug einen jener kleinen Filzhüte, wie sie in Deutschland beliebt sind – lustig, aber süss.» Schlagartig sei ihr bewusst geworden, «dass ich alles an ihm mochte, sogar den komischen Hut».

Die Welt sieht in Bach nur den «jungen Mann» an Turners Seite. Tina siehts anders. «In Wirklichkeit ist Erwin sechzig, und ich bin sechzehn.» Belustigt erzählt sie, dass Erwin jeweils vorm Zubettgehen im Haus sämtliche Türen schliesst und die Lichter löscht. Als sie wissen will, warum er das macht, sagt er sachlich: «Es ist Nacht.» – «Du klingst wie ein alter Mann», antwortet sie.

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Von Krankheiten gezeichnet: Für die «New York Times» lässt sich Tina im Sommer daheim in Küsnacht fotografieren.

CHARLIE GATES/The New York Times/Redux/laif

Fast hätte sie es vermasselt. Kurz nachdem Tina in Erwins damals spartanisch eingerichtete Zwei-Zimmer-Junggesellenbude in Köln eingezogen ist, muss er geschäftlich nach Brasilien. Kaum ist er fort, überkommt die Musikerin der Wunsch, ihr gemeinsames neues Heim umzugestalten. Tina kauft Designerstücke, möbelt die Wohnung dermassen auf, dass Erwin eine Woche später bei seiner Rückkehr glaubt, die Tür zum falschen Apartment erwischt zu haben. «Die Sache geriet zu einer meiner schlimmsten ‹Ups-Operationen›.»

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Unbeschwert (wie hier 1969) ist die junge Tina nur auf der Bühne. Hinter den Kulissen macht ihr Ehemann Ike das Leben zur Hölle.

Michael Ochs Archives

Die Schweiz macht Tina Turner glücklich

Doch die Liebe ist stärker als Erwins Verdruss. Und Tina sagt später: «Als Erwin in mein Leben trat, wandelte sich das Drama in eine Liebesgeschichte.» Sie meint das Drama mit Ike – es verfolgt Tina Turner noch viele Jahre.

«Hegt und pflegt man sich, trägt man Glück und Schönheit auch nach aussen»

Die Schweiz macht sie glücklich. Das Paar wohnt am Zürichsee zur Miete. Tina hat ihr Leben aufgeräumt, fortgegeben, was sie nicht braucht, ihr Haus in Südfrankreich verkauft. Sie liebt ihr Zuhause und mit Erwin spazieren zu gehen. Gerne arbeitet Tina im Garten, wühlt in der Erde, beobachtet den Wandel der Jahreszeiten am See – geniesst die Ruhe. Rentner-Groove statt Rock ’n’ Roll. Im zweiten Stock ihres Hauses hat sie sich einen Meditationsraum eingerichtet. Tina, die seit über 40 Jahren Buddhistin ist, sucht ihn jeden Tag auf, um vor ihrem Hausaltar zu beten und zu singen.

Sie treibt weder Sport noch raucht sie. Seit je hat sie die Finger von Drogen gelassen. Und: «Sofern es möglich ist, schlafe ich acht Stunden und nehme mir beim Aufstehen Zeit.» Neben dem Klingelschild ihrer Villa in Küsnacht prangt eine goldene Tafel mit dem Hinweis «VOR 12 UHR NICHT LÄUTEN. KEINE LIEFERUNGEN. THANK YOU».

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Wagemutig klettert Tina 1989 für ein Shooting auf dem Eiffelturm herum. Ihr Manager warnt: «Lass es, die Versicherung zahlt nichts, wenn du runterfällst.»

Covergirl mit 73 Jahren

Das Altern nimmt Tina gelassen. «Wenn man sich innerlich wie äusserlich hegt und pflegt, trägt man Glück und Schönheit auch nach aussen. Die jeweilige Jahreszahl spielt dann keine grosse Rolle mehr», lautet ihre Maxime. Es muss was dran sein: 2013 landet Turner in einem atemberaubenden blauen Armani-Kleid auf der Titelseite der deutschen Ausgabe der «Vogue». Stolz sagt sie: «Ich kann mit Fug und Recht behaupten, mit 73 Jahren das älteste Covergirl dieses Modemagazins gewesen zu sein.»

Auch bei ihrer Einbürgerung ist sie über 70, hat lange über diesen Schritt nachgedacht. «Ich werde mich immer als Amerikanerin fühlen», sagt sie. «Doch als ich mich in Erwin verliebte und seinetwegen nach Europa zog, änderte sich mein Leben grundlegend.» Turner lernt Deutsch, macht sich mit der Schweizer Geschichte vertraut. Ein Lehrer hilft ihr dabei. Vor die Aufnahmekommission muss sie allein treten. Nicht einmal ihr Ehemann darf sie «zu diesem grossen Ereignis» begleiten. Der Frau, die vor Millionen Menschen auf den grössten Bühnen der Welt rockte, sinkt in diesem Moment «das Herz in die Hose». Lebhaft erinnert sich Tina an die Situation: «Um die Spannung ein bisschen abzubauen, gab ich zu, schrecklich nervös zu sein. Keine Reaktion!» Sie bietet Lutschpastillen an, die sie extra gekauft hat. «Letztlich mag jeder Bonbons, dachte ich, besonders in der Schweiz.» Als auch darauf keiner eingeht, wird ihr klar, dass sie so keine Punkte sammeln kann. Sie holt kurz tief Luft und beginnt auf Deutsch: «Ich bin Tina Turner...»

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Im «Ritz», New York, startet Tina Turner 1983 als Rocklady durch. Freunde wie Keith Richards (l.) und David Bowie feiern mit ihr das Solo-Comeback.

© Bob Gruen / www.bobgruen.com

Liebesbeweis ihres Mannes

Den wohl grössten Liebesbeweis ihres Mannes erfährt Tina Turner im Frühling 2017. Es ist der 7. April, als das Paar im Basler Unispital unters Messer kommt. Erst Erwin, dem eine Niere entnommen wird. Dann Tina, der das Organ transplantiert wird. Sie erinnert sich an diese Tage vor fast drei Jahren so: Am schönsten sei der Moment gewesen, als Erwin in einem Rollstuhl in ihr Zimmer geschoben wurde. «Welch wunderbarer Anblick!» – «Hallo, Liebste», begrüsst Erwin seine Frau. Dann hält er ihre Hände. Er hält sie auch, als Tina im Juli 2018 verzweifelt in seinen Armen weint und schreit. Gerade hat er Tina mitgeteilt, dass sich ihr Sohn Craig umgebracht hat. «Er war zwar schon 59, als er starb, aber er wird immer mein kleines Baby bleiben.» Tina Turner wird auch das überstehen. Sie sagt: «Ich bin stark.»

Von René Haenig am 24.11.2019
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