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Seltenes Innterview mit dem Ex-Tennis-Star

Steffi Graf über Kinder, Karriere und mentale Gesundheit

Die deutsche «Vogue» hat ein grosses Interview mit Steffi Graf geführt. Darin zeigt sich der ehemalige Tennis-Star ungewohnt offen, nachdenklich und verletzlich.

Steffi Graf

Steffi Graf beendete mit 30 Jahren ihre Tennis-Karriere.

VCG via Getty Images

Stefanie Maria Graf – besser bekannt als Steffi Graf (51) – war in den 1980er und 1990er Jahren eine der wohl grössten Tennis-Stars der Welt. Mit 19 startete die steile Karriere der Sportlerin, im Alter von 30 Jahren verkündete sie das Ende ihrer Karriere im Ballsport. Heute blickt Steffi Graf auf 22 Grand-Slam-Siege und 377 Wochen an der Spitze der Weltrangliste zurück – ein Rekord, der bis heute nicht gebrochen wurde. Nach ihrem Rücktritt zog sich aus dem Rampenlicht zurück, heiratete ihren Tennis-Kollegen Andre Agassi, bekam zwei Kinder mit ihm und lebt heute mit ihrer Familie in Las Vegas. Der Ausstieg aus dem Profisport war für sie eine natürliche Handlung und eine bewusste Entscheidung, denn der Zeitpunkt sei das erste Mal gewesen, dass sie «den Spass und die Freude am Tennis vermisst» habe. Und wie heisst es so schön? Man soll aufhören, wenn's am Schönsten ist.

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Im grossen Exklusiv-Interview mit der deutschen «Vogue» zeigte sich die in Heidelberg geborene Graf ungewohnt privat, das allerdings auf ihre gewohnte ruhige Art, und sprach unter anderem über ihr Karriereende und ihr soziales Engagement im Bereich der Arbeit mit Flüchtlingskindern. Ausserdem verriet sie, was sie ihrem 18-jährigen Selbst raten würde.

Ihre Karriere und das Rampenlicht

Mit dem grossen Erfolg im Tennis-Sport folgten in den 1980er Jahren für Steffi Graf das Scheinwerferlicht im Fokus der Öffentlichkeit. Besonders wohl habe sie sich mit all der Aufmerksamkeit allerdings nie gefühlt, denn wie sie der «Vogue» verrät, spielte sie Tennis nie für Ruhm und Ehre. «Für mich stand immer der Sport im Mittelpunkt», sagt Steffi Graf. Auf die Frage, weshalb sie sich nach dem Ende ihrer Karriere dazu entschieden habe, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, antwortet sie, dass es eigentlich keine bewusste Entscheidung in dem Sinne gewesen sei, «sondern eher meine Persönlichkeit», «Ich fühle mich in meiner Privatheit einfach wohler – und konzentriere mich auf das, was mir wichtig ist.»

Steffi Graf ist der Meinung, dass dieser Gedanke sicher auch damit zusammenhänge, dass sie bereits in sehr jungen Jahren im Interesse des öffentlichen Auges stand. Sie habe auch stets darauf geachtet, nach dem Sport «wieder zurück in die ‹Normalität› zu gehen», mit dem Rampenlicht abseits des Tennisplatzes sei sie nicht wirklich zurecht gekommen. Die Wahl-Amerikanerin habe auch immer viel Wert auf eine gewisse Balance gelegt und suchte im Privaten meist Ruhe und Ausgeglichenheit, indem sie Museen besuchte und sich mit Architektur und Fotografie beschäftigte.

Ausserdem seien ihr Familie und Freunde sehr wichtig, auf deren Unterstützung sie stets zählen könne. Man sehne sich auch nach Gleichgesinnten, die ähnliche Werte haben. «Durch den Tennissport war ich immer von vielen Leuten umgeben und habe eine recht gute Menschenkenntnis entwickelt», sagt Steffi Graf von sich selber.

Auf die Frage, ob Graf mit ihrem Erfolg auch mehr Verantwortung verspürt habe, entgegnet sie, dass jede und jeder Verantwortung gegenüber anderen habe, egal ob man im Rampenlicht sei oder nicht, aber: «Natürlich liegt ein größeres Augenmerk darauf, wenn man in der Öffentlichkeit steht […].»

Soziales Engagement und die Arbeit mit Kindern

Seit Jahrzehnten stellt Steffi Graf unter Beweis, dass sie eine soziale Ader hat. Besonders die Zusammenarbeit mit Flüchtlingskindern liegt dem ehemaligen Tennis-Profi am Herzen, 1998 gründete sie ihre Stiftung Children for Tomorrow, die geflüchteten Kindern und Jugendlichen therapeutische Hilfe anbietet. Schon damals habe sie mit der Hamburger Flüchtlingsambulanz zusammengearbeitet, sich mit den dort anwesenden Kindern auseinandergesetzt und sich deren Schicksale angehört. «Zu der Zeit hat man wenig über Traumata gesprochen, psychische Gesundheit war damals noch ein totales Randthema», erklärt Steffi Graf. 

Vor allem bei Kindern, die ihr Leben eigentlich geniessen und mit Neugierde erleben sollten, würden Graf Leidensgeschichten wie Flucht und Traumata besonders ans Herz gehen. «Wenn man erlebt, welche Angst sie vor Berührungen oder generell Kontakt haben, zumal in einem Alter, wo sie eigentlich durch Fröhlichkeit und Neugierde geprägt sein sollten, dann will man automatisch etwas dagegen tun.»

Der Ukraine-Krieg und ihre soziale Arbeit

Steffi Graf zeigt sich erfreut, dass heutzutage mit Themen wie der mentalen Gesundheit und Traumata offener umgegangen wird, was ihrer Meinung nach auch den Medien zu verdanken ist, die diese Angelegenheit verstärkt behandeln. Denn statt wie im Fall des aktuellen Ukraine-Krieges würden die Menschen nicht einfach nur Bilder von zerstörten Gebäuden zu sehen bekommen, sondern auch die Schicksale von den betroffenen Personen, Mütter, die mit ihren Kindern fliehen und alles zurück lassen müssen, sogar ihre Ehemänner. In vielen Fällen würde es sogar passieren, dass die Eltern ihre Kinder alleine auf die Flucht schicken, in der Hoffnung, diese würden in einem anderen Land in Sicherheit sein und fernab von Krieg und Gewalt.

Durch die Berichterstattung der Medien seien wir, die diese Fälle nur aus dem Fernsehen oder aus der Zeitung kennen, trotzdem viel näher am Geschehen dran, was auch die Empathie steigern würde. «Durch die mediale Präsenz in den Krisengebieten hat man jetzt ein ganz anderes Verständnis. Wir sind alle etwas nähergerückt», sagt Steffi Graf.

Den Vorteil ihrer Stiftung sieht sie darin, dass sie sehr eng mit der Schulbehörde in Hamburg zusammenarbeite – in der Hansestadt gebe es seit 2015 sogenannte IVK-Klassen, in denen geflüchtete Kinder im ersten Jahr zunächst die Sprache, das Schulsystem und die neue Kultur kennenlernen. Immer öfter würde Steffi Grafs Stiftung angefragt, mit der Bitte, die Schulen in diesen Klassen mit Psychotherapie zu unterstützen. «Gerade konnten wir mit einer ukrainischen Therapeutin Kontakt aufnehmen, die uns unterstützen kann» sagt die Sportlerin. Es würden aber derzeit immer mehr Therapeuten und Therapeutinnen für Kooperationen gesucht.

Ob sie sich manchmal von den Ereignissen erschlagen fühle, fragt die «Vogue». «Wir werden immer dieses Gefühl haben, dass wir nicht genug tun», erwidert Steffi Graf. Derzeit sei es vor allem für Patienten und Patientinnen aus Ländern wie Syrien, Afghanistan und afrikanischen Ländern schwierig, da die Bilder aus der Ukraine bei den anderen Flüchtlingen Erinnerungen von ihrer eigenen Flucht und den damit verbundenen traumatischen Erlebnissen auslösen. Doch die Therapieplätze seien kanpp, es gebe lange Wartezeiten. «Das macht die Situation momentan sehr schwer. Wir finden niemals ein Ende», sagt Graf.

«Die Kinder sind unsere Zukunft.»

Steffi Graf
Hilfe für die Kinder

Dass Steffi Graf sich so leidenschaftlich für ausgerechnet geflüchtete Kinder und nicht Flüchtlinge allgemein einsetzt, hat für sie einen eigentlich relativ simplen Grund: «Die Kinder sind unsere Zukunft, und es ist einfach enorm wichtig, ihnen so viel Hilfe wie möglich zu geben.» Sie arbeite sehr viel mit Kindern zusammen, die alleine von ihren Eltern auf die Flucht geschickt wurden, doch die Kinder würden die Politik, die Gewalt und die Situationen, die zu ihrem erzwungenen Verlassen geführt hätten, häufig nicht verstehen.

Um den Kindern die bestmögliche Hilfe anbieten zu können, sagt Steffi Graf, sei ihre Stiftung stets auf Spenden und Förderer angewiesen, auch jede private Spende würde helfen. «Daneben ist institutionelle Zusammenarbeit wichtig. Die Schulen, die unsere geflüchteten Kinder besuchen, sind meistens ausserhalb des Stadtkerns an Orten, wo es wenig therapeutische Angebote gibt», sagt die Ex-Tennisspielerin. Durch die Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung sei es Steffi Graf und ihrer Einrichtung jedoch gelungen, im vergangenen September die erste Zweigpraxis an einer Schule zu eröffnen. «Das wurde deutschlandweit zum ersten Mal erlaubt», sagt sie begeistert. Je früher die betroffenen Kinder Therapie und Hilfe erhielten, desto grösser seien die Chancen, die Traumata zu heilen.

Öffentliche Aufmerksamkeit und mentale Gesundheit

Als Person der Öffentlichkeit würde es derzeit immer mehr passieren, dass sich die Leute zu ihrem psychischen Wohlbefinden äusserten – auch unter den Profisportlern und Profisportlerinnen geschehe das inzwischen häufiger. Steffi Graf ist froh darüber, dass in der heutigen Zeit in gesunderes Bewusstsein im Bezug auf die mentale Gesundheit bestehe. «Ich bewundere es, wenn Menschen die Stärke haben, darüber zu sprechen», sagt sie. Sie halte es ausserdem für wichtig, diesen Menschen die nötige Unterstützung zukommen zu lassen, wenn sie trotz ihrer mentalen Krankheit Hochleistungssport treiben, denn das sei ein wichtiger Aspekt für deren Heilung.

Der Druck auf Menschen des öffentlichen Lebens ist durch die sozialen Medien immer stärker gestiegen, das sieht auch Steffi Graf so. Es sei fast ein Muss geworden, sich ständig mitzuteilen, ebenso das Öffentlichkeitsbewusstsein und der Umgang damit. Es sei jedoch schwierig, dabei die richtige Balance zu finden, denn: «Es gibt manche, die unheimlich viel daraus ziehen, viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Aber es kann natürlich auch ganz schnell das Gegenteil bewirken.» 

Durch den Austausch mit Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen sei Steffi Graf erklärt worden, dass es immer mehr Kinder gebe, die bereits in jungen Jahren an psychischen Probleme leiden. Das sehe sie auch in ihrer Wahl-Heimat Las Vegas, wo die Gewalt an Schulen zugenommen und «erhebliche Ausmasse angenommen» habe, sowohl unter Schülerinnen und Schülern, als auch von Schülerinnen und Schülern gegen Lehrpersonen. «Es ist beängstigend», sagt Steffi Graf – sie wolle nicht negativ klingen, aber es werde immer deutlicher, dass sich gerade bei Kindern und Jugendlichen einiges verändere.

Durch ihre eigenen Erfahrungen ist Steffi Graf zu der Frau geworden, die sie heute ist. Was sie ihrem 18-jährigen Selbst raten würde? Darauf weiss die Tennis-Legende keine genaue Antwort, denn: «Ein 18-jähriges Mädchen muss erst eigene Erfahrungen sammeln. Ob gut oder schlecht.»

Von san am 16. Juni 2022 - 17:30 Uhr
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