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Kurz vor dem Rücktritt

Anita Fetz und Peter Föhn: Das Streitgespräch

Bye-bye, Bern. Anita Fetz und Peter Föhn haben zusammen über 50 Jahre Parlament auf dem Buckel. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Worüber die linke Städterin mit dem rechten Bergler streitet und wer von beiden den Wyberhaken kann.

Peter Foehn Anita Fetz

Yin und Yang: SP-Frau Anita Fetz, 62, und SVP-Mann Peter Föhn, 66, verbrachten die letzten acht Jahre zusammen im Ständerat. Im Herbst treten beide zurück.

Kurt Reichenbach

Noch eine Session bis zum Abschied aus dem Bundeshaus: Anita Fetz, 62, und Peter Föhn, 66, treffen sich für den Termin mit der Schweizer Illustrierten im Ständeratssaal, wo sie schon so manchen Strauss ausgefochten haben.

Sie haben beide schnell für dieses Doppelinterview zugesagt. Kann es sein, dass Sie sich trotz allen Unterschieden mögen?
Anita Fetz: Sag du zuerst.
Peter Föhn: Ja, das ist so. Wir haben uns oft auf sachpolitischer Ebene gestritten – ziemlich heftig sogar. Aber sind nachher immer noch auf ein Bier.
Fetz: Also für mich gabs Weisswein.
Föhn: Anita Fetz ist eine, die auf Leute zugeht, und das gefällt mir.
Fetz: Wir sind zwar in 80 Prozent der Themen anderer Meinung. Aber persönlich kommen wir gut miteinander aus.

Warum klappt das bei Ihnen?
Föhn: Letztes Jahr habe ich in einer Kommissionssitzung ziemlich heftig mit Roberto Zanetti und Anita Fetz gestritten. Wir sind dann raus, haben uns in den Arm geboxt und gesagt: Kommt, gehen wir eins trinken. Wir sassen zu dritt im Restaurant beim Bundesplatz, und unsere Kollegen, die vorbeigingen, schüttelten ob uns dreien nur den Kopf.

Anita Fetz und Peter Föhn

Gute Freunde: Im Ständeratssaal setzt sich Anita Fetz für einmal zu Peter Föhn. Sonst ist das nur in der Beiz der Fall.

Kurt Reichenbach

Diese Freundschaft scheint nicht allen zu gefallen.
Fetz: Das kann sein. Ich finde, es gibt in allen Parteien Menschen, die in Ordnung sind.
Föhn: Ich schätze Leute, die niemandem dienen müssen. Das schweisst uns vielleicht ein wenig zusammen. Wir reden für uns selber. Das heisst nicht, dass wir …
Fetz: … zusammen in die Ferien fahren würden.
Föhn: Ich hätte jetzt fast gesagt, zusammen ins Bett gehen (lacht).

Anita Fetz: «Er weiss ja, wie linksgefedert ich bin»

Nervt Sie der andere auch mal?
Fetz: Nein, ich weiss ja, wie reaktionär er ist. Und er weiss, ja wie … Wie nennst du mich immer?
Föhn: Linksgefedert.
Fetz: Stimmt (lacht)! Er weiss, wie linksgefedert ich bin. Da können wir uns nicht immer aufregen.
Föhn: Mich nerven andere. Vor allem jene aus den Mitteparteien, die hier in Bern eine Meinung vertreten und daheim ganz anders reden. Das tut mir weh.
Fetz: Da bin ich voll auf deiner Seite.

Gibt es viele davon im Stöckli?
Fetz: Ein grosses Problem sind die Parlamentarier mit ihren Mandaten. Heute sitzen sie weniger im Verwaltungsrat, weil man dort haftet, sondern in irgendeinem Beirat.
Föhn (nickt zustimmend): Es ist eine Seuche. Alle, die sich hier Unternehmer schimpfen oder im Namen von uns Unternehmern reden, haben nie jemandem einen Lohn bezahlt oder einen Stift ausgebildet. Aber rühmen sich mit: Ich bin Verwaltungsrat. Dabei übernehmen sie kaum Verantwortung, sicher keine finanzielle.
Fetz: Ja, das ist lächerlich.

Peter Föhn: «Diese Arroganz hat den Föhn durchgeschüttelt»

Sie, Frau Fetz, sassen doch auch im Verwaltungsrat, etwa bei der damaligen Coop-Bank?
Fetz: Ja, aber die wussten alle, dass ich für die Beseitigung des Bankgeheimnisses bin – und dass es so kommen wird. Ich habe immer meine Meinung gesagt.

Zusammen sitzen Sie jetzt über 50 Jahre im Bundeshaus. Sind Sie Sesselkleber?
Fetz: Als erste Frau in diesem Amt wollte ich einfach eine Legislatur länger im Ständerat bleiben als alle Männer aus Basel-Stadt vor mir. Darum blieb ich 16 Jahre.
Föhn: Ich wollte nach 16 Jahren im Nationalrat aufhören. Aber als der amtierende CVP-Ständerat Bruno Frick im ersten Wahlgang das absolute Mehr nicht schaffte, hörte ich per Zufall, wie er im Radio sagte, der zweite Wahlgang sei für ihn reine Formsache. Diese Arroganz hat den Föhn so durchgeschüttelt, dass ich kandidierte und statt Bruno gewählt wurde.

anita fetz und peter föhn

Streithähne: Fetz und Föhn fetzen sich nur auf sachpolitischer Ebene. «Persönlich kommen wir gut aus.»

Kurt Reichenbach

Warum treten Sie jetzt zurück?
Fetz: Ich habs gesehen. Ich werde aber weiter in meiner Firma arbeiten, die Unternehmen berät. Alle in meinem Umfeld wollen auch im AHV-Alter etwas bewegen. Nicht wegen des Geldes, sondern aus Freude am Engagement. Ich werde weiterhin politisieren. Zwei Themen liegen mir besonders am Herzen: die Konzernverantwortungsinitiative und die Trinkwasserinitiative.
Föhn: Also ich freue mich riesig auf die Zeit danach.
Fetz: Endlich länger schlafen.
Föhn: Genau! Oder nachmittags auf dem Sofa liegen und Skirennen oder einen Federer-Match schauen. Ich habe vor zwei Wochen meine Firma MAB Möbel den Kindern überschrieben. Ich plane keine grossen Reisen, aber ich will wieder mehr wandern. Ich werde weiterhin SVP-Veranstaltungen besuchen und bei Bedarf den Mahnfinger heben. Vor allem im Kampf gegen dieses unselige EU-Rahmenabkommen.
Fetz: Jetzt ist der Bundesrat am Zug. Ohne Lohnschutz unterstützen die Linken den Rahmenvertrag nicht. In der ganzen EU sind wir Schweizer mit unserem Lohnschutz ein Vorbild. Ich bin überzeugt: Der Bundesrat wird die offenen Punkte in unserem Sinne regeln. Und dann werde ich für den Rahmenvertrag kämpfen. Und gegen dich! (Lacht.)
Föhn: Es ist noch gar nichts geregelt, ausser dass sich die Schweiz freiwillig unter das Joch der EU begibt. Die Schweizer sind nicht geboren, um sich zu unterwerfen.

anita fetz

Die Baslerin: Anita Fetz war zwischen 1984 und 1989 für die POCH im Nationalrat. Ab 1999 sass sie für die SP in der grossen und der kleinen Kammer.

Kurt Reichenbach

Sie beide mussten in Ihren Karrieren auch Vorwürfe in den Medien ertragen: Sie, Frau Fetz, nachdem bekannt wurde, dass Ihnen der umstrittene Financier Dieter Behring 25 000 Franken für den Wahlkampf gespendet hat.
Fetz: Ja. Und Sie, Herr De Schepper, waren als «Blick»-Chefredaktor massgeblich für diese Kampagne verantwortlich. Das habe ich nicht vergessen und niemals verziehen – auch wenn es 15 Jahre her ist.

Darum sprechen wir es an.
Fetz: Okay. Die Stiftungsaufsicht brauchte damals neun Monate für ihren Bericht, der mich in allen Punkten entlastet hat. Ich hatte mit Behring nichts zu tun, ausser dass er im gleichen Stiftungsrat sass. Das wochenlange Medienbashing war die Hölle für meine Angehörigen, meine Freunde, mein Geschäft. Ihr Schreibtischtäter wisst gar nicht, was ihr anrichtet. Ins Muster gehört, dass die Entlastung dann mit fünf Zeilen erwähnt wird.

Und Sie, Herr Föhn, standen 2013 wegen einer Gratis-Übernachtung im Fünf-Sterne-Hotel Chedi in Andermatt in den Schlagzeilen.
Föhn: Meine Frau und ich waren im «Chedi» zum Essen eingeladen und haben was getrunken. Da kam ein Schneesturm auf, und wir beschlossen: Wir schlafen hier. Als wir am nächsten Tag zahlen wollten, hiess es, wir seien eingeladen. So hatten die Journalisten wenigstens etwas zu berichten.

Peter Föhn

Der Schwyzer: Peter Föhn war für die SVP 16 Jahre Nationalrat, danach acht Jahre im Stöckli.

Kurt Reichenbach

Für die elektronische Stimmabgabe haben Sie gemeinsam gekämpft.
Föhn: Im Stöckli waren nicht alle immer ehrlich und haben den Finger heimlich hinter dem Rücken des Kollegen aufgestreckt, sodass der Stimmenzähler es nicht sah.
Fetz: Für die elektronische Abstimmung kämpfte stets eine Koalition aus SP und SVP. Nur die Mitte wollte das lange nicht.

Letzten Freitag war Frauenstreik. Frau Fetz, Sie haben sich immer für die Frauen eingesetzt. Herr Föhn, wie stehen Sie zur Gleichberechtigung?
Ich habe Frauen sehr gern, bin aber ein bisschen konservativ. Zu Hause habe ich ein super Verhältnis zu meiner Frau und zu meiner Tochter. Was will ich mehr? Frauen müssen die Gleichberechtigung vorleben, solche Demonstrationen bringen nichts.
Fetz: Du sagst, du liebst die Frauen. Sie können alles selber regeln. Aber Abtreibungen sollen verboten sein?
Föhn: Ich sehe das von der religiösen Seite. Es darf niemand dazu gezwungen werden. Aber bei einer Vergewaltigung finde ich auch, dass ein Schwangerschaftsabbruch möglich sein soll.

Anita Fetz: «Du kannst den Wyberhaken nicht, gell?»

In Teilen der USA sollen Abtreibungen nicht mal mehr für Gewaltopfer möglich sein.
Fetz: Sobald es einen Rechtsrutsch gibt, müssen Frauen aufpassen.
Föhn: Rechte Politik kommt nicht von ungefähr. Die Leute haben das Bedürfnis nach Heimatverbundenheit. Darum kommen Schwing- und Volksfeste wieder vermehrt auf.
Fetz: Dagegen hat ja niemand etwas. In der Stadt Basel haben wir auch ein Schwingfest. Darum kann ich auch den Wyberhaken. Das haben sie mir beigebracht, damit ich mich in Bern durchsetzen kann. Den kannst du nicht, gell?
Föhn: Ich kann ihn. Du kannst ihn ganz sicher nicht!
Fetz: Doch!
Föhn: Ja, ja, erzähl weiter …

Falls nicht, haben Sie ja bald Zeit, ihn zu lernen. Was halten Sie von Ihrem politischen Nachwuchs?
Föhn: Die sind viel aktiver und kämpferischer als unsere Generation. Unsere jungen SVPler sind super. Wenn ich nicht gesehen hätte, was für tolle Jungpolitiker wir haben, hätte ich schon lange aufgegeben.
Fetz: Seit Langem gibt es wieder eine politisierte Jugend. Weltweit kämpfen die Jungen in den Städten für das Klima und die Gleichberechtigung. Grossartig. Wie siehts auf dem Land aus?
Föhn: Gut, den Klimawandel gab es immer. Das Problem ist, dass er jetzt mit unserer Lebensweise etwas schneller ist. Auf dem Land zählt die Eigenverantwortung. Wir müssen uns nicht alles vorschreiben lassen.

Beim Frauenstreik waren die Landfrauen auch dabei.
Fetz: Ja, das ist so! Ich habe vor vier Jahren in der Agrarvorlage das beantragt, was die Bäuerinnen heute offensiv fordern. Ich fand schon damals, dass sie miserabel abgesichert sind. Er wurde leider abgelehnt. Ich hoffe, es klappt diesmal.
Föhn: Da haben wir wirklich ein Problem. Die Bäuerinnen haben keine sichere Existenz, wenn sie sich scheiden lassen. Also, unsere Nachfolger haben eine Menge Arbeit. 

Von Silvana Degonda am 22. Juni 2019