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  4. Bundesrat Alain Berset: «Die Schweiz ist wie Fondue»

So zieht er die Fäden in der Beiz

Alain Bersets geheime Fondue-Diplomatie

Offen wie nie. Bundesrat Alain Berset erklärt in der Freiburger Altstadt seine Zehn-Millionen-Offensive gegen den Röstigraben. Und verrät, wie er seine SVP-Kollegen und ausländische Minister mit Fondue zum Schmelzen bringt.

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Kurt Reichenbach

Monsieur le Conseiller fédéral, wie gehts?
Gut. Es war ein sehr bewegter Tag. Ich bin sehr früh in Genf aufgestanden, war dort an einer internationalen Tagung über den Gletscherschwund und dann am Nachmittag in Bern, wo ich hauptsächlich die Bundesratssitzung vorbereitet habe.

Vorhin hat Sie die Wirtin des Restaurants du Gothard, wo wir zum Interview und Znacht abgemacht haben, gefragt: Wie haben Sie das geschafft: acht Jahre Bundesrat und immer noch so eine tolle Figur?
(Lacht und zeigt auf seinen Kommunikationschef Peter Lauener.) C’est lui. Er schaut, dass ich möglichst gut aussehe. (Und ergänzt:) Non. Sérieusement. Das tönt jetzt vielleicht komisch. Aber das Politgeschäft ist auch körperlich sehr anstrengend. Es gibt Wochen mit bis zu 80 Arbeitsstunden. Man eilt zu Sitzungen mit Ämtern, Interessenvertretern, zu Parlamentsdebatten, an Anlässe in der ganzen Schweiz oder im Ausland. Politik ist eine Sportart, auch wenn sie nicht olympisch ist … 

Und wie verdauen Sie diese Anspannung so problemlos, dass man es Ihnen nicht ansieht?
C’est le sport. Ich glaube, dass ich dank meiner Erfahrung als Leichtathlet meinen Körper sehr gut spüre. Ich weiss, wann ich wirklich erschöpft bin. 

Was machen Sie dann?
Dann bitte ich mein engstes Mitarbeiterteam: Streicht alle Termine, die nicht absolut unverzichtbar sind. Gebt mir etwas Zeit zur Erholung. Das kam bisher ein- oder zweimal vor. So in meinem ersten Jahr am Schluss der Wintersession. Ich spürte, dass ich erschöpft war – genau wie früher manchmal als Sportler nach einer harten Saison. Und voilà, das haben sie gemacht, und ich kam wieder zum Atmen.

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Umgekehrt lieben Sie als Sportler sicher so Tage wie heute, wo Sie um fünf aufstehen müssen und heute Abend nach unserem Nachtessen nicht vor Mitternacht daheim sein werden. Sie brauchen doch dieses Adrenalin!
Das ist nicht falsch.

Sie sind auch Gesundheitsminister. Gehen Sie zum Generalcheck, wie es Männern in Ihrer Position und Ihrem Alter geraten wird?
Nach meinem Jahr als Bundespräsident habe ich tatsächlich bei meinem Hausarzt einen Check gemacht.

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Fondue du «Gothard» besteht aus Vacherin. «Und zwar aus Vacherin von vier verschiedenen Sorten», so der Freiburger Berset.

Kurt Reichenbach

Wir wollen mit Ihnen als Kultur- und Sprachminister über das Verhältnis zwischen Deutsch- und Westschweiz reden. Da haben Sie spontan das «Gothard» hier als Interviewort vorgeschlagen. Warum?
Das «Gothard» ist ein Stück Freiburg pur. Hier treffen sich alle Schichten, alle Parteien, einfach tout le monde. Zudem sind wir hier ein paar wenige Meter von der Saane entfernt, die Deutschschweiz und Romandie trennt. 

Und Sie bestehen darauf, dass wir hier mit Ihnen ein Fondue essen.
Klar. Das typische Freiburger Fondue moitié-moitié ist genau diese Mischung, die unser Land ausmacht. Eine Käsesorte allein ist langweilig. Selbst das Fondue Vacherin hier besteht nicht aus einem einzigen Vacherin, sondern aus einer Mischung aus vier verschiedenen Vacherin-Sorten. Das ist es, was die Kultur unseres Landes ausmacht. Mit Fondueessen habe ich schon viele gute Erfahrungen gemacht. Es ist einfach, und es animiert zum Austausch. Man rührt im selben Topf, echt und symbolisch. So lade ich zum Beispiel gern auch mal meine Bundesratskollegen zum Fondue nach Fribourg ein.

Also auch Ueli Maurer und Guy Parmelin?
Genau. Und das sind immer sehr angenehme und verbindende Momente. Mit dem früheren Gesundheits- und Aussenminister Grossbritanniens, Jeremy Hunt, habe ich bei mir daheim einmal Fondue gegessen. Das war hilfreich für das gegenseitige Verständnis.

Fondue als verbindendes Element unseres Landes. Das tönt jetzt alles sehr idyllisch. Haben Sie nicht den Eindruck, dass wir hier in der Schweiz im Gegenteil am Auseinanderdriften sind?
Nein. Als Bundesrat komme ich wirklich viel im ganzen Land herum und erlebe das nicht so. Ich sehe vielerorts das Bemühen, einander zu verstehen. 

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Immer weniger Deutschschweizer und Westschweizer tauschen sich aus. Nur zwei von hundert Schülern kommen in den Genuss eines Sprachaustausches. Früher war das mit Militär, Au-pair und Welschlandjahr viel besser!
Ja. Sie haben recht. Das ist viel zu wenig. Genau darum haben wir jetzt im Bundesrat eine Kulturbotschaft verabschiedet, mit der wir auch den schulischen Austausch innerhalb der Schweiz massiv stärken wollen.

«Hier im Restaurant du Gothard treffen sich alle Schichten, alle Parteien, einfach tout le monde.»

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«Bienvenu»: «Gothard»-Patronne Muriel Hauser (l.) begrüsst Kulturminister Alain Berset. «Bei uns sind Sie ein Gast wie alle anderen.»

Kurt Reichenbach

Das sind doch alles fromme Wünsche! An der Kantonsschule in Olten etwa hatten Kinder Sprachaufenthalte in London, aber nichts dergleichen in der Westschweiz. Gäbs das, müsste Olten auch Westschweizer aufnehmen. Das sei alles kompliziert, hiess es. Zwei Wochen London zu buchen, sei viel einfacher.
Nein. Das ist kein Wunschprogramm. Wir wollen ab 2020 vier Jahre lang mit zusätzlich zehn Millionen Franken den Klassen- und Einzelaustausch fördern. Dazu gehört auch ein Austauschprogramm für angehende Lehrer und eines für die berufliche Grundausbildung.

Aber Sie selber haben doch nicht Deutsch in Olten gelernt, sondern in Hamburg! Und Ihr Sohn geht jetzt auch nach Hamburg statt in die Deutschschweiz. Deutschland und die Deutschschweiz sind nicht dasselbe!
Ja, ich weiss. Aber es gibt persönliche Kontakte unserer Familie nach Hamburg, und das spielt ebenfalls eine Rolle. Meine Kinder haben auch Austausch innerhalb unseres Landes. Er ist ein grundlegender Beitrag zur Verständigung der sprachlichen und kulturellen Gemeinschaften. Ich erinnere mich noch gut, wie zufrieden und befreit ich mich fühlte, als ich nach einer gewissen Zeit als Ständerat das Gefühl hatte, auf Deutsch alles zu verstehen und auf Augenhöhe mitdiskutieren zu können. Darum finde ich übrigens dieses Interview so spannend: Es ist das erste Mal, dass ich von einem Westschweizer und einem Deutschschweizer Journalisten gleichzeitig zum selben Thema befragt werde. 

Werden Sie denn in der Deutsch- und der Westschweiz verschieden wahrgenommen?
Ich glaube ja.

Worin äussert sich dieses unterschiedliche Image konkret?
Als Ständerat und Vizepräsident der SP-Fraktion war ich mit meinen Positionen und meiner Art in der Romandie bereits bekannt. In der Deutschschweiz war ich vor meiner Wahl in den Bundesrat ein weitgehend weisses Papier.

«Ich bin ein Optimist, und ich glaube, das ist der Geist unseres Landes: neugierig auf Neues zu sein.»

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Alain Berset: Der Vater von drei Kindern lebt in Belfaux FR, wo er aufgewachsen ist. Schon sein Grossvater und seine Mutter politisierten für die SP, seine Frau Muriel hat mit ihren Gemälden Erfolg. Mit 40 Jahren kam er 2012 in den Bundesrat, wo er das Departement des Innern leitet.

Kurt Reichenbach

Sie werden also in der Deutschschweiz weniger politisch wahrgenommen?
Nein. Auch politisch. Aber anders. 

Ja wie denn?
In der Deutschschweiz werde ich vielleicht weniger schubladisiert, dort begegnet man mir offener als in der Westschweiz, wo ich eine längere mediale Vergangenheit habe.

Und die Sprache? Fühlen Sie sich hier nicht ausgeschlossen, wenn wir nach dem Interview oder nach offiziellen Anlässen sofort untereinander wieder Dialekt reden.
(Lacht.) Nein. Keine Bange. Mittlerweile verstehe ich Sie recht gut, wenn Sie Dialekt reden.

Jüngst sorgte ein Headhunter für Schlagzeilen, als er forderte, der neue SBB-Chef müsse nicht zwingend Französisch können. Das würde nur fähige Kandidaten ausschliessen.
Das zeugt einfach nur von mangelndem Respekt gegenüber unserer Kultur in unserem mehrsprachigen Land.

Aber der neue Armeechef, den der Bundesrat abgesegnet hat, kann auch nicht Französisch!
Eine Sache ist es, wenn man am Anfang seines Amtes eine andere Landessprache wenig beherrscht, eine andere, wenn man diese auch nach ein paar Jahren immer noch nicht beherrscht.

Wir haben das Gefühl, dass unsere Geselschaft immer mehr vereinzelt. Viele unserer Bekannten haben zwar einen Job, fühlen sich aber zusehends unter Druck und erschöpft. Die Digitalisierung lässt grüssen …
Ja, das stimmt wohl für unsere Generation. Wir haben Mühe, alle diese Veränderungen zu verdauen. Andererseits haben wir Schweizer seit je auf jeden technologischen Wandel gut reagiert und ihn als Chance genutzt. Ich bin Optimist, und ich glaube, das ist der Geist unseres Landes: neugierig auf Neues zu sein.

Aber nein. Unsere Stärke ist es doch, alles zu hinterfragen und nicht sofort auf jede Neuerung aufzuspringen.
Wir unterscheiden einfach zwischen Innovation und Hype. Wir glauben nicht alles, was man uns als revolutionären Fortschritt anpreist. Insofern sind wir tatsächlich skeptisch. Aber wir sind alles andere als Hinterwäldler. Wir sind super in der Innovation und haben auch dank EPFL und ETH unglaublich viele gute Start-ups.

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«Wir sind skeptisch, aber alles andere als Hinterwäldler»: Alain Berset will noch lange Bundesrat bleiben.

Kurt Reichenbach

Sie leben doch als Bundesrat in einer optimistischen Blase. Ich zum Beispiel tue mich schwer, den Kindern zu raten, was Sie angesichts der Digitalisierung wirklich lernen und tun sollen.
Ein Unbehagen angesichts der Digitalisierung scheint mir mehr unser Problem zu sein als das unserer Kinder. Als ich mit Arbeiten begann, gab es noch Schreibmaschinen. Unsere Kinder leben von Anfang an mit Computer und Smartphone.

Das ist doch alles schöngeredet! Es werden viele Jobs verschwinden, und schon heute gelten über 50-Jährige im Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar.
Ja, darauf gibts nur eine Antwort: permanente Weiterbildung.

Aber für Endfünfziger, die arbeitslos werden, ist das ein schwacher Trost.
Stimmt. Darum wollen wir diese speziell unterstützen. Mit massgeschneiderten Integrationsmassnahmen und einer Überbrückungsleistung. 

Das kostet doch Unsummen.
Falsch. Es geht um etwa 4400 Personen, die am Schluss ihres Arbeitslebens das Pech haben, die Stelle zu verlieren und ausgesteuert zu werden. Es geht nicht an, dass sie in die Sozialhilfe abrutschen. Das kostet langfristig rund 230 Millionen pro Jahr. Dafür sparen die Ergänzungsleistungen und die Sozialhilfe etwa 50 Millionen. Das können wir uns leisten.

Ihr Freiburger Freund Christian Levrat hört als SP-Präsident bald auf. Bedauern Sie das?
Irgendwann musste das ja kommen. Christians Verdienste sind gross. Er ist ein geschickter Stratege, der die SP zwölf Jahre lang mit viel Herzblut und Engagement geführt hat. Er wird aber weiterhin eine wichtige Rolle im Ständerat und in der SP haben.

Und wie lange wollen Sie selber noch Bundesrat sein?
Darüber denke ich nicht nach. Es macht mir Spass, und im Moment kann ich mir nichts anderes vorstellen.

Wirklich, Sie sind ja erst 47?
Ja, wirklich. Ich bin so drin. Ich denke heute immer an meine Arbeit. Und lebe meine Berufung.

Von Werner de Schepper und Michel Jeanneret am 15.11.2019
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