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Reise tief in die Kindheit

Bertrand Piccard taucht mit dem U-Boot ab

Es ist das einzige U-Boot in der Schweiz, das Passagiere befördert. Mit Bertrand Piccard hat Subspirit-Kapitän Philippe Epelbaum einen prominenten Gast an Bord. Für diesen ist das Abtauchen mit besonderen Emotionen verbunden.

U-Boot "Subspirit"

Kapitän Philippe Epelbaum (r.) mit Passagier Piccard im Cockpit der «Subspirit». Direkt hinter ihnen die zwei weiteren Gästeplätze.

Kurt Reichenbach

Tief runter in den See geht die Reise – und tief zurück in die Vergangenheit. «Ich freue mich wie damals, als ich als Bub mit meinem Vater in seinen U-Booten mitfahren durfte», sagt Bertrand Piccard. Der 64-jährige Wissenschafter, Abenteurer und Forscher aus Lausanne lässt seinen Blick über die Wellen gleiten, zum nahen Hotel Vitznauerhof in Vitznau LU, zum Bürgenstock. Dann steigt er durch die Luke ins U-Boot. Kapitän Philippe Epelbaum, 58, ist schon da, schliesst die Luke und setzt sich im engen Cockpit neben Piccard an den Steuerknüppel. Er startet die vier batteriebetriebenen Elektromotoren, geht die Checkliste durch, prüft Anzeigen, Ventile und Instrumente.

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«Ready?», fragt er seinen Passagier. Piccard nickt – und los gehts. Ein paar Sekunden noch schimmert das Blau des Himmels durch das Glas der Luke, dann das Hellgrün des klaren Wassers. Langsam gleitet das U-Boot in die eiskalten Tiefen des Vierwaldstättersees. Senkrecht, Meter für Meter, lautlos. Das Ziel der «Subspirit P-63» liegt 80 Meter unter dem Wasserspiegel, im Stockdunkeln. Es ist die «Vitzanove».

U-Boot "Subspirit"

Ein «Subspirit»-Teammitglied macht das U-Boot auf dem Vierwaldstättersee vor Vitznau LU parat für den Tauchgang mit Bertrand Piccard. Hinten der Bürgenberg mit dem Bürgenstock.

Kurt Reichenbach
Platz für vier Personen im U-Boot

«Elefantenbaby»: So nennt Epelbaum seine «Subspirit P-63». Das P steht für seinen Vornamen, 63 für seinen Jahrgang. Sie ist das einzige U-Boot in der Schweiz, das Passagiere befördert. Subspirit AG heisst Epelbaums Firma in Engelberg OW, die es betreibt. Fünfeinhalb Meter lang ist der graue Koloss mit der Immatrikulationsnummer NW 838, zweieinhalb Meter breit, 6,5 Tonnen schwer. Die Wand besteht aus fünf Zentimeter dickem Stahl. Vier Personen bietet die «P-63» Platz: dem Kapitän und drei Passagieren. Der enge Raum, in dem sie sitzen, ist eineinhalb Meter hoch. Gebaut wurde das Boot in den 1980er-Jahren in einer Werft am Bodensee, es erhielt die Zertifizierung vom Germanischen Lloyd. Jahrelang kam es bei Unterwasserarbeiten zum Einsatz. Etwa wenn es darum ging, Staumauern nach Rissen abzusuchen. Vor zwei Jahren hat Epelbaum das Unterseeboot gekauft. «Nach vier Jahren als Skipper eines Katamarans auf dem Mittelmeer suchte ich wegen der Coronapandemie nach einer neuen Herausforderung.»

Er liess das U-Boot für «mehrere Hunderttausend Franken» akribisch generalüberholen und mit modernsten Systemen für Passagierfahrten einrichten. Dafür verkaufte der Obwaldner aus Engelberg seine Firma für Produktefotografie. «Ich war schon immer ein Freigeist. Neues und Ungewöhnliches anzureissen, liegt in meinen Genen», sagt der Sohn eines Zahnarzts. Seit 40 Jahren ist Epelbaum passionierter Taucher. «Fast jedes Meer und unzählige Wracks habe ich erkundet» – zum Beispiel Kriegsschiffe und Flugzeuge im Westpazifik, welche die US-Amerikaner bei ihren Atombombentests während der 1940er- und 1950er-Jahre versenkt hatten.

U-Boot "Subspirit"

Jeder Mitfahrende muss vor dem Einsteigen auf die Waage – auch Bertrand Piccard (Bild). Das Gewicht des Boots muss immer gleich sein. Sonst wird aus dem Vorrat Blei nachgeladen.

Kurt Reichenbach
U-Boot "Subspirit"
Kurt Reichenbach
«Die Fische reagieren mit Neugier»

30 Gästefahrten mit der «P-63» haben Epelbaum und sein siebenköpfiges Team seit Dezember 2021 bereits unternommen. Im Vierwaldstättersee, bis in 100 Meter Tiefe. Jede Fahrt mit dem Hightech-Gefährt ist ein Abtauchen in eine unbekannte Welt. Zu schroffen Felswänden, Schiffs- und Autowracks, sogar ein Militärflugzeug liegt auf dem Grund des Sees. Epelbaum geht es darum, die Gäste spüren zu lassen, «dass die Stille in der Tiefe genauso spannend ist wie Action». An Bord hatte er schon 12- bis 80-jährige Gäste. Darunter Leute, die ein besonderes Geburtstagsgeschenk einlösten. Und ein älteres Ehepaar wollte einfach einmal in die Tiefe abtauchen – beide können nicht schwimmen. Den Passagieren, die zu Beginn der Fahrt einen Hauch von Angst verspüren, erklärt der Pilot, warum «die Fahrt absolut sicher ist».

Mehrere mechanische und hydraulische Systeme sorgen dafür, dass das Boot jederzeit kontrolliert an die Oberfläche aufsteigen kann. Alle Passagiere seien «begeistert, wenn sie aus dem U-Boot steigen». Auch Kritik gab es, von Naturschützern. Epelbaum: «Bei unseren Fahrten sieht man nicht nur die Schönheit der Natur, sondern ebenso herumliegenden Abfall wie Velos, Bierdosen und auch schon mal einen Kühlschrank.» Die Motoren der «P-63» seien leise und umweltfreundlich. «Die Fische reagieren mit Neugier. Wir haben noch nie einen flüchten sehen. Auch den Hecht nicht, den wir gestern sichteten.»

U-Boot "Subspirit"

Auf dem Begleitboot werden Epelbaum und Piccard (hinten r.) zum U-Boot transportiert. Vorne Teammitglieder Guido Mathieu (l.) und Commander Hansjürg Caprez.

Kurt Reichenbach

15 Grad ist es an Bord, der Luftdruck beträgt wie an der Oberfläche ein Bar. «Eine Heizung haben wir nicht, auch kein Catering», sagt Kapitän Epelbaum und lacht. Bertrand Piccard hat vorgesorgt: Er hat die Thermounterwäsche angezogen, die er bei seinen Flügen in der «Solar Impulse» trug. 30 Meter pro Minute sinkt die «Subspirit». Immer wieder quittiert der Kapitän das Signal des Totmannknopfs. Wenn er das nicht täte, begänne sofort der automatische Wiederaufstieg. Oberhalb der «P-63» dümpelt ihr Begleitboot – darin sitzt der Commander, der das U-Boot überwacht. Über das Hydrofon kommuniziert er mit dem Piloten und empfängt dessen Statusmeldungen. Auf dem Monitor sieht er die Position der «P-63».

«Die Stille in der Tiefe ist genauso spannend wie Action»

Philippe Epelbaum, Besitzer/Pilot der Subspirit
U-Boot "Subspirit"

Am Seeboden, in 80 Meter Tiefe. Der Blick durchs Front-Bullauge zeigt das Wrack des 1999 gesunkenen Fahrgastschiffs «Vitzanove».

Kurt Reichenbach
Bertrand Piccard übernimmt das Steuer

Die «Subspirit» ist am schlammigen Seeboden angekommen. Ihre Scheinwerfer strahlen weit in die gespenstische Finsternis. Mit drei Knoten (fünf Kilometer pro Stunde) fährt sie durch das vier Grad kalte Wasser. Gebannt schaut Piccard durch das zwölf Zentimeterdicke Front-Bullauge. Absolute Stille. «La voilà!», ruft Piccard. Da liegt das Wrack der «Vitzanove»! Das Fahrgastschiff war 1999 beim Sturm Lothar gekentert und gesunken, ohne Personen an Bord. «Darf ich?», fragt Piccard. Der Kapitän nickt – sein Gast übernimmt das Steuer, fährt die «Subspirit» mit feinem Gespür um das Wrack. «Mein Vater sagte immer: Steuern muss man ganz sanft! Das habe ich auch im Cockpit der ‹Solar Impulse› so gemacht.» In den 1960er-Jahren hatte Vater Jacques, der weltberühmte Pionier der Tiefseeforschung, seinen Sohn mehrmals in seinem U-Boot «Mésoscaphe PX-8» mitgenommen.

An eine Fahrt erinnert sich Bertrand besonders gern: 1964, anlässlich der Schweizerischen Landesausstellung in Lausanne – er war sechs Jahre alt. «Es ist eine Reise zurück in meine Kindheit», sagt er zum Kapitän. Dieser hat den Commander um die Freigabe fürs Auftauchen gebeten. Doch er muss warten: Oben fährt gerade das Kursschiff «Waldstätter» vorbei.

«Die Welt so tief unten im Wasser ist magisch, sie flösst Ehrfurcht ein»

Bertrand Piccard
Fotocrédit: HO Bitte in der Byline entsprechend erfassen.

So sieht Epelbaums «Elefantenbaby» von aussen aus. Um sie zu reinigen, wird die «P-63» regelmässig ausgewassert, hier in Luzern.

ZVG

Nach 75 Minuten Tauchfahrt steigen die beiden von der Luke aufs Begleitboot. Piccards Augen leuchten. «Superbe! Merci! Die Welt so tief unten im Wasser ist magisch, sie flösst Ehrfurcht ein.» Zum Abschied klopft er Epelbaum auf die Schulter: «Mit der Subspiritzeigen Sie Neugier und Pioniergeist. Solche Tugenden braucht die Welt!"

U-Boot "Subspirit"

Piccard in der Luke vor dem Aussteigen. Vor 30 Jahren fuhr er im U-Boot «F. A. Forel» seines Vaters Jacques schon einmal im Vierwaldstättersee.

Kurt Reichenbach
Von Thomas Kutschera am 18. März 2022 - 18:18 Uhr
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