1. Home
  2. People
  3. Swiss Stars
  4. Corine Mauch: Erste queere Stapi tritt zurück
Aus die Mauch

Corine Mauch tritt nach 17 Jahren zurück

Ende Mai geht eine Ära zu Ende. Nach 17 Jahren tritt Corine Mauch als Stadtpräsidentin von Zürich zurück. Wie die SP-Politikerin ihr Image als «graue Mauch» loswurde und worauf sie sich nun am meisten freut.

Artikel teilen

<p>Die Notizen braucht sie nicht mehr. Corine Mauch in ihrem Büro im zweiten Stock des Stadthauses in Zürich. Langsam gehts ans Ausräumen.</p>

Die Notizen braucht sie nicht mehr. Corine Mauch in ihrem Büro im zweiten Stock des Stadthauses in Zürich. Langsam gehts ans Ausräumen.

Kurt Reichenbach

Wer zur Stadtpräsidentin von Zürich will, muss an der Schlange in der Schalterhalle des Stadthauses vorbei. Hier ist die Anlaufstelle für jegliche Bürgeranliegen. Einen Stock höher geben sich Verliebte das Jawort, ein paar Türen weiter ist das Bestattungsamt. «Mein Arbeitsplatz ist ein offenes Haus für die unterschiedlichsten Menschen, das finde ich sehr schön», sagt Corine Mauch (65) beim Empfang in ihrem lichtdurchfluteten Büro mit Blick auf die Limmat und das Zürcher Frauenbad.

Neben den akkurat geordneten Sichtmäppli stehendiverse kleine Bronzeskulpturen auf ihrem Pult. «Die habe ich mir aus der städtischen Kunstsammlung ausgeliehen – ein Vorteil meines Amtes», sagt die SP-Politikerin. Eine Steinskulptur, die ihre Partnerin Juliana Müller hergestellt hat, habe sie bereits mit nach Hause genommen. «Langsam fange ich an auszuräumen. Ohne Wehmut – bisher zumindest», sagt sie schmunzelnd.

17 Jahre prägte Mauch als Aushängeschild die Stadt Zürich. Sie war nicht nur die erste Frau in diesem Amt, sondern auch die erste queere Stadtpräsidentin. Ende Mai endet diese Ära – mit Raphael Golta, 50, der mit grossem Vorsprung in den zweiten Wahlgang startet, bleibt die Führung der Stadt höchstwahrscheinlich in SP-Händen. «Der Zeitpunkt zu gehen, stimmt für mich», sagt Mauch. Begeistert von ihrer Arbeit sei sie nach wie vor, doch sie freue sich, wieder über ihre Agenda bestimmen zu können. «Mein Amt war zuweilen sehr streng und herausfordernd, doch auch keinen Tag langweilig.»

<p>Erinnerungsstück 1: «Zu Beginn der Pandemie haben viele Leute selber Masken genäht – auch ich. Der Stadtrat empfahl damals eine Masken-pflicht im ÖV.»</p>

Erinnerungsstück 1: «Zu Beginn der Pandemie haben viele Leute selber Masken genäht – auch ich. Der Stadtrat empfahl damals eine Maskenpflicht im ÖV.»

Kurt Reichenbach

«Falsches Bild über mich»

Im ersten Jahr haftete an ihr das Image der «grauen Mauch». Weil sie sich im Gegensatz zu ihrem lauten Vorgänger Elmar Ledergerber als stille Schafferin im Hintergrund hielt. Und weil sie bei Reden wie etwa im Circus Conelli steif wirkte. «Anfangs habe ich unterschätzt, wie bedeutsam die Auftritte in der Öffentlichkeit sind», sagt sie rückblickend.

Ein Jahr später stellte sich Mauch wieder in die Zirkusmanege und sagte selbstironisch: «Ich bin überrascht, dass Sie meine Nummer nochmals eingeplant haben.» Obwohl ihr die von Medien aufgedrückte Etikette wehtat, hatte sie den Ehrgeiz, es besser zu machen. «Ich lerne zum Glück schnell.»

Heute gibt es kaum einen Anlass, an dem die Stapi mit den wilden Locken nicht anwesend ist: Sie fährt mit Roger Federer für ein Benefiz-Tennisspiel im Boot auf der Limmat, eröffnet mit Stararchitekt David Chipperfield den Kunsthaus-Erweiterungsbau oder geht nach dem Zurich Film Festival mit der schottischen Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton nachtessen. «Ich geniesse solche Begegnungen – auch weil sie meinen Horizont erweitern.»

Ihre Outfits schneidert sie bis heute teilweise selber. «Ich habe mir das als junge Frau angeeignet, ich liebe es, mit Farben und Stoffen zu experimentieren», sagt Mauch, die ihre Kindheit im ländlichen Oberlunkhofen AG und im internationalen Boston, USA, verbrachte, wo ihr Vater Gastprofessor war. Selber genäht hat sie auch die violett-orange Gesichtsmaske, die sie bis heute in ihrem Büro aufbewahrt. Die Coronakrise sei eine der grössten Herausforderungen ihrer Amtszeit gewesen. «Wir hatten eine riesige Verantwortung, mussten aber auch sehr schnell Entscheide fällen.» Ans Limit sei sie dabei nicht gekommen. «In Krisen bin ich hoch fokussiert. Das liegt mir.»

<p>Erinnerungsstück 2: «Für unsere Projektpartnerschaft mit der vom Bürgerkrieg gezeichneten Stadt Freetown in Sierra Leone bekam ich diesen Schlüssel. Ein Symbol dafür, über den Tellerrand hinauszuschauen.»</p>

Erinnerungsstück 2: «Für unsere Projektpartnerschaft mit der vom Bürgerkrieg gezeichneten Stadt Freetown in Sierra Leone bekam ich diesen Schlüssel. Ein Symbol dafür, über den Tellerrand hinauszuschauen.»

Kurt Reichenbach

Bis auf die Minute verplant

Im Gegensatz zu ihren Vorgängern Elmar Ledergerber und Sepp Estermann, die beide im Amt mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten, blieb Mauch trotz hoher Belastung gesund. «Schon während des Studiums lernte ich, auf meinen Körper zu hören. Bin ich überlastet, schlägt es mir auf den Magen», sagt Mauch, die an der ETH Agrarwissenschaften studierte. Um eine Überarbeitung zu verhindern, strich Mauch aktiv in ihrer bis auf die Minute verplanten Agenda Termine, organisierte bei weniger wichtigen Anlässen eine Stellvertretung. Trotzdem gab es zig Nächte, in denen sie in ihrer Wohnung in Zürich Unterstrass bis spät in die Nacht Dossiers wälzte. «Damit hatte ich aber kein Problem. Stadtpräsidentin ist man mit Haut und Haaren. 24 Stunden. Selbst wenn ich am Wochenende ins Chäslädeli oder auf dem örtlichen Markt einkaufen gehe.»

Zeit für sich hätte sie praktisch nur in den Ferien – etwa im Bildhauer-Atelier, das sie zusammen mit ihrer Partnerin, der Musikerin Juliana Müller (67) im Toggenburg besitzt. Die beiden sind seit 33 Jahren ein Paar – gefunkt hatte es im Plattenladen, wie Mauch der Schweizer Illustrierten 2015 erzählte. Doch selbst private Auszeiten muss die Stadtpräsidentin ein halbes Jahr vorher in der Agenda blockieren. «Häufig waren es dann genau Tage, an denen es regnete oder schneite», erzählt Mauch lachend. Dann habe sie die Reben oder Rosen halt im Hudelwetter geschnitten.

Auf die Frage, was sie anders gemacht hätte, kommt Mauchs Antwort prompt: «Bei der künstlerisch herausragenden, aber historisch belasteten Sammlung Bührle im Kunsthaus habe ich zu spät reagiert.» Die Sammlung des Waffenfabrikanten Emil Bührle steht wegen mutmasslichen Raub- und Fluchtguts jüdischer Vorbesitzer in der Kritik. «Die öffentliche Debatte zum Vertrag und zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg war wichtig.»

<p>«Diese Klaviertaste der Zürcher Jazz-Pianistin Irène Schweizer hat die Stadt für einen guten Zweck ersteigert. Ich arbeitete früher im Bioladen, sie kaufte dort Gipfeli.»</p>

Erinnerungsstück 3: «Diese Klaviertaste der Zürcher Jazz-Pianistin Irène Schweizer hat die Stadt für einen guten Zweck ersteigert. Ich arbeitete früher im Bioladen, sie kaufte dort Gipfeli.»

Kurt Reichenbach

Mehr Zeit für Rockmusik

Noch habe sie kein neues Amt in Sicht. Sie sei noch so im aktuellen Geschehen, dass sie dafür den Kopf gar nicht frei habe. Freuen würde sie sich auf mehr freie Zeit für Musik – Mauch spielt in der Rockband Trugschluss die Bassgitarre. Ihr Vater ist im Herbst gestorben, ihre Mutter – die erste Aargauer Nationalrätin Ursula Mauch – ist Ende März 91 Jahre alt geworden. «Wir reden heute noch oft über Politik, und natürlich wusste sie als eine der Ersten von meinem Rücktritt.» Bald ist es so weit. Bis dahin freut sich Mauch, wenn ihr Menschen auf dem Weg ins Büro in der Schalterhalle «Hallo, Frau Präsidentin» zurufen.

Jessica Pfister
Jessica PfisterMehr erfahren
Text: Jessica Pfister am 11. April 2026 - 18:00 Uhr