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Daniel Koch

«Corona ist mein Lieblingsbier»

Er ist das Gesicht der Pandemie. Auch nach seiner Pensionierung bleibt Mister Corona Daniel Koch äusserst aktiv. Als gefragter Berater und Referent. Nächste Woche erscheint ein Buch über ihn. Und auch mit seinen beiden Hunden gibt er «voll Guzzi».

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Daniel Koch, 65, in seiner Wohnung im Bernbiet. Hier lebt er mit seinen zwei Hunden. Er ist auch Götti eines Bernhardiners der Fondation Barry.

Kurt Reichenbach

Ein Griff an den kahlen Schädel. «Ob die gute Frau das lesen kann? Ich habe wirklich eine Doktorschrift», murmelt Daniel Koch. Entspannt sitzt der 65-Jährige am Stubentisch seiner schlicht eingerichteten Dreizimmerwohnung im Bernbiet. Hier lebt er seit April mit seinen beiden Hunden.

Neben den Kisten mit Fanpost stapeln sich Dankeskarten. Auf deren Vorderseite ist ein Foto gedruckt: Koch mit seiner Europäischen Schlittenhündin Bundji. «Herzlichen Dank für die Krawatte, die Sie mir zugeschickt haben», hat der ausgebildete Mediziner auf eine Karte geschrieben. «Vielleicht haben Sie Ihr Präsent ja wiederentdeckt. Ich trug die Krawatte bei einem meiner vielen ‹Tagesschau›-Interviews.»

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«Charaktergring»: Daniel Koch im Marzilibad in Bern nach einem Aareschwumm. «Ich bin eine Wasserratte.»

Kurt Reichenbach
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Kaum ein Tag vergeht ab Mitte Februar, an dem Daniel Koch nicht zur Schweiz spricht. Als Leiter Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), zum Krisenthema Corona. Ruhig und sachlich klärt er über die Zahl der Infizierten auf, betont als gewiefter Kommunikator, wie wichtig die vom Bundesrat beschlossenen Massnahmen seien.

Landauf, landab gibts Lobeshymnen auf ihn, vereinzelt auch Kritik. Die T-Shirts mit Kochs Kultspruch «Die Aare ist bebadbar»: der Renner. Im BAG trägt er den Spitznamen Punk. Koch schmunzelt. «Ich bin in manchen Sachen unkonventionell. Doch ein Punk war ich nie.»

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«Nach der Züglete bin ich noch immer am Auspacken und Einrichten.» Mittendrin auch sein Ebenbild, Geschenk eines Urner Holzbildhauers.

Kurt Reichenbach

Ende Mai geht der Berner in Pension – als Gesicht der Krise, als «Mister Corona». Gesundheitsminister Alain Berset, 48, postet auf Instagram ein Foto von sich und seinem berühmtesten Angestellten: «Danke für die sehr gute Zusammenarbeit und alles Gute!» Hunderte Briefe und Pakete hat der Corona-Delegierte bekommen, als Zeichen der Anerkennung: gelismete Masken und Socken, Bündnerfleisch, Schoggihasen, Wein. Seit ein paar Wochen habe es zum Glück «gruhiget», sagt er. «Vorher musste ich auf Schritt und Tritt stehen bleiben.» Hier ein «Grüezi, Herr Koch», dort ein «Bravo». Selfies am Laufmeter, «die sind das neue Autogramm».

Wird Koch vor einer Migroskasse um Rat gebeten, gibt er den gern. «Mir gehts prima.» Hassmails sowie Kommentare von Verschwörungstheoretikern und Leuten wie der Grünen-Nationalrätin Greta Gysin, die ihm Profilierungssucht vorwerfen, ignoriert Koch. Doch Hand aufs Herz! «Als Sie kürzlich beim Auftritt im Grossmünster in Zürich von Corona-Leugnern angepöbelt wurden: Das muss Ihnen doch an die Nieren gegangen sein!» – «Ich glaube an gegenseitigen Respekt. Es tut mir leid für all jene Zuhörer, die keine Gelegenheit mehr hatten, mit mir zu sprechen.» Und: «Ob ich noch immer unter Polizeischutz stehe, weiss ich nicht.»

«Ob ich noch immer unter Polizeischutz stehe, weiss ich nicht»

Daniel Koch
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Die Krawatten, die Mister Corona bei seinen Auftritten trug, hängen im Schlafzimmerschrank.

Kurt Reichenbach

Viele Leute meinen, er und Bundesrat Berset seien den ganzen Tag und die ganze Zeit zusammen gewesen. «Das war nicht der Fall. Per Du sind wir auch nicht.» Er habe das Privileg gehabt, den Gesundheitsminister bei dessen Besuchen in den Kantonen begleiten zu dürfen. Episoden aus Kochs buntem und interessantem Leben – zum Beispiel im Dienste des IKRK – gibts nächstens im Buch «Daniel Koch».

Schlaflose Nächte? «Gab es selten. Einmal, als ich in Absprache mit meinen zwei erwachsenen Töchtern beschlossen hatte, beim BAG ganz aufzuhören.» Zweifel, dass die Situation aus dem Ruder läuft? «Hatte ich nie.» Und: «Fehler sind vorgekommen, doch es ist zu früh für eine Bilanz.»

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An seinem Stubentisch schreibt Koch Dankeskarten für die viele Fanpost, die er noch immer bekommt.

Kurt Reichenbach

Auch nach der Pensionierung lebt Koch im Unruhestand. Sein Terminkalender für die nächsten Monate ist voll: Vorträge zu Gesundheit, Medizin und Krisenmanagement. Die Walliser Regierung hat sich zur – später abgesagten – Rad-WM beraten lassen, die welsche «Sportschau» bittet ihn ins Studio, dem SCB stellt Koch sein Wissen fürs Stadion-Schutzkonzept zur Verfügung. «Vier 1.-August-Reden hätte ich halten können, doch ich lehnte alle Einladungen ab. Ich bin kein Politiker. Auch bei Anfragen aus der religiösen Ecke sage ich Nein.»

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Canicross-Training mit Bundji, 1. «Diesen Namen gab ich ihr in Anlehnung an Sprinterin Mujinga Kambundji.»

Kurt Reichenbach

Verlässt Koch sein Haus, sind Maske und Desinfektionsmittel stets griffbereit im Hosensack, die Tracing App ist aktiviert. «Auch mit Maske werde ich überall erkannt.» Dreimal hat er sich bisher auf Corona testen lassen. Einmal, nachdem er «ein Virus aufgelesen hatte». Und als Allergiker hat er Heuschnupfen. «Da ist es normal, im Sommer ein bisschen asthmatisch zu sein. Sobald etwas im Anzug war, liess ich mich testen.» Alle Befunde: negativ.

Um seine Termine abzurechnen, hat der geschiedene Berner eine Consulting-Firma gegründet. «Es geht mir nicht ums Geldmachen, auch nicht um mein Ego. Sondern um die Sache!» Er könne doch nicht von heute auf morgen sagen, das interessiere ihn nicht mehr. «Ich will auch künftig kein Star sein.» Die Corona-Entscheidungen der Politik zu beurteilen, sei nicht seine Sache. Deshalb nimmt er keine Stellung zu aktuellen gesundheitspolitischen Fragen.

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«Ich bin ein Abenteurer.» Mit seiner Boxerhündin Akira, 8, gehts zum Stand-up-Paddeln.

Kurt Reichenbach

Daniel Koch steht auf, öffnet die Tür zum Garten. Bundji und Boxerhündin Akira kommen herein, sie streichen um Kochs lange dünne Beine – er ist 1,83 Meter gross, wiegt 62 Kilo. Seine Hunde seien ihm eine extrem grosse Hilfe, sagt der Berner, er krault Akiras Hals. Während der intensiven Wochen als Corona-Delegierter waren die Hunde oft in seinem Campingbus, parkiert in Berns Innenstadt. «Ich schaute regelmässig zu ihnen, wir gingen oft spazieren. Manchmal gab ich sie in einen Hundehort.»

Wegen Boxerhündin Akira hat Koch im Alter von 60 mit Canicross begonnen: Geländeläufen, bei denen Sportler und Hund durch eine flexible Leine verbunden sind. Zweimal wöchentlich trainiert er mit seinen Hunden, «sechs Kilometer, voll Guzzi», an der EM 2016 gewannen Akira und Koch Gold. Eigentlich sei er ein Nachtmensch, sagt er, doch seit ein paar Jahren stehe er um sechs Uhr auf – für die Hunde. Gelegentlich genehmigt er sich daheim einen Feierabendtrunk. «Im Ernst: Corona ist mein Lieblingsbier.» Während der heissen Pandemie-Phase brachten ihm seine Töchter die Sixpacks nach Hause. «Ich selbst getraute mich nicht in die Läden.»

«Im Sommer 2022 ist Corona gegessen»

Daniel Koch
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Minuten später: die beiden auf dem Wohlensee bei Bern, hinten die Wohleibrügg.

Kurt Reichenbach

Neben Canicross trainiert der passionierte Hündeler auch Marathonlauf. Am ersten September-Sonntag hat er Viktor Röthlins Switzerland Marathon light bestritten: Die zehn Kilometer in Sarnen OW spult er in 46:21 Minuten ab.

Im Winter steht das Training für die Canicross-EM im Vordergrund – diese ist auf 2021 verschoben. Auch sonst macht das Virus Koch einen Strich durch die Rechnung. «Ich wäre gern an Konzerte gegangen. Ich war schon bei Auftritten von Sting, Pink und Bruce Springsteen.»

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Beim Marzili in der Aare. An der linken Schulter hat Koch ein kleines Tattoo – mit einem Delfin und einem Mantarochen. «Nach solchen Grossfischen tauche ich am liebsten.»

Kurt Reichenbach

Corona hat ihn eines gelehrt: spontan und flexibel bleiben! «Die jetzigen Massnahmen reichen aus.» Doch auf den Winter hin brauche es weitere Anstrengungen, um das Testen und Nachverfolgen der Übertragungsketten zu verbessern. «Grossanlässe wie die Basler Fasnacht wird es in dieser Form nicht mehr geben.»

Ein wirksamer Impfstoff komme frühestens nächsten Sommer auf den Schweizer Markt. Bis der überall eingesetzt werden kann, dauere es ein weiteres Jahr. «Im Sommer 2022 ist Corona gegessen.» Bis dann gelte: «Wenig anfassen, keine Hände schütteln!» Koch hält sich streng daran. Vor einem halben Jahr kam sein erster Enkel zur Welt. «Der will den Grosspapi auch weiterhin so viel wie möglich um sich haben.»

Von Thomas Kutschera am 11.09.2020
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