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Satiriker Renato Kaiser

«Der Kärcher gibt mir Frieden»

Die einen backen Bananenbrot, die anderen joggen. Satiriker Renato Kaiser verzichtet auf beides. Doch angesichts der momentanen Leere arbeitet er mit Humor gegen das Gefühl der Nutzlosigkeit an.

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Renato Kaiser, 34, kommt aus Goldach SG und lebt in Bern. Der Kabarettist ist Gewinner des Salzburger Stiers 2020.

SRF/Nici Jost

Renato Kaiser, wann sind Sie das letzte Mal Joggen gegangen?
Das ist ein paar Wochen her. Früher joggte ich oft wegen meiner Hündin, die viel Bewegung brauchte. Aber Peggy ist nun bisschen älter. Das heisst, sie läuft gemütlich während ich blöd um sie herumhüpfe.

Wie hat sich durch Corona der Spaziergang mit dem Hund verändert?
Gar nicht, denn ich halte immer Abstand zu anderen Hundehaltern, die meist nur über Hunde reden wollen. Mich interessiert weder Rasse, Alter noch wie männlich oder weiblich andere Tiere sind. Mir fällt oft schwer, dabei ein interessiertes Gesicht aufrecht zu halten. Dank Corona hatten die Hundehalter aber ein zweites Thema.

In der Isolation war bei vielen Backen angesagt. Wann haben Sie zuletzt ein Bananenbrot gegessen?
Ich habe während der Quarantäne kein einziges gehabt. Eine Schande! Auf den Sozialen Medien habe ich aber viele Fotos von normalem Brot gesehen – wobei, es waren fantastische Brote! Sie machten mich zutiefst neidisch, da ich bis anhin dachte, dass ich Brot backen kann. Aber im Vergleich zu all den Meisterbäckern, kann ich wohl nur Teig härter werden lassen.

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Die einen backen exzessiv, die anderen joggen. Wie halten Sie die Waage bezüglich Körpergewicht?
Erstaunlich gut! Ich habe schon relativ früh den Sport meinem Job unterworfen und aufgehört Leute zum Sport zu treffen. Joggen ist meiner Meinung nach eh nur eine Aushilfssportart für Leute, die alles andere nicht tun können – oder keine Freunde haben. Also ideal während der Coronazeit. Ich bin geübt im isoliert Sporttreiben, weil ich seit einiger Zeit Daheim mit diesen Apps Körpergewichtstraining mache.

Kochen, gärtnern, trainieren – woher kommen aktuell diese intensiven Dränge der Gesellschaft?
Die Leute versuchen sich seit etwa zehn Jahren ständig zu optimieren, der Individualismus ist stärker geworden. Jetzt konnten alle machen, was sie schon immer tun wollten. Ich bin mir aber nicht sicher, ob jene, die jetzt mit Yoga angefangen haben, wirklich den inneren Wunsch danach verspürt haben oder ihnen die Gesellschaft einfach zehn Jahre lang gesagt hat, dass es gut ist. Aber angesichts der gähnenden Leere und Nutzlosigkeit, die einem vor Augen geführt wurde, verstehe ich das.

Sie haben keinen Optimierungsdrang verspürt?
Doch habe ich. Aber ich nahm mir zuerst drei Tage, um mit der neuen Situation überfordert zu sein. Danach habe ich mich in die Arbeit gestürzt. Wenn ich nicht arbeite, empfinde ich sofort, dass ich ein nutzloses Mitglied der Gesellschaft bin. Vermutlich liegt dies auch an der Gesellschaft, die uns Künstler öfters als Kulturschmarotzer sieht. Wir müssen stets beweisen, dass das, was wir machen, auch Arbeit ist. Die Leute sehen nun, dass auch Kunst Geld braucht. Die Coronasituation macht alles, was sonst schon stattfand, auf eine extremere Art ersichtlich. Dass das Pflegepersonal überfordert und unterbezahlt ist, war schon vorher so. Jetzt realisieren wir dies nur mehr.

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In der Sendung Tabu hat Renato Kaiser 2019 jeweils für vier Tage mit verschiedenen Randgruppen gelebt und gelacht.

SRF/Marion Nitsch

2019 haben Sie in der SRF-Sendung Tabu mit Randgruppen gelacht. Sind diese aktuell noch isolierter?
Völlig! Und zwar auf so viele Arten. Die traurigste Art fand ich, als viele sagten, dass wir wirtschaftlich gesehen «Menschen retten, die sowieso bald sterben». Damit sind eben auch die Risikopatienten, Leute mit unheilbaren Krankheiten gemeint, mit denen ich damals eine Sendung gemacht habe. Und plötzlich wird über sie so geredet?!

Hatten Sie mit einigen Kontakt?
Jahn Graf, der bei der Sendung mit den Menschen mit körperlicher Behinderung dabei war, hat mich angerufen, weil ihm die Decke auf den Kopf fiel. Ich sagte scherzhaft: «Jetzt sind wenigstens alle bisschen ähnlich und auch isoliert. Aber du weisst schon wie es ist, hast eigentlich einen Vorteil.» Fakt ist, dass es für ihn noch schwieriger wurde.

Sie leben mit Freundin, Hund und zwei Katzen zusammen. Wer hat von Ihrer Anwesenheit profitiert?
Die Tiere. Ich habe gemerkt, wie die Katzen noch zutraulicher wurden. Für meine Freundin kann ich ein bisschen viel sein. Wenn Leute mich wegen Videos und Auftritten gut finden, dann empfinden sie mich als lustig. Aber sie sehen dort nur die geschliffenen fünf Prozent von mir. Meine Freundin kriegt die anderen 95 Prozent noch gratis komplett dazu!

In den Videos, die Sie von daheim gedreht haben, ist mir ein Schaukelstuhl aufgefallen.
Es ist beängstigend, wie sehr ich die Leute in meine Wohnung lasse! Den habe ich aus dem Brocki. Am Anfang der Coronakrise habe ich öfters sehr klischeehaft eine Platte aufgelegt, Kaffee gemacht und im Schaukelstuhl ein Buch gelesen. So wie ein Erwachsener!

Zurück zu den Drängen. Wie stehts um Ihren Frühlingsputz?
Ich kaufte einst einen Boden-feucht-Aufnehmen-Ding. Das ist eine grosse Passion von mir geworden. Ich habe das Gefühl, dass es danach wirklich sauber ist. Staubsaugen kann mir das nicht vermitteln. Der Kärcher gibt mir meinen Seelenfrieden.

Sie waren also schon im Baumarkt?
Dort war ich noch nie! Die Faszination Baumarkt ergreift mich nicht. Aber ich finde dieses Mysterium schön. Die Baumärkte gehen auf und die Leute stehen Schlange. Ich habe keine Ahnung, wie das ist, deshalb sind das für mich Aliens. Aber ich sehe, wie glücklich sie dabei sind. Das freut mich.

Diese Woche wäre Ihnen der Salzburger Stier verliehen worden. Wie ist es für Sie, dass Sie ihn nicht persönlich entgegennehmen konnten?
Nicht ganz so schlimm. Über die Anerkennung freue ich mich wirklich sehr, an die Feier an sich hatte ich noch gar nicht so richtig gedacht. Aber: Ich kann nun auf die Plakate meines neuen Programms, das Ende September Premiere feiert, «Salzburger Stier» schreiben. Geil!

Von Aurelia Robles am 17.05.2020
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