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  4. Hundert Jahre Dürrenmatt: Das Genie lebt!

Der Dichter wäre 100 geworden

Dürrenmatts Genie lebt!

100 Jahre Friedrich Dürrenmatt! Gastautor Stefan Zweifel über den Weltautor, der sich bis zu seinem Tod vor 30 Jahren immer wieder auch seiner kleinen Schweiz zugewandt hat – bitterbös, irrwitzig grotesk und überraschend aktuell.

Friedrich Dürrenmatt  SONDERKONDITIONEN | Duerrenmatt im Pool Abgmacht 550€ Doppelseite 

Er selber bleibe auch in der Badehose einfach ein ganz normaler Fritzli, so Weltstar Friedrich Dürrenmatt Mitte der 80er-Jahre.

Picture Press/Herbert Peterhofen

Das unheimliche Gefühl, das zurzeit viele von uns beschleicht, hat kein Autor so pointiert auf den Punkt gebracht wie Friedrich Dürrenmatt: «Die Schweiz ist ein Gefängnis.» Mit seiner Skandalrede von 1990 rüttelt der Weitsichtige kurz vor seinem Tod ein weiteres Mal die Schweiz wach. Noch heute kann man auf Youtube verfolgen, wie er sich, schmatzend vor Genuss, die Pointen und Provokationen auf der Zunge zergehen liess.

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Von den drei anwesenden Bundesräten verweigert ihm zumindest Kurt Furgler den Handschlag, und der Zürcher Regierungsrat Alfred Gilgen spottet: «Der Mann ist senil.» Dabei ist die Rede eine luzide Analyse der Schweiz: Jeder ist Gefangener und Wärter zugleich, um das Bankgeheimnis und Geschäftsmodell des Schweizer Staates zu überwachen.

Heute hört man aus der Rede einen brandaktuellen Kommentar zu Corona heraus. Jeder wird zum Polizisten, der sich selbst und die Nachbarn überwacht: Treffen sich dort nicht drei Haushalte? Und bei jedem Schnupfen fragt man sich: Wen habe ich das letzte Mal geküsst? Wann bin ich zum letzten Mal schwarzgefahren – nicht ohne Billett, sondern ohne Maske?

Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch

Sein Rivale. Mit Max Frisch (l.) in der legendären «Kronenhalle» beim Bellevue, Zürich, um 1963.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Meinen Sie nun, aktueller geht nicht? Doch! Als hätte er Corona und Black Lives Matter vorausgesehen, entwirft Dürrenmatt eine Geschichte über ein Virus, das weltweit wütet und alle Weissen in Schwarze und alle Schwarzen in Weisse verwandelt. Eine typische Gedanken-Groteske aus seinem Hirn.

Dürrenmatt kommentiert in seinen irrwitzigen Theaterstücken die Weltgeschichte oder sieht sie voraus wie kein anderer Autor. Weltberühmt wird er 1956 mit seinem Theaterstück «Der Besuch der alten Dame». Der zeitlose Klassiker zeigt, wie die raff- und rachgierige Claire Zachanassian eine Gemeinschaft mit Geld besticht und dazu bringt, einen Menschen zu töten. In ihrem Fall einen Mann aus dem Dorf Güllen, der ihre Liebe verriet. Auf der grossen Bühne der Weltgeschichte der Nationalsozialismus, der ein ganzes Volk dazu verführte, Andersdenkende und Andersgläubige auszurotten. Das hatte damals kein deutscher Dramatiker gewagt.

Und sogleich folgt sein zweiter Streich: «Die Physiker» (1962) führt die Welt des kalten Krieges als Irrenhaus vor. Um die Formel zur Auslöschung der Erde zu verstecken, flüchtet sich der Physiker Möbius in ein Irrenhaus – und liefert die Formel ausgerechnet der wahnsinnigen Chefärztin aus. Wahn, Witz und Wissenschaft zeigen in Taumel und Tanz, dass unsere Welt am Abgrund eines Vulkans gebaut ist, der mit seinen Ausbrüchen Kapital und Klima jeden Augenblick in den Abgrund reissen könnte.

Friedrich Dürrenmatt

Sein Schreibzimmer. Für einmal ziemlich aufgeräumt, 1979.

Siegfried Kuhn

Mit den Tantiemen kauft Dürrenmatt für sich, seine Frau Lotti und die Kinder ein Anwesen hoch über dem Neuenburgersee. Und einen gigantischen Weinkeller. Werner Düggelin, der Altmeister des Theaters, hat mir in der Zürcher «Kronenhalle» bei einem Siedfleisch von der Voiture erzählt, wie Dürrenmatt für seine Besucher jeweils eine Flasche, oder gleich mehrere, aus dem Keller holte. Natürlich mit dem Jahrgang des Gastes. Düggelin ist 1929 geboren, neben 1947 der beste Jahrhundertjahrgang, und so erlebt «Dügg» bei «Dürri» seine önologische Weihe.

«Die Welt wird verschweizern – oder untergehen»

Friedrich Dürrenmatt
Friedrich Dürrenmatt

Sein Weinkeller. Hier fand er für jeden Gast eine passende Flasche von dessen Jahrgang.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Trotzdem überwerfen sie sich 1969 im Theater Basel. Auch Dürrenmatts Bewerbung als Intendant am Zürcher Schauspielhaus ist ein Reinfall. Die 70er-Jahre werden zur finstersten Zeit seines Schaffens. Wie Dügg erzählt, stolperte Dürrenmatt dabei nicht zuletzt über seine Faszination für die bildhübsche Andrea Jonasson, die mit dem Intriganten Klaus Beck verheiratet ist. Dürrenmatt taucht ab. Er hat abgedankt. Und nach dem Tod von Lotti 1983 wird er von den schwarzen Vögeln der Depression heimgesucht, die schon ihr Leben überschattet haben.

Doch dann kommt der Auftritt von Charlotte Kerr: Er hat sie bei Schauspieler Maximilian Schell kennengelernt, der als Kuppler dafür sorgt, dass sich Dürrenmatts Schaffenskraft neu entzündet. Viele spotten über die ehrgeizige Kerr, die ihn in der Münchner Haute Volée wie eine Trophäe herumzeigt. «Fritz, aufstehen – dichten!», so wecke sie ihn jeden Morgen, höhnt der «Spiegel»-Kritiker Hellmuth Karasek 1989 im «Literarischen Quartett» vor laufender TV-Kamera, wobei auch Chefkritiker Marcel Reich-Ranicki das Werk «Durcheinandertal» als infantiles Tohuwabohu der Lächerlichkeit preisgibt.

Friedrich Dürrenmatt SBL_2015_11_01

Seine Familie. Mit Gattin Lotti und den Kindern Ruth, Peter und Barbara (v. l.) um 1960.

HO

Keiner der Kritiker ahnt, dass Dürrenmatt, angetrieben von Kerrs Wille, gerade sein eigenes Werk neu erschafft. Er kramt alte verworfene Entwürfe hervor und schreibt 30'000 Seiten, aus denen er sein philosophisches und dichterisches Vermächtnis destilliert: die «Stoffe – Turmbau». In meinen Augen sein Meisterwerk. Und als Ableger veröffentlicht er 1985 den Roman «Justiz». Darin brilliert er einerseits durch grobianischen Humor: Ein Kantonsrat erschiesst in der «Kronenhalle» einen Kollegen, der mit dem Gesicht in ein Tournedos Rossini klatscht und mit «Gänseleber und grünen Bohnen im Vollbart» als Leiche aufgebahrt wird, während der trunksüchtige Kommissar die Flasche Bordeaux als Beweisstück «rekurriert» und austrinkt. Andererseits handelt es sich um einen raffinierten Mord, mit dem der Kantonsrat und Billardspieler «à la bande» andere in den Abgrund reisst und dabei die grossen Fragen der Justiz von Recht und Gerechtigkeit aufwirft.

Der Roman wird im «Stern» in 13 Folgen mit Illustrationen von Tomi Ungerer abgedruckt und bringt Dürrenmatt wieder ins Gespräch. Ein Segen von Preisen regnet auf ihn herab. Er hält nun viel beachtete Reden wie über Gorbatschow, bei der er Verständnis über den Einmarsch der Russen in Afghanistan zeigt: «Der Islam ist die irrationale Sprengbombe unserer Zeit.» Dabei wird der Sohn eines protestantischen Pfarrers selbst zum Prediger, aber er verkündet einen philosophischen Atheismus: «Die Zeit der Khomeinis ist angebrochen, nicht nur in Rom, Iran und Israel. Es ist höchste Zeit, sich wieder zum Atheismus zu bekennen.»

Wie der griechische Philosoph Epikur glaubt er nicht ans Jenseits, sondern geniesst, bei einer Flasche Lynch-Bages, die Sinnlichkeit des Diesseits. Und wie der antike Atomist hält er die Welt für eine Ausgeburt des Zufalls aus dem Spiel der Moleküle. Und vielleicht, so sinniert er, ist die Welt ja nur eine Ausgeburt seines eigenen Hirns. Das schildert er im letzten Text der Stoffe: «Das Hirn». Ein Höhepunkt seines Schaffens.

«Fritz, aufstehen – dichten!»

Mit diesen Worten von Lebensgefährtin Charlotte Kerr werde Dürrenmatt jeden Morgen geweckt, so höhnt Literaturkritiker Hellmuth Karasek 1989.
Friedrich Dürrenmatt  Friedrich Dürrenmatt with his wife Charlotte Kerr (Photo by RDB/ullstein bild via Getty Images)

Seine späte Liebe. Friedrich Dürrenmatt mit seiner zweiten Ehefrau, der Filmemacherin Charlotte Kerr.

Laszlo Irmes

Sein Begräbnis aber wird zu einem Trauerspiel! Ich erinnere mich an ein Essen mit Hugo Loetscher, seinem literarischen Lebensfreund, in einem Zürcher Zunfthaus bei Nierli mit viel Rahm. Loetscher berichtet vom Ärger mit der Witwe Kerr: Denn er hatte geschildert, wie das Begräbnis zu ihrer Selbstinszenierung verkam. Aber auch wie die Sargträger ihr Französisch nicht recht verstanden und den Sarg immer wieder hin- und hertrugen. Eine bitterböse Abrechnung und zugleich so komisch wie ein Stück von Dürrenmatt.

Dürrenmatt hat die Gunst der Stunde, als Schweizer Dramatiker Deutschland wachzurütteln, genutzt. Und auch die einmalige Konstellation der ungleichen Brüder Max Frisch und ihm. Zwei Dioskuren, die am Himmel der Literatur kreisten. Dabei verfinstert sich ihre Freundschaft immer wieder.

Friedrich Dürrenmatt  (GERMANY OUT) Duerrenmatt, Friedrich - Writer, Dramatist, Switzerland *05.01.1921-14.12.1990+ Silhouette with pipe - 1969 - Photographer: ullstein - Peyer - Vintage property of ullstein bild (Photo by Peyer/ullstein bild via Getty Images)

Seine Pfeife. Er rauchte aber auch gerne Zigarren.

ullstein bild via Getty Images

1967 kommt es zum Versuch einer Versöhnung: Peter Hamm – der verstorbene und schmerzlich vermisste Kritiker im «Literaturclub» des SRF – erzählte mir, wie die beiden eines Freitagmorgens ihre Frauen früh verlassen. Kurz darauf kommen beide ganz fidel zurück. Sie haben an verschiedenen Kiosken eine Zeitung gekauft und gesehen, dass ein guatemaltekischer Dichter den Nobelpreis der Literatur gewonnen hatte. Egal, Hauptsache, der andere bekam den Nobelpreis nicht! Die Differenz zwischen den beiden konnte Dürrenmatt ganz banal schildern: Max sei auch in der Badehose am Strand immer noch der berühmte Frisch. Er selber sei dann einfach ein ganz normaler Fritzli. So wird er uns in Erinnerung bleiben: ein verschmitzter Fritzli, der als ewiges Kind dem kreativen Funkenflug seiner Fantasie folgte.

Mit den Jahren wird er im Rausch der Weine zu einem trunkenen Schiff, dessen Verdrängungskraft dafür sorgt, dass er über seinen Tod hinaus mit Volldampf in die Zukunft, in unsere Gegenwart steuert: «Die Welt wird verschweizern – oder untergehen.» Ein Ungetüm und Urgetüm, ein nie erlöschender Vulkan, der mit seinen literarischen Ausbrüchen das antike Denken ins Jetzt übertrug und gerade heute so lebendig ist wie nie zuvor.

Stefan Zweifel

Gastautor Stefan Zweifel zeigte mit Juri Steiner 2014 im Centre Dürrenmatt die Ausstellung «Balades avec le Minotaure». Er lebt als Publizist und Literaturkritiker in Zürich.

Von Stefan Zweifel am 10. Januar 2021 - 08:09 Uhr
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