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Francine Jordi über die Isolation

«Ich fühle mich nicht einsam»

Eine Ämtliliste, Hund Theo und die Natur helfen Schlagersängerin Francine Jordi in der Isolation. Die Bernerin ist allein, aber nicht einsam. «Doch mir fehlt die Nähe meiner Liebsten.»

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Francine Jordi kann mit dem Corona-Lockdown grundsätzlich gut umgehen.

Thomas Buchwalder

Francine Jordi, wann realisierten Sie, dass die Situation wegen des Coronavirus ernst wird?
Sehr früh. Seit am 28. Februar Veranstaltungen mit über 1000 Leuten verboten wurden, sind alle meine Konzerte bis auf Weiteres abgesagt.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe mich zurückgezogen und es als gute Gelegenheit betrachtet, mal zur Ruhe zu kommen. Zudem will ich dazu beitragen, dass sich die Situation möglichst schnell verbessert. Damit diejenigen, die jetzt so ausgebremst werden, schnell zu ihrer Existenz zurückkehren können und nicht mehr so grosse finanzielle Angst haben müssen. Als Familie haben wir strikt reagiert, ohne Wenn und Aber. Ich bin die Einzige, die mit unseren Eltern persönlichen Kontakt hat. Meine Schwester Tanja geht für sie und für mich einkaufen. Meine Schwester Nicole sehe ich auf Distanz. Weil wir auf dem Terrässli mit zwei Metern Abstand essen, darf sie kommen.

Wie schaffen Sie es, positiv zu bleiben?
So eine Krise ist auch eine Chance. Ich habe gemerkt, was wichtig ist, wie wenig ich überhaupt brauche, um zufrieden zu sein. Ich sehe, wie die Vögeli ihre Nestli bauen, die Enten fliegen und sich mein Hund im Gras wälzt. Ich denke nicht, dass die Tiere die momentane Situation als Krise wahrnehmen. Die Natur ist nicht auf mich angewiesen, aber ich auf sie! Aufs Atmen, aufs Rausgehen, all das geniessen zu dürfen! Das wurde mir jetzt noch bewusster.

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Inwiefern?
Ich kann die Natur viel mehr entlasten. Für gewisse Sitzungen muss ich keine Reise machen, es geht sehr gut digital. Das zeigt sich auch bei unserem Interview. Dank Skype kann ich Sie und Ihre Reaktionen sehen. Das ist grossartig.

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«Das Zusammensein mit Tieren möchte ich nicht missen», sagt Francine Jordi, 42. Mit Labrador Theo ist sie ein eingespieltes Team.

Thomas Buchwalder

Haben Sie Existenzangst?
Ich habe ein Urvertrauen. Wo eine Türe zugeht, geht eine andere auf. Man muss nur offen sein, um die Möglichkeiten zu sehen, die sich zeigen, und sich nicht auf das Bisherige versteifen.

Das hört sich nach einem Plan B an.
Den habe ich nicht. Ich bin überzeugt, dass Auftritte wieder möglich sind. Mit dem Singen würde ich sowieso nicht aufhören, sondern wohl Gesangsstunden geben. Vielleicht beginne ich auch etwas ganz Neues: malen oder was auch immer! Gestern kam mir zum Beispiel wieder eine vier Jahre alte «Lismete» in die Hände.

«Ich habe aufgehört, alle News zu schauen, und konzentriere mich lieber auf das Jetzt, so wie es Tiere tun»

Haben Sie keine Tiefs?
Einen kleinen Koller-Ansatz hatte ich, als in Deutschland Events bis zum 31. August untersagt wurden. Das ist lange! Deshalb habe ich aufgehört, laufend alle News zu schauen. Effektiv hat keiner wirklich Erfahrung mit dieser Krise, dafür haben viele das Gefühl, etwas dazu sagen zu müssen. Ist das Virus in zwei Monaten weg oder noch in zwei Jahren hier? Niemand weiss es genau. Ich konzentriere mich lieber auf das Jetzt, so wie es Tiere tun. Gestern tat meinem Hund das Bein weh. Theo überlegt aber nicht, was mache ich morgen, wenn das Bein immer noch schmerzt. Er nimmts, wie es ist.

Hilft es Ihnen, dass ein Lebewesen da ist?
Klar. Theo und ich sind ein Team. Ich habe immer gerne Tiere gehabt und brauche ihre Nähe. Das möchte ich nicht missen – mit oder ohne Corona. Aber ich finde es falsch, wenn Leute nun aus Langeweile für diese Zeit ein Tier heimholen.

Wie beschäftigen Sie sich?
Estrich und Keller sind noch nicht ausgemistet, und ich habe momentan auch kein Bedürfnis danach. Aber ich bin Sternzeichen Krebs, und bei einem Krebs zu Hause verhungert keiner. Ich hatte mir deshalb vorgenommen, kein Essen mehr zu kaufen, bis mein Vorrat aufgebraucht ist. Das war das Einzige, was ich ausgemistet, sprich aufgegessen habe (lacht). Und ich habe mittlerweile eine Ämtliliste, damit ich sehe, dass ich trotz allem viele kleine Dinge erledige. Das Abhaken gibt mir ein super Gefühl. Heute habe ich noch eine digitale Gesangsstunde, die ich neu zweimal pro Woche nehme, und um 18 Uhr einen Zoom-Apéro mit Freundinnen.

Rufen sie Sie öfters an, weil Sie allein sind?
Nein, die wissen doch, wie ich ticke! Ich bin gerne unter Leuten, brauche aber auch sehr viel Zeit für mich. Allein oder einsam sein ist ein grosser Unterschied. Ich fühle mich nicht einsam.

«Dieser Lockdown hat mich nicht erschüttert. Ich bin krisenerprobt»

Was ist das Gute am Alleinsein?
(Lehnt sich zurück.) Man hat viel Zeit für sich, kann sich Dinge überlegen, machen, was man will, isst statt um 12 um 14 Uhr Zmittag. Völlig entspannt. Ich habe ja schon einmal eine Zeit erlebt, in der mein Alltag von einem Tag auf den anderen ruhiger wurde.

Sie sprechen Ihre Brustkrebserkrankung im Jahr 2017 an.
Während meiner Chemotherapie musste ich mich über ein halbes Jahr lang intensiv mit mir auseinandersetzen. Ich war unter der Woche daheim und habe mich gut um mich gekümmert. Darum hat mich dieser Lockdown nicht erschüttert. Ich bin krisenerprobt.

Isolieren Sie sich auch, um sich zu schützen?
Nicht wirklich. Ich mache das vor allem für unsere Eltern und die anderen Risikopatienten. Mein Immunsystem ist wieder hochgefahren. Aber während der Chemotherapie hätte ich klar zur Risikogruppe gehört.

Macht Ihnen dieser Gedanke Angst?
Nein. Angst ist ein schlechter Ratgeber.

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Emotional zeigte sich Francine Jordi in «Sing meinen Song – Das Schweizer Tauschkonzert». Das Show-Album landete auf Platz 1.

Thomas Buchwalder

Zu Beginn des Lockdown waren Sie durch «Sing meinen Song – Das Schweizer Tauschkonzert» in vielen Stuben präsent.
Ja, die Leute meinten, ich sei am Arbeiten, dabei sass ich wie alle anderen auch daheim und habe mir die Sendung im TV angesehen. Sie hat viel überbrückt und ist eines der schönsten Projekte, das ich bisher gemacht habe. Dass sieben «Rampensäue» sich mit dem grössten Respekt und mit null Neid eine Bühne teilen können, hat mich erstaunt. Auch haben wir eine Whatsapp-Gruppe gegründet, die bis heute sehr aktiv ist. Und dass die Show mich emotional aus dem Konzept gebracht hatte, hat mich überrascht. Ich bin sonst ein sehr kontrollierter Mensch.

Haben Sie viel Zuspruch erhalten?
Es het ghäschered! Viele sagten, dass sie mich ganz anders wahrgenommen hätten. Einigen ging wohl nach 22 Jahren ein Licht auf, dass ich wirklich so eine Frohnatur bin! (Lacht.) Es ist schön, dass in einer Zeit, in der stets noch ein Skandal oben draufgesetzt wird, ich mit Singen, Reden und Michselbersein das Publikum begeistern konnte. Es war eine völlig unaufgeregte Sendung, aber mit viel Herz und Ausstrahlung.

Worauf freuen Sie sich am meisten?
Das Einzige, was mir derzeit wirklich fehlt, ist, für die Leute zu singen. Und der direkte Kontakt mit meinen Fans. Dieser wird wahrscheinlich nicht mehr in derselben Art und Weise möglich sein.

Fehlen Ihnen Umarmungen?
Natürlich, ich bin ein Herzensmensch und möchte alle knuddeln. Das ist meine Art, mich auszudrücken. Mir fehlt die Nähe meiner liebsten Menschen. Aber das kommt ja alles wieder. Das Wichtigste für mich sind jetzt Gesundheit, Familie, Freunde, Natur. Alles andere ist dann noch das Tüpfelchen auf dem i. Im Vergleich zu vielen anderen bin ich auf Zuckerwatte gebettet und dafür sehr dankbar.

Von Aurelia Robles am 03.05.2020
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