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Lukas Engelberger

«Ich habe keine dicke Haut»

Der Präsident der Schweizer Gesundheitsdirektoren über seine grösste Sorge, den Kantönligeist und seine private Weihnachtsfeier.

Kirsten und Lukas Engelberger beim Spaziergang am Wasserturm Bruderholz

Den Kopf durchlüften beim samstäglichen Spaziergang: Lukas Engelberger, 45, mit Ehefrau Kirsten, 46, vor dem Wasserturm im Basler Quartier Bruderholz.

Remy Steiner Photography

«Buongiorno. Come va?», begrüsst Lukas Engelberger die beiden Be­wohnerinnen, als er sich mit ihnen an einen Tisch setzt. Um sich vor Ort ein Bild zu machen, ist der Gesundheits­direktor des Kantons Basel-Stadt ins Pflege­zentrum Falkenstein gekommen. Nun sitzt der CVP-Politiker im medi­terranen Wohnbereich – hier leben mehr als 20 gebürtige Italienerinnen und Italiener. Aus dem Radio säuselt Toto Cutugno. «Mir gehts gut», sagt die eine Pensionärin. Ihre Mitbewohnerin nickt: «Wir werden gut betreut. Angst vor dem bösen Virus habe ich keine. Doch er nimmt uns die Freiheit, ich gehe nicht mehr aus dem Haus.»

Lukas Engelberger besucht das Pflegezentrum WPZ Falkenstein

Der Basler Regierungsrat fühlt den Puls: Lukas Engelberger ist viel unterwegs. Hier unterhält er sich mit Bewohnerinnen im Basler Pflegezentrum Falkenstein.

Remy Steiner Photography
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Eine Viertelstunde plaudert Lukas Engelberger mit den Frauen. «Buon Natale! Bleiben Sie gesund!», sagt er zum Abschied. «Ein galanter Mann», flüstert eine. Beim Gespräch mit Pflegezentrumsleiterin Jasmine Stierli, 57, dankt der immer top gekleidete Gesundheitsdirektor für den enormen Einsatz der Angestellten, dann des­infiziert er seine Hände, schwingt sich aufs Dienstvelo. Vor einer Video­kon­ferenz mit Bundesrat Alain Berset steht noch ein weiterer Termin an. Der frühere Hoffmann-La-Roche-Jurist lacht. «So geht das seit Monaten, 14-Stunden-Arbeitstage. Corona hält mich auf Trab.»

Lukas Engelberger besucht das Pflegezentrum WPZ Falkenstein

In Basel ist Lukas Engelberger mit dem Velo unterwegs.

Remy Steiner Photography

Auch im Universitätsspital Basel will der Gesundheitsdirektor den Puls fühlen. «Angespannt», informiert ihn Stadtkommandant Bruno Trost vor der Kohorten-Station mit Covid-19-­Patienten. Seit Mitte November kann das Unispital auf die Unterstützung der Armee zählen. 36 Sanitätssoldaten arbeiten momentan im Drei­schichtenbetrieb. Engelberger: «Die Unterstützung hilft mit, die Lage im Griff zu behalten.» Da die Covid-­Si­tuation schon so lang andauert, «geht es dem Personal massiv an die Substanz, hier wie überall in der Schweiz. Viele leiden.»

«Ich bin zuversichtlich»

 

Als Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektoren liegt Engelberger etwas besonders am Herzen: «Die Angestellten in all den Spitälern und Heimen verdienen unsere grosse An­erkennung und Dankbarkeit! Ich bin zuversichtlich, wenn ich an ihren enormen Einsatz denke.»

Lukas Engelberger besucht das Pflegezentrum WPZ Falkenstein

Unterwegs im Pflege­zentrum Falkenstein mit Zentrumsleiterin Jasmine Stierli (l.) und Wohnbereichsleiterin Michaela Isaak. 

Remy Steiner Photography

Die Zusammenarbeit mit Alain Berset schätzt Engelberger sehr. «Wir reden oft miteinander, das ist auch nötig in diesen turbulenten Wochen. Wir sind per Du, so wie das zwischen Bundes- und Regierungsräten Tradition ist.» 

Berset gibt die Blumen zurück: «Wir zwei haben schnell eine unkomplizierte und vertrauensvolle Zusam­men­arbeit aufbauen können. Diese hat sich intensiviert. Lukas hat eine klare Haltung, er vertritt die Interessen der Kantone glaubwürdig und hart­näckig. Und man kann auch lachen mit ihm.» 

Am 14. Dezember haben die beiden gewarnt, es brauche weitere strenge Massnahmen – schweizweit. «Angesichts der dramatischen Lage ist etwas anderes nicht mehr zu verant­worten!» Sonst könnten Schwerkranke und ­Verletzte nicht mehr auf die nötige Behand­lung zählen. «Das ist meine grösste Sorge!»

23.11.2020, Basel, Lukas Engelberger besucht das Pflegheim WPZ Falkenstein

Beim Empfang im Pflegezentrum wird Engelbergers Temperatur gemessen.

Remy Steiner Photography

Engelberger gibt zu, dass der Dialog zwischen den Kantonen in den ver­gangenen Tagen nicht sonderlich gut geklappt hat. «In der Schweiz sind wir gewohnt, zurückhaltend einzugreifen, wir wollen es allen recht machen. Damit hat es diesmal nicht funktioniert.» Doch unter dem Strich findet er: «Unser Land schlägt sich nicht so schlecht in dieser Krise.»

«Ich finde mich mit der Kritik ab»

 

Die vielen Zuschriften, die der Gesundheitsdirektor erhält, kann er nicht alle persönlich beantworten: Die einen sind  besorgt um ihre Gesundheit, andere ärgern sich. «Ich habe keine dicke Haut. Doch mit der Kritik an den verordneten Massnahmen finde ich mich ab.» Der Verzicht auf all die Veranstaltungen falle auch ihm nicht leicht. 

Lukas Engelberger besucht die Isolationstation im Uni Spital Basel

Im Unispital Basel mit Oberst Bruno Trost. Hinten sind zwei Sanitätssoldaten bei der Arbeit.

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Auch bei Lukas Engelberger, seiner Frau Kirsten und ihren drei Kindern werden die Festtage anders. «Wir sind eine traditionelle Weihnachtsfamilie, doch diesmal werden die Feiern kleiner. Ein Christbaum und das gemeinsame Singen von ‹O du fröhliche› wird dennoch dazugehören.» Vor Kurzem sagte ihm seine Frau, eine Ärztin: «So richtig freuen werde ich mich erst auf Weihnachten 2021.» So weit denkt Engelberger noch nicht. «Ich bin optimistisch, dass wir die Situation mit den Impfungen auf nächsten Sommer hin wesentlich verbessern können.»

Von Thomas Kutschera am 19.12.2020
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