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Anja Leuenberger

«Ich schämte mich und ekelte mich vor mir selbst»

Zwei Mal wird das Schweizer Topmodel Anja Leuenberger als junge Frau vergewaltigt. Jahrelang kann die Aargauerin nicht darüber sprechen. Jetzt hat sie ein Buch veröffentlicht – und ihren einstigen Peinigern sogar verziehen.

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Anja Leuenberger hat ihre Stimme gefunden und weiss, dass sie sich von nichts mehr unterkriegen lassen kann. Sie sagt: «Manchmal muss man Dunkles erleben und schlechte Erfahrungen machen, um zu der Person zu werden, die man ist.»

Getty Images

Sie ist heute eine der erfolgreichsten Schweizerinnen im internationalen Model-Business und lebt seit acht Jahren in New York: Anja Leuenberger, 27. Vergangenes Wochenende enthüllt die Aargauerin auf Instagram, dass sie vergewaltigt wurde. Beim ersten Mal war sie 15, fast noch ein Kind. Als 18-Jährige wurde ihr bei einem Mode-Shooting erneut sexuelle Gewalt angetan. Jahrelang schweigt sie. Bis sie die Kraft findet, darüber zu reden – und ihre Gefühle in Gedichten niederzuschreiben. Daraus ist ein Buch entstanden: «The Depths of My Soul» gibt Einblick, wie sie sich aus der Dunkelheit ins Licht zurückgekämpft hat – und damit ins Leben. Als starke Frau.

«Ich bin überrascht, wie viele mir berichten, dass ihnen Ähnliches passiert ist.»

Anja Leuenberger, Ihr Instagram-Post, in dem Sie öffentlich machen, zwei Mal vergewaltigt worden zu sein, sorgt ziemlich für Wirbel.
Mich erreicht seither eine Flut an Nachrichten. Es sind Hunderte. Darunter einige von Leuten, zu denen ich länger keinen Kontakt hatte. Sie äussern sich sehr positiv über meinen Mut. Ich hatte im Vorfeld zwar keine Angst, aber doch Bedenken, mich so in den sozialen Medien zu exponieren. Auch weil mir bewusst ist, da leichter verurteilt zu werden.

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Gibt es auch negative Reaktionen?
Vereinzelt. Ich bin überrascht, wie viele mir berichten, dass ihnen Ähnliches passiert ist, sie sich aber nicht getrauen, mit anderen darüber zu sprechen. Es berührt mich stark, dass andere Menschen so durch mich ihre Stimme finden.

Sie wurden erstmals mit 15 vergewaltigt. Wie kam es dazu?
Es passierte in einem Zürcher Klub. Alles geschah so schnell und aggressiv, dass ich im ersten Moment gar nicht wirklich wahrnahm, was mir gerade widerfuhr. Heute weiss ich, dass ich alles verdrängte, und zeitweise meinte ich sogar, es vergessen zu haben. Bis es ein zweites Mal geschah. Und selbst da schob ich das Erlebte zunächst erneut von mir weg. Erst ab dem Zeitpunkt, als ich über die zweite Vergewaltigung zu sprechen begann, kamen viele Bilder von der ersten Gewalttat hoch und mich plagten Albträume.

Wie erklären Sie sich dieses Verdrängen?
Ich war so jung, völlig verstört. Ich wusste damals nicht einmal, was eine Vergewaltigung ist. Erst später wurde mir klar, dass das, was mir angetan worden war, ein sexueller Übergriff ist.

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Es war ein langer Heilungsprozess. Doch jetzt kann Anja Leuenberger über das Erlebte sprechen und macht vielen Frauen Mut. 

ZVG

Wie sah es in Ihrem Inneren aus?
Nicht gut. Einerseits war da viel Scham. Anderseits Gedanken wie: Ich bin selbst schuld. All das führte dazu, dass ich die Vergewaltigung so stark verdrängte. Ich wollte sie keinesfalls wahrhaben.

Nur drei Jahre später erleben Sie Ähnliches … … bei einem Model-Job in L.A.
Ich schämte mich danach noch viel mehr, ekelte mich vor mir selbst, wollte nur noch weg, gab mir die Schuld dafür, erneut vergewaltigt worden zu sein. Ich redete mir ein, dass es vielleicht an meiner Kleidung lag, die den Mann provoziert hätte. Bis mir irgendwann bewusst wurde: Egal, was ich angehabt hätte, er hätte mir das so oder so angetan. Warum ist es eigentlich so schwer zu verstehen, dass wir Frauen uns für uns selbst schön anziehen wollen – nicht zwingend für Männer.

Gab es niemandem, dem Sie sich hätten anvertrauen können?
Ich konnte einfach nicht darüber reden, abgesehen von einzelnen Situationen, in denen ich mit Wildfremden darüber sprach. Das auch nur, weil ich mir sagte, diese Person sehe ich nie wieder.

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Sie litt lange unter körperlichen Beschwerden. «Körper schreit, weil mein Geist nicht sprechen kann», sagt Leuenberger. Ihr sei bewusst geworden, dass sie etwas machen müsse. 

ZVG

Wie schafften Sie es, nicht zu zerbrechen?
Lange Zeit plagten mich wirklich körperliche Beschwerden. Ich fühlte mich erschöpft, hatte starke Rückenschmerzen, konnte nichts tragen, rannte zum Chiropraktiker und zur Akupunktur. Bis ich auf eine spirituelle Art bei Tai-Chi, Yoga und Pilates merkte, dass mein Körper schreit, weil mein Geist nicht sprechen kann. Das war der Punkt, an dem mir bewusst wurde: Jetzt muss ich etwas machen.

Hatten Sie Albträume, Angstzustände? Ja – bis hin zu Panikattacken.
Einmal sass ich im Flugzeug und dachte, ich sterbe – weil ich keine Luft bekam. Es war mein Körper, der nach Hilfe schrie. Ich habe wirklich einen langen Heilungsprozess hinter mit, bei dem mir vor allem auch meine Pilates-Lehrerin half. Sie ist einer der besten Menschen, die in mein Leben getreten sind.

Für professionelle Hilfe durch Psychologen oder Psychiater fehlte Ihnen das Geld?
Damals ja.

Inwiefern half Ihnen das Gedichteschreiben?
In mir war viel Melancholie, und ich schrieb einfach. Mein damaliger Freund, dem ich als einem der Ersten von den Vergewaltigungen erzählte, meinte, dass ihn meine Zeilen sehr berührt hätten.

«Heute fühle ich mich so stark und bestätigt in dem, was ich tue und fühle.»

Ein Satz im Buch lautet: «Es machte mich stärker, als mein jüngeres Ich jemals glauben konnte.» Wie meinen Sie das?
Als Mädchen war ich unglaublich zerbrechlich, ich weinte oft, fühlte mich unverstanden, verstand mich selbst nicht und konnte meine Gefühle nicht einordnen. Hinzu kam die Angst, nie über die Vergewaltigungen sprechen zu können. Heute fühle ich mich so stark und bestätigt in dem, was ich tue und fühle, und weiss, dass ich mich niemals von irgendwem oder durch irgendwas unterkriegen lasse. Ich sage mir heute oft: Die hellsten Sterne am Himmel leuchten nur so hell, weil die Dunkelheit sie umgibt. Manchmal muss man Dunkles erleben und schlechte Erfahrungen machen, um zu der Person zu werden, die man ist. Und ich wäre heute sicher nicht eine so starke Frau ohne das Erlebte.

Leidet Ihr Verhältnis zu Männern durch die erlebten Vergewaltigungen?
Sicherlich. Ich werde immer eine gewisse Zurückhaltung haben und Momente erleben, in denen ich getriggert werde durch eine falsche Bewegung, Gerüche, ein Windhauch und Ähnliches. Ich bin sehr vorsichtig und zurückhaltend, was Männerbekanntschaften und Beziehungen angeht. Im Moment fühle ich mich aber auch alleine ganz gut.

Das Model-Business steht bezüglich sexueller Belästigung und Gewalt immer wieder im Rampenlicht. Gab es noch andere Erlebnisse?
Ja! Verbale Anzüglichkeiten musste ich anfangs immer wieder mal über mich ergehen lassen.

Und heute?
Mittlerweile habe ich meine Stimme gefunden. Ich bin längst nicht mehr so eingeschüchtert durch das Business wie am Anfang meiner Karriere. Fühle ich mich heute bei einem Job unwohl, verlasse ich das Set und informiere sofort meinen Agenten. Mit ihm und meiner Managerin arbeite ich seit vielen Jahren eng zusammen. Sie sind gute Freunde geworden und stehen voll hinter mir.

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Inzwischen weiss Leuenberger, wie sie mit potentiell übergriffigen Situationen umgehen kann. Und sie traut sich, für sich einzustehen. 

Getty Images

Es gibt also Veränderungen zum Positiven?
Aus meiner Sicht, ja. Ich kann als Model sagen, wenn etwas nicht läuft, wie es laufen sollte. Und das, ohne Angst haben zu müssen, nicht mehr gebucht zu werden. Selbst Kunden schätzen es mittlerweile, wenn Models ihren Mund aufmachen.

Als junges Mädchen waren Sie nicht sehr selbstbewusst?
Überhaupt nicht. In der Schule wurde ich extrem gehänselt für mein Aussehen, sogar angespuckt. Als ich mit 13 als Model entdeckt wurde und mir jemand erstmals sagte, dass ich echt hübsch sei, dachte ich zunächst: Das kann gar nicht sein. Wie ich dann meine ersten Model-Jobs in Mailand hatte, bekam ich plötzlich wieder zu hören, ich sei zu dick. Da ist man natürlich eingeschüchtert und fühlt sich als Spielball.

Was heute anders ist?
Klar. Mit 27 weiss ich, was ich kann. Und ich habe bei allem ein Mitspracherecht.

Begegneten Sie den Männern, die Sie vergewaltigten, jemals wieder?
Nein!

Dennoch haben Sie ihnen verziehen?
Ja – das war wichtig für mich und meinen Heilungsprozess. Geholfen hat mir ein hawaiianisches Vergebungsritual namens Ho’oponopono. Dabei meditiert man zu Aussagen wie «Es tut mir leid», «Vergib mir» und «Danke» bis hin zu «Ich liebe dich». Dazu stellt man sich die Person bildlich vor, der man vergeben möchte. Es dauerte, bis ich sagen konnte: Ich liebe dich. Es ist wohl das Schwierigste überhaupt: jemandem zu vergeben, von dem man keine Entschuldigung bekommen hat.

Von René Haenig am 13.06.2020
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