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Lara Stoll ruft niemanden an

«Ich verabscheue telefonieren zutiefst»

Karfreitags fährt Lara Stoll normalerweise für Mamas Fisch in den Thurgau. Dieses Jahr bleibt die Slam-Poetin zu Hause. «Wir sind mittlerweile eine globale Gesellschaft, der Tellerrand endet nicht in St. Margrethen.»

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Lara Stoll, 32, sitzt daheim, hat aber einen alternativen Tatort mit Patrick Frey, ein Soloprogramm und das Debütalbum ihrer Band Stefanie Stauffacher in der Pipeline.

Keystone

Lara Stoll, mit Ostern steht ein ­Wochenende mit vielen Traditionen an. Haben Sie eine Ersatzidee fürs Eierverstecken?
Man könnte sich gegenseitig ein bisschen Erwerbsersatz und Vitamine verstecken. Wichtig ist einfach, dass immer nur jemand in den Garten darf, der Rest kann ja aus dem Fenster «warm» und «kalt» brüllen.

An welche Ihrer Ostern-Traditionen erinnern Sie sich?
Fisch! Meine Mutter kocht am Karfreitag traditionellerweise Zanderfilet mit Kartoffeln – sie ist die beste Köchin, die ich kenne –, und dabei hasst sie Fisch. Dafür lieben wir sie.

Haben Sie eine neue Tradition angefangen?
Nein. Ostern ist jetzt nicht so ein Feiertag wo ich denke, woah ich kanns kaum erwarten, nur noch drei Mal schlafen. Meistens fährt man einfach am Wochenende (Karfreitag wegen Fisch) mal in den Thurgau raus und dann fährt man ein paar Stunden und Weingläser später wieder zurück.

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Wie geht Nächstenliebe auf Distanz?
Schreiben, Fotos senden, spenden, den halb toten Social-Media-Account wieder aufheulen lassen und so Kram halt. Irgendwelche Sachen im Internet bestellen und einfach an Freunde schicken, die Wirtschaft am Laufen halten.

Sie telefonieren nicht gern. Die aktuelle Situation muss hart für Sie sein …
Was heisst hier «nicht gern»? Ich verabscheue es zu tiefst. Das hat sich leider über die Jahre so entwickelt, es ist eine Art Angst davor, zugetextet zu werden, und zwar dermassen, dass ich panisch und wütend werde. Und schliesslich beschleicht mich das ir­rationale Gefühl, dass das Ganze nie mehr aufhören wird, ich nie wieder den Hörer auflegen kann und mit dem Telefon am Ohr zusammenbreche und sterbe. Ausserdem wollen jene Leute, die einen anrufen, meistens etwas von einem, das man selber nicht unbedingt möchte, und ich bin überraschend konfliktscheu.

Also Sie telefonieren nicht?
Ja und daher ist die Situation für mich selbstverständlich überhaupt nicht hart, zumal ohnehin geplant war, dass ich mich ein paar Monate ins Schreibrefugium zurückziehe, um an meinem neuen Programm zu arbeiten. Meine nächsten Freunde, mit denen ich auch an anderen Projekten arbeite, sehe ich hin und wieder, ansonsten bin ich froh um die Ruhe. Vor dem Ganzen Corona-Chrüsimüsi war ich mit diversen längeren Dreharbeiten etwas überlastet, daher geniesse ich jetzt die komplette Selbstbestimmung.

Wann haben Sie denn zuletzt selbstbestimmt Ihre Mutter angerufen?
Meine Eltern sind so ziemlich die einzigen Menschen, die ich anrufe. Da reisse ich mich dann am Riemen, zerkaue ein oder zwei Stressbälle im Vornherein. Diesen Preis gilt es zu zahlen, weil sie ja schliesslich 18 Jahre lang schauen mussten, dass ich keinen allzu dummen Quatsch anstelle.

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Die Slam-Poetin aus dem Thurgauer übt in Zeiten des Notstands in den leeren Strassen von Zürich das Skateboardfahren. Die nächste grosse Herausforderung sei diesbezüglich die unfallfreie Überwindung von Bordsteinen.

Jonas Reolon

Was macht die Isolation eigentlich mit dem Menschen?
Es macht ihn vermutlich ein bisschen einsam und komisch, wohl aber auch kreativ. Die perfekten Voraus­setzungen also, um Künstler zu werden. Wie ich durchs Internet so mitkriege, beschäftigen sich alle einfach mit ­irgendetwas, verarbeiten ihr emo­tionales Innen­leben dann mit einer mehr­stö­ckigen Aargauer Rüeblitorte oder ­einem ausgemisteten Estrich­abteil – das ist doch prima. Länger­fristig tut es uns aber vermutlich nicht gut, in unseren Genen ist das Bedürfnis nach ­einem Freundeskreis schliesslich einprogrammiert.

Waren Sie sich als Thurgauerin, die im Kanton Zürich lebt, eine gewisse Isolation bereits gewohnt?
Eigentlich nicht. Das Geheimrezept für ein gesundes soziales Netzwerk ist eine Stammbar. Wenn man niemanden kennt, setzt man sich abends am besten an den Tresen irgendeiner Bar, beginnt mit dem Personal zu plaudern, und einige Zeit später kennt man schon einen Haufen Leute, und einige Wochen später trinkt man gar fast gratis.

Was oder wer ist Ihnen in dieser Zeit nähergekommen?
Ich habe Zürich in den letzten Wochen ganz anders kennengelernt. Ich gehe fast täglich joggen, und es ist ziemlich geil, durch die menschenleere post­apokalyptische Stimmung vom Kreis 1 zu springen. Ausserdem habe ich mit Skateboardfahren angefangen. Der ideale Zeitpunkt, da kaum Leute auf der Strasse sind, die einen beim zu­weilen etwas unbeholfenen Lernprozess beobachten könnten. Die nächste grosse Herausforderung diesbezüglich wird die unfallfreie Überwindung von Bordsteinen.

Was können Sie als Slam-Poetin mit dem Wort Corona anfangen?
Tja, schon verrückt. Man denkt halt, krass, nächstes Mal kommt vielleicht etwas, weswegen wir dann einfach tot umfallen werden. Es ist gewisser­massen ein Reality-Check, wir sehen ein System und seine Gesellschaft, wie wir es noch nie gesehen haben, das zieht mich in den Bann. Ich finde es aber auch sehr wichtig, dass man den Humor nicht verliert. Er hilft uns, zu verarbeiten und uns etwas zu entspannen, auch wenn vieles nie wieder so wie vorher sein wird. Viele Eltern lernen jetzt ihre Kinder hassen und umgekehrt, positiv ist aber, dass die Menschen diese Krise als bessere Köche verlassen werden. 

Welches aktuell neu zirkulierendes Wort feiern Sie?
Ich feiere gut und gerne aber sicher keine «hippen» Wörter, generell keine Trends. Mir wird manchmal ehrlich gesagt fast ein bisschen schwindlig, wenn ich Mensch und Medium zu sehr beobachte. Das ist doch ein irrsinniger Stress, wenn man dauernd das Gefühl hat, überall immer dabei sein zu müssen. Dann sitze ich manchmal auf meiner Couch und denke, entspannt euch mal, man kann sich doch auch mal ein bisschen um die Familie kümmern oder was für die Seele tun, in 6 Mrd. Jahren explodiert die Sonne. Jetzt bin ich aber abgeschweift. Positives Beispiel finde ich aber nichtsdestotrotz die ganzen Live-Stream-Geschichten. Veranstaltungslocations, Labels, wie auch Künstler selber, die ihre Konzerte und Lesungen online performen. Toll ist, dass man als Zuschauer meist direkt spenden und auf diese Weise finanzielle Unterstützung leisten kann. So haben wir die Möglichkeit, Kultur trotz allem stattfinden zu lassen, auch wenn das natürlich bei Weitem kein Ersatz für einen analogen Live-Auftritt ist. 

Stichwort Solidarität.
Im Moment assoziieren wir den Begriff halt in erster Linie mit dem Zuhausebleiben, um Risikogruppen zu schützen. Die Verantwortung geht aber noch viel, viel weiter. Auf der ganzen Welt passiert so unfassbar viel Mist, das dürfen wir nicht vergessen – nie! –, uns sollte das ständig bewusst sein und wir müssen uns eine Meinung bilden und auch darauf reagieren. Wenn schon nicht aus Nächstenliebe, dann meinetwegen halt, weil man seine eigene Haut retten will, wir sehen ja jetzt, dass ein Problem in China binnen kürzester Zeit zu unserem werden kann – wir sind mittlerweile eine globale Gesellschaft, der Tellerrand endet nicht in St. Margrethen. 

Welche Themen sprechen Sie an?
Was mich richtig traurig stimmt, ist beispielsweise die aktuelle Situation in Griechenland. Wir haben immer noch zwanzigtausend Flüchtlinge, die nicht vom Fleck kommen und unter katastrophalen Bedienungen verharren müssen und quasi auf den Ausbruch von Corona «warten» dürfen. Bis dieses Flüchtlingscamp aber überhaupt wieder auf dem Schirm der Leute war, hat es ewig gedauert, weil man hierzulande u.a. mit Hamsterkäufen beschäftigt war. Wir müssen aufpassen, dass wir vor lauter Trendthemen – zuvor waren es Klimawandel und Feminismus – nicht vergessen, andere Brennpunkte nicht zu vernachlässigen.

 

 

Von Aurelia Robles am 12.04.2020
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