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Doppel-Interview mit den Sportlern des Jahres

Stucki und Kambundji über Tränen, Kilos und Klischees

Die Publikumslieblinge haben gewonnen: Sprinterin Mujinga Kambundji und Schwingerkönig Christian Stucki sind Sportlerin und Sportler des Jahres! Im grossen Doppel-Interview reden sie über ihre Kindheit, übers Kämpfen – und Klischees.

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Christian Stucki und Mujinga Kambundji in Stuckis Schwingerstübli. Hier hängen seine wertvollen Treicheln.

Joseph Khakshouri

«Ich weiss nicht, weshalb es gerade mich getroffen hat», sagt Christian Stucki und lacht. Der 34-Jährige ist der erste Schwinger, der als «Schweizer Sportler des Jahres» ausgezeichnet wird. «Für mich und unseren Sport ist das natürlich extrem schön.» Mujinga Kambundji ist die erste Schweizer Sprinterin mit einer WM-Medaille: vor ein paar Jahren noch undenkbar. Am Tag nach den Sports Awards fährt die 27-jährige Bernerin nach Lyss BE zu Schwingerkönig Stucki, wo sich die beiden Preisträger austauschen.

Kennen Sie beide sich schon lange?
Stucki: Wir sind uns ab und zu in Magglingen über den Weg gelaufen und haben uns an Anlässen gesehen.
Kambundji: Am Superzehnkampf waren wir mal im selben Team. Vom Schwingen habe ich auch immer wieder viel mitbekommen, weil meine Grosseltern grosse Fans sind.
Stucki: Die habe ich sogar mal kennengelernt!

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Wo denn?
Stucki: In einer Autogrammstunde in Oberdiessbach, wo Mujingas Schwester auch Autogramme schrieb. Und da kamen ihre Grossmutter und ihre Eltern dann noch rasch zu mir rüber.
Kambundji: Nun hängst du bei meinem Grosi am Kühlschrank!

Haben Sie mit Ihren Grosseltern schon ein Schwingfest besucht?
Kambundji:
Leider noch nie. Sie gehen aber regelmässig, vor allem auch zum Brünigschwinget, in der Familie gibts immer einen Kampf um die begehrten Tickets. Ich will unbedingt mal mit.

Haben Sie den Schlussgang des Esaf 2019 geschaut?
Kambundji: Ja. Die ersten Gänge nebenbei, den Schlussgang dann richtig.

Das dauerte ja nicht so lange.
Kambundji: Ja, das war gäbig, wie bei mir (lacht).

Wissen Sie, mit welchem Schwung Stucki gewonnen hat?
Kambundji: Oh nein, so gut kenne ich die nicht. Wie heisst er?
Stucki: Ich habe mit Kurz/Gammen gewonnen.

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Die beiden Sportler schauten sich gegenseitig bei ihren Triumphen zu – dem Esaf und der Leichtathletik-WM.

Joseph Khakshouri

Wissen Sie, in welcher Zeit Mujinga über 200 Meter zu Bronze sprintete?
Stucki: Ich weiss, dass ich wohl mehr als doppelt so lange hätte. Hmm, waren es unter 20, über 20 Sekunden? Über 20? 22 und irgendwas?
Kambundji: Ja, 22,52!

Machen Sie ab und zu einen Sprint?
Stucki: Nein, das ist nicht unser Metier. Vielleicht mal eine Hallenlänge im Wintertraining. Als Kind war ich auf kurzen Distanzen nicht so schlecht, doch die Langdistanzen waren schlimm. Ich war gäng etwas breiter.

Können Sie uns beide nochmals von den letzten paar Minuten erzählen, die Sie vor Ihrem grossen Erfolg erlebt haben?
Stucki:
Ich hatte vor dem Schlussgang viel Zeit, erlebte eine emotionale Achterbahnfahrt. Der Schlussgang kam sehr unerwartet, ich hatte mir schon lange einen anderen Plan zurechtgelegt. Hatte das Fest bereits abgeschrieben nach dem sechsten Gang
und zwei Gestellten. Dann war ich doch plötzlich dabei. Ich musste etwas grännen in der Garderobe.

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Bern gewinnt: Stucki und Kambundji als Sieger bei den «Sports Awards».

Screenshot SRF

Warum haben Sie geweint?
Die Emotionen mussten raus. Vielleicht hats das ausgemacht, dass ich befreit aufschwingen konnte. Als ich dann auf dem Platz stand, zog ich meine Rituale durch, zog meine Hose an, ging zum Brunnen. Dann ins Sägemehl. Und von dort an war ich im Film und habe nicht mehr mitbekommen, was um mich herum geschah.

Das ganze Weekend über hiess es fast nur Wicki, Wicki, Wicki.
Er hatte 1,25 Punkte Vorsprung, sah aus wie der klare Schwingerkönig. Dann kommt der alte Mann und siegt. Das ist natürlich eine schöne Geschichte.

Mujinga Kambundji, wie war es bei Ihnen?
Die Anspannung kam vor allem im Stadion beim Aufwärmen zwei Stunden vor dem Lauf, da spitzt es sich zu. Sehr nervös war ich dann im Callroom, wo man sich versammelt. Aber ich habe mich auch wahnsinnig gefreut, rauszugehen und endlich rennen zu können. Ich dachte: Es ist so cool, ich bin im WM-Final und darf laufen. So wollte ich unbedingt bei mir, auf meiner Bahn bleiben und mich weder links noch rechts ablenken lassen. Auch ich habe nicht mehr realisiert, was ringsherum passierte. Zwischen Rang 2 und 8 hatte ich keine Ahnung, wie ich drin war. Ich habe dann auf die Anzeigetafel gestarrt und gewartet, bis da stand, dass ich Dritte war.

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Gewissenhaft statt eitel: Mujinga Kambundji und Christian Stucki.

Joseph Khakshouri

Christian Stucki hat erzählt, dass er früher nicht so schlecht war im Sprint. Waren Sie dafür kämpferisch unterwegs auf dem Pausenplatz?
Also ich habe nie jemanden auf den Rücken gelegt (lacht). Ich war sehr polysportiv, aber gerangelt habe ich nicht gross, nicht mal mit meinen Schwestern. Ich war im Kunstturnen, und sonst liebte ich Schulsport: Unihockey, Volleyball, Badminton, Basketball. Alles Spielerische.

Und Sie, Christian Stucki?
Ich habe viel Hockey gespielt. Auch das Schulturnen machte mir Spass. In der Leichtathletik war ich vor allem für die Wurfsportarten prädestiniert. Fussball habe ich gerne gespielt, mit 14 habe ich aber aufgehört, als es keine Schuhe mehr in meiner Grösse gab. Nun spiele ich ab und zu Badminton oder Tennis.

Oberflächlich betrachtet könnten Sie nicht unterschiedlicher sein: die städtische, weit gereiste, weltoffene Kambundji versus Landei Stucki aus einer konservativen Sportart. Was ist an dieser Sichtweise falsch?
Stucki: Ich bin sehr weltoffen, sehr weit gereist. Bin immer dafür zu haben, etwas Neues auszuprobieren, mich interessieren andere Kulturen. Sonst hätte ich die Reisen nicht gemacht, die ich mit dem Schweizer Fernsehen unternommen habe: in die Mongolei, nach Indien, in den Senegal oder zum Sumoringen nach Tokio. Das waren spannende neue Erfahrungen. Durch den Sport kannst du dich als Fremder besser in eine Gruppe einfügen, sage ich. Du weisst, worum es geht, und das verbindet uns, überall auf der Welt.

Und Sie, Mujinga Kambundji, sind Sie auch überall zu Hause?
Ich reise auch sehr gern. Und alle wissen, dass ich noch einen anderen Hintergrund habe, von meinem Namen her und vom Aussehen. Aber ich bin dennoch sehr stark verwurzelt in der Schweiz. Gerade durch das viele Reisen. Als ich jünger war, wollte ich auch mal woanders leben. Aber je mehr ich reise und sehe, desto lieber komme ich zurück in die Schweiz. Momentan kann ich mir nicht mal mehr vorstellen, irgendwann aus dem Raum Bern wegzugehen (lacht).

Nach Ihren grossen Erfolgen kam die Saisonpause. Wie wenig haben Sie wirklich gemacht?
Stucki: Zwei Monate lang keinen Streich. Da bin ich schon eine Ausnahme, aber ich brauche das. Mein Körper braucht das mit 34 Jahren. Und dann lasse ich es mir auch gerne gut gehen. Es gibt ein Leben neben dem Sport. Manchmal musst du etwas loslassen, aus dem ganzen Zirkus ausbrechen. Ende September gehen wir jeweils mit Kollegen drei Wochen in die Ferien, und dort lasse ich es mir gut gehen. Ich gehe nicht abends um zehn liegen, trinke mal ein Glas zu viel, wenn auch im normalen Rahmen. Das Leben halt leben, so dass es lebenswert ist, das Kleine geniessen.

Ihnen, Mujinga Kambundji, geht es ähnlich, nicht?
Ja, es ist genau so. Dieses Jahr habe ich fünf Wochen lang nichts gemacht. Ende der sechsten Woche sagte ich mir: Okay, komm jetzt! Dann ging ich 14 Minuten joggen.

14 Minuten?
Ja. Dann wurde es langweilig und anstrengend. Da dachte ich: Jetzt reichts. Wir machen im Training ausschliesslich Sprintausdauer, also bis maximal 300 Meter. Mein Sport ist dem Schwingen ähnlicher als dem Langstreckenlauf. Es ist wirklich alles Schnellkraft.

Und wenn nach der Pause dann ein paar Kilo mehr drauf sind, was kommt zuerst: die Gewissenhaftigkeit oder die Eitelkeit?
Beide:
Die Gewissenhaftigkeit!
Stucki: Eitel bin ich gar nicht.
Kambundji: Bei mir kommt die Eitelkeit etwas später, wenn ich es irgendwo spüre. Vielleicht noch eher, wenn ich die Hallensaison bestreite und im Wettkampfdress rumrennen muss. Aber sonst spielt das keine Rolle.

Von Eva Breitenstein und Christian Bürge am 21.12.2019
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