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  4. Sprinterin Ajla Del Ponte über Hobbys, Studium und Familienzeit im Tessin

Unterwegs mit der schnellsten Europäerin im Tessin

Sprinterin Ajla Del Ponte gibt Einblick in ihre Hobbys

Sie ist in diesem Jahr die Nummer 1 Europas über 100 Meter: Sprinterin Ajla Del Ponte hat einen Riesensprung gemacht. Schnelle Zeiten sind für die Tessinerin aber nicht alles. Literatur, Poesie und Musik spielen für die 24-jährige Studentin eine grosse Rolle.

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Nach der Absage der Olympischen Spiele in Tokio verbringt Ajla Del Ponte den Juli bei ihrer Familie im Tessin.

Geri Born

Schweizerdeutsch links und rechts, überall an der Seepromenade in Ascona ist es zu hören. Die Schweizer machen diesen Sommer im eigenen Land Ferien, und auch Ajla Del Ponte ist nicht ganz freiwillig im Tessin: An diesem Wochenende wäre ihr erster Einsatz an den Olympischen Spielen in Tokio gewesen, nun ist er auf 2021 verschoben. «Dann bin ich halt nächstes Jahr noch schneller», sagt sie, während sie mit ihrem Bruder, Eishockeyprofi Karim, durch ihre Heimat Ascona schlendert.

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Ajla Del Ponte und ihr Bruder Karim an der Seepromenade in Ascona TI, wo ihre Familie seit zwölf Jahren lebt.

Geri Born
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Seit dieser Saison ist sie offiziell schnellste Europäerin

Noch schneller. Dabei hat die 24-Jährige bereits in dieser Saison einen riesigen Satz nach vorne gemacht: Mit ihrer Bestzeit von 11,08 Sekunden über 100 Meter ist sie 2020 bisher die schnellste Europäerin, zudem die Nummer 4 der Welt, erhält Einladungen zu allen grossen Meetings. Während sie in den vergangenen Jahren als Teil der 4×100-Meter-Staffel bereits Weltspitze war, betritt sie die grosse Bühne nun allein.

Ihre Füsse stecken in «Star Wars»-Socken, Del Ponte ist ein grosser Fantasy-Fan. Mit Magie haben ihre Leistungen nichts zu tun, ein bisschen Zauber versprüht sie aber doch auf der Laufbahn. Die Leidenschaft für fremde Welten passt zur Athletin, die im Sport wie im Studium Perfektionistin ist, aber auch Poesie schreibt und sich als Kind «immer diese verrückten Geschichten ausgedacht hat, in denen wir die Protagonisten waren», wie Bruder Karim, 22, erzählt. Aufgewachsen sind sie in Bignasco im Maggiatal – von dort stammt auch die berühmte Namensvetterin Carla Del Ponte –, in einem Haus etwas ausserhalb des Ortes. Stundenlang spielten die beiden Kinder im Wald, mit den Eltern im Haus per Walkie-Talkie verbunden.

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Zukunft im Blick: Falls alles klappt, will Ajla nächstes Jahr ihr Studium abschliessen.

Geri Born

Vor ihrer Sprinter-Karriere machte sie Eiskunstlauf

Sport war immer ein grosses Thema, Ajla begann mit Eiskunstlauf, der jüngere Bruder schloss sich an, wechselte dann aber zum Eishockey; heute spielt er bei den Ticino Rockets in der Swiss League, hat aber auch einen Vertrag mit Ambrì-Piotta und hofft dort auf einen Einsatz in der NLA. Ajla turnt, spielt Klavier, bis sie irgendwann beschliesst, der Leichtathletik den Vorrang zu geben. Im Herbst 2015 schliesst sie sich der Trainingsgruppe von Laurent Meuwly in Lausanne an, zu der auch Hürden-Europameisterin Lea Sprunger gehört, beginnt dort auch zu studieren. «Ich sprach zu Beginn nicht so gut Französisch, war abends immer total müde.»

Das ist längst passé: Heute spricht sie neben Italienisch auch Französisch, Englisch und Deutsch fliessend. Als Muttersprache bezeichnet sie aber Bosnisch – ihre Mutter Senada, 54, kam 1992 wegen des Kriegs in die Schweiz. Der Rest dieser Familie ist heute auf der ganzen Welt verteilt: Ajlas Tante in Australien, ihr Onkel und die Grossmutter in den USA. «Das ist nicht einfach», sagt Ajla, die als Kind jeweils die Sommerferien bei der Verwandtschaft in Bosnien verbracht hat und erst letztes Jahr wieder mal mit Mutter und Bruder eine Woche dort war. «Es war so schön, all die Orte wieder einmal zu sehen.»

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Ein Hobby, das im Moment zu kurz kommt: Ajla spielt für Mutter Senada, Bruder Karim und Vater Claudio Klavier.

Geri Born

In Holland ist Lea Sprunger ihre WG-Partnerin

Die Entfernung zur Familie ist immer wieder ein Thema. Bruder Karim ging bereits als Teenager in die USA, spielte dort fünf Jahre lang Eishockey in verschiedenen Junioren-Teams. Und Ajla studiert nicht nur in Lausanne, sondern ist vor anderthalb Jahren auch ihrem Trainer nach Holland gefolgt. Dort teilt sie die Wohnung mit Lea Sprunger – «es ist schön, dieses Abenteuer mit ihr zu erleben und jemanden zu haben, auf den man zählen kann».

Und trotzdem fehlt die Familie. Das war einer der Vorteile der Corona-Krise – sieben Wochen lang sind die vier Del Pontes wieder in Ascona vereint, wo sie seit zwölf Jahren leben. Mit dem Bruder schaut Ajla Netflix-Kochshows, sie trainieren teilweise zusammen. Auch Musik ist ein grosses Thema in der Familie, sie hören gemeinsam alles Mögliche von Rock bis Klassik und diskutieren darüber. Auch nutzt sie die Zeit, um zu lesen – oder eben zu schreiben. Ihre Poesie verfasst sie auf Italienisch, allerdings ist diese sehr privat: Bloss zwei Freunde durften schon einmal etwas von ihr lesen.

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Fünf Jahre lang spielte Karim in den USA Eishockey. Nun geniessen die Geschwister Zeit zusammen.

Geri Born

«Ich will, dass alles perfekt ist»

Viel freie Zeit hat sie allerdings nicht. Derzeit macht sie das Masterstudium in Italienisch und Geschichte, eine Prüfung einfach nur zu bestehen, ist keine Option für sie. Eben wurde sie von der Uni Lausanne mit einem Preis ausgezeichnet, weil sie die Exzellenz der Universität repräsentiert. «Ich will, dass alles perfekt ist», sagt sie, «und ja, das kann manchmal kompliziert sein.»

Verbissen wirkt sie deshalb nicht. Im Gegenteil: Sie redet gern, lacht und scherzt, interessiert sich für alles, ist in ihrer Trainingsgruppe für gute Stimmung besorgt. Doch die Ansprüche an sich selbst sind hoch. «Sie ist nie zufrieden, man muss ihr auch mal sagen: Das war gut», sagt ihr Trainer Meuwly, selbst für seine hohen Anforderungen an seine Athleten und Athletinnen bekannt.

Im Herbst 2018 begann Del Ponte mit einem Sportpsychologen zu arbeiten, im vergangenen Winter trug dies Früchte: Bereits in der Hallensaison lief sie regelmässig Topzeiten, gewann so an Selbstvertrauen. Und nun ist sie neben Mujinga Kambundji die zweite Sprinterin, die international vorne mitläuft. Der Zauber in der Schweizer Leichtathletik geht weiter. 

Von Eva Breitenstein am 03.08.2020
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