1. Home
  2. People
  3. Swiss Stars
  4. Thomas Meyer: Über den jüdischen Humor

Thomas Meyer

Über den jüdischen Humor (und wieso es ihn nicht gibt)

Man hört oft vom «jüdischen Humor». Besonders als Jude. Und zwar von Nicht­juden, die einem gern erklären, was das ist, und auch sehr gern jüdische Witze erzählen. Warum eigentlich?, fragt Gastautor Thomas Meyer in seinem Essay.

Thomas Meyer, Schriftsteller, Wolkenbruch, Tattoos, Zuerich, 2019 - © Geri Born Styling & Grooming: Letizia Abbatiello Outfit: Tellason, Dukes Edwin, Hemen, Merz b. Schwanen alles erhältlich bei Denim&Iron Zürich

Bestsellerautor. Thomas Meyer, 47, wurde 2012 mit «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller der Schweiz.

Geri Born

Hallo! Mein Name ist Thomas Meyer, und ich bin Jude. Womöglich glauben Sie nun schon eine Menge über mich zu wissen: Der hat bestimmt eine grosse Nase, der ist geldgierig und reich, der ist Teil einer mächtigen Elite. Das sind so die gängigen Klischees, die in den Köpfen erklingen, wenn das Stichwort «Jude» fällt.

Klischees sind meist nicht sehr nett. Das liegt in ihrer Natur: Wer sich anschickt, ein Urteil über eine ganze Gruppe zu fällen, urteilt tendenziell scharf. Das wissen Geflüchtete, das wissen Menschen mit dunkler Haut, das wissen Frauen mit blonden Haaren, das wissen Frauen überhaupt.

Mehr für dich

Bezüglich der Juden gibt es nebst einem Haufen echt fieser allerdings auch einige positive Klischees. Beispielsweise dass wir besonders klug seien. Und geschäftstüchtig (was allerdings nur ein höfliches Synonym für geldgierig ist). Und humorvoll. So humorvoll, dass sogar vom «jüdischen Humor» die Rede ist.

Aber leider gibt es so was nicht. Genauso wenig wie die «jüdische Nase» oder die «jüdische Geschäftstüchtigkeit». Darum schreibe ich das alles in Anführungszeichen.

Gewiss, Sie werden Jüdinnen und Juden finden, die einen riesigen Zinken im Gesicht haben, besonderes Talent in Finanzdingen oder die «Gabe, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen», wie der Duden den Humor definiert. Aber das sind jeweils Zufälle, keine Regelbeweise. Es gibt zahllose Jüdinnen und Juden mit winzigen Näschen, gähnend leerem Portemonnaie und knochentrockenem Gemüt.

Aber Vorurteile sind hartnäckig. Es ist praktisch unmöglich, sie den Menschen zu nehmen. Erst recht nicht, wenn es positive Vorurteile sind wie eben der «jüdische Humor». Das wird nicht als Klischee verstanden, sondern als Kompliment. Und was, bitte schön, soll an einem Kompliment problematisch sein?

Nun, das Problem an einem Kompliment, das auf einer Verallgemeinerung fusst, besteht darin, dass es auf einer Verallgemeinerung fusst. Es spricht dem Individuum die Individualität ab. Ob das Ergebnis feindselig ist oder freundlich, spielt keine Rolle.

Thomas Meyer, Schriftsteller, Wolkenbruch, Tattoos, Zuerich, 2019 - © Geri Born Styling & Grooming: Letizia Abbatiello Outfit: Tellason, Dukes Edwin, Hemen, Merz b. Schwanen alles erhältlich bei Denim&Iron Zürich

Der Zürcher Schriftsteller hat einen christlichen Vater und eine jüdische Mutter.

Geri Born

Es tut mir leid, dass das hier jetzt so ernst geworden ist. Womöglich haben Sie erwartet, dass ein Text über «jüdischen Humor» zum Lachen ist. Aber es ist leider überhaupt nicht lustig, ständig mit eingefahrenen Bildern konfrontiert zu werden und sie nicht infrage stellen zu können, weil das Gegenüber darauf beharrt.

«Ach, Sie sind jüdisch!», rufen die Nichtjüdinnen und Nichtjuden etwa und finden schon das lustig, ihrem begeisterten Grinsen nach zu urteilen: «Sie haben einen tollen Humor!»

«Aber Sie kennen mich doch gar nicht», gebe ich jeweils zu bedenken.

Darauf gehen die Nichtjuden aber gar nicht ein – wieso auch, mein tatsächlicher individueller Humor wird ja vom eingebildeten kollektiven quasi assimiliert – und erzählen einen jüdischen Witz: «New York, 1939. Ein ausgewanderter deutscher Jude besucht einen anderen und ruft: ‹Mensch, Moische, hast du ein Bild von Hitler an der Wand! Bist du geworden meschugge?› – ‹Nein›, antwortet Moische, ‹hab ich was gegen Heimweh!›»

Dann gucken sie mich schelmisch an, als wären wir beste Freunde, obwohl sie gerade jiddische Syntax imitiert haben und gern auch jiddische Aussprache mit rollendem R, was ich immer als leicht übergriffig empfinde. Ich gehe ja auch nicht in die Pizzeria und benutze beim Bestellen falsches Deutsch. Aber wie dem auch sei, der Witz war wirklich nicht schlecht, und immerhin, es war ein jüdischer Witz, kein Judenwitz, was völlig verschiedene Dinge sind. Jüdische Witze sind etwas, das auch Jüdinnen und Juden erzählen würden. Sie machen es trotzdem fast nie.

Haben Sie sich das so vorgestellt? Dass wir einander pausenlos Witze erzählen? Ist nicht so. Wir reden eher darüber, wie schräg es ist, dass Sie es tun.

Warum, weiss ich nicht. Vielleicht, um zu dokumentieren, wie gut Sie das Thema Humor verstanden haben, wie lustig Sie also selber sind.

Vielleicht auch, um zweifelsfrei zu beweisen, dass Sie keine Antisemiten sind. Ich habe nie nach dem Motiv gefragt, vielleicht sollte ich mal, aber einige Male nach der Definition:

«Was ist denn ‹jüdischer Humor› in Ihren Augen genau?»

«Na, ihr nehmt euch eben nicht ernst», sagten die Nichtjuden übereinstimmend, «ihr könnt über euch selber lachen!»

«Das wäre aber dann einfach Humor, nicht?»

«Nein, das ist jüdischer Humor. Diese Selbstironie!»

«Aber was ist jüdisch an Selbstironie? Das kann doch jeder.»

«Nein, ihr habt so einen guten Humor», sagten sie, «weil ihr ihn braucht! Weil euer Schicksal so schrecklich ist!»

Buch zu Geschichte Thomas Meyer (c) HO

In seinem neuen Buch «Was soll an meiner Nase bitte jüdisch sein» (Verlag: Elster & Salis) beschäftigt sich Meyer mit alltäglich erlebtem Antisemitismus.

HO

Offenbar sind Juden also nicht nur alle lustig, sondern auch noch alle aus demselben Grund. Hätte es den Holocaust nicht gegeben, wären Juden gar nicht komisch. Wäre diese Logik nicht so traurig, könnte man drüber lachen. Und vielleicht sogar einen Witz draus bauen:

Berlin, 1945. Ein überlebender Jude besucht einen anderen und ruft: «Mensch, Moische, hast du ein Bild von Hitler an der Wand! Bist du geworden meschugge?» – «Nein», antwortet Moische, «hab ich jetzt jüdischen Humor!»

Na ja, der andere war besser.

Von Thomas Meyer am 03.04.2021
Mehr für dich
© 2021 Schweizer Illustrierte
© 2021 Schweizer Illustrierte
Logo von Ringier Axel Springer