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Die SP-Frau im Interview mit Damian Müller

«Was für ein Klischee!»

Er ist ein Landei, sie ein Stadtmensch. Er ist Fan vom FCL, ihr Herz schlägt für YB. Wofür Ständerat Damian Müller (FDP) Nationalrätin Flavia Wasserfallen (SP) doch bewundert. Und welche Nacht in Luzern die Bernerin nie vergisst.

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Zwischen den Schwänen: Damian Müller empfängt Flavia Wasserfallen im See­bistro Luz direkt am Vierwaldstättersee in Luzern.

Kurt Reichenbach

Kaum taucht Damian Müller, 34, im Seebistro Luz in Luzern auf, wird er erkannt. «Viel Glück bei den Wahlen!», ruft ein Herr dem FDP-Ständerat zu. Müller bedankt sich und schüttelt ihm die Hand.

«Wow, ist das schön hier», sagt SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen, 40, als sie das trendige
Lokal mit den grossen Fensterfronten und dem Blick über den Vierwaldstättersee einige Minuten verspätet betritt. Müller grinst. «Ich habe mir gedacht, es muss etwas Urbanes für Sie sein. In meinem Heimatdorf Hitzkirch wären wir zu weit ab vom Schuss gewesen.»

Damian Müller: Willkommen in Luzern, der schönsten Stadt der Schweiz ...
Flavia Wasserfallen: ... da muss ich direkt widersprechen (lacht).

Es freut mich auf jeden Fall, dass Sie hier sind. Wie gut kennen Sie als Bernerin Luzern? 
Wie es sich gehört, war ich mit meinen drei Kindern schon im Verkehrshaus. Das KKL kenne ich natürlich auch.

Gehen Sie mit den Kindern auch ab und zu an einen Fussballmatch? 
Ja, sie sind drei, sieben und elf Jahre alt. Wir sind alle grosse YB-Fans und gehen regelmässig ins Fussballstadion. Wir haben sogar ein Abo. Mit Luzern verbinde ich übrigens eine meiner schönsten Fussballerinnerungen: als Jean-Pierre Nsame letztes Jahr gegen den FC Luzern in der 89. Minute das Siegestor schoss und wir nach 32 Jahren zum ersten Mal wieder Meister wurden. Das war eine der verrücktesten Nächte meines Lebens. Luzern gehört immer ein Platz in meinem Herzen.

Flavia Wasserfallen SP Wahlstafette

Nachhaltig: Die dreifache Mutter und SP-Politikerin Flavia Wasserfallen gründete ein Bio-Abo in Bern.

Kurt Reichenbach

Den Meistertitel schafften die Young Boys nur mit einem Luzerner Trainer! Apropos fremde Wurzeln: Sie sind halb Italienerin. Was ist an Ihnen typisch italienisch? 
Meine italienischen Wurzeln habe ich von meiner Mutter. Sie ist Neapolitanerin. Ich weiss nicht, was typisch italienisch an mir ist.

Das Temperament? 
Ha, was für ein Klischee! Als Studentin habe ich in Bologna ein Austauschsemester gemacht und fühlte mich sehr schweizerisch. Meine italienische Seite zeigt sich wohl darin, dass ich sehr lebensfreudig bin und gutes Essen liebe – vor allem die mediterrane Küche. Und mir ist der Kontakt zu meiner Familie in Neapel wichtig.

Sie haben Politologie und Volkswirtschaft studiert und sind dann in die Politik eingestiegen. In der Privatwirtschaft hingegen haben Sie nie gearbeitet – wie viele andere Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Ist unser Milizsystem am Ende? 
Ich bin zwar schon mit 23 Jahren in den Grossen Rat des Kantons Bern gewählt worden, war daneben aber angestellt. Zuerst beim Bundesamt für Energie, dann als Generalsekretärin der SP Schweiz. Erst mit 39 Jahren bin ich in den Nationalrat nach­gerutscht. Seien wir ehrlich: Das Milizsystem ist ein Mythos. Wer im Parlament seriös arbeiten will, braucht ein Pensum von mindestens 70 Prozent. Nebenbei noch 80 Prozent oder mehr arbeiten? Geht nicht! Wie ist es im Ständerat?

Flavia Wasserfallen, 40, rutschte letztes Jahr in den Nationalrat nach. Die Präsidentin der Mütter- und Väterberatung Schweiz lebt in Bern.

Da würde ich den Aufwand auf circa 70 Prozent schätzen. Eine 42-Stunden-Woche reicht mir jedenfalls nicht. Allerdings halte ich es für eine Stärke unserer Demokratie, dass die Politiker mit einem Bein im Leben stehen. Aber ich muss sagen: Sie beeindrucken mich mit Ihren drei Kindern. Wie schaffen Sie das? 
Bis zu dem Tag, als ich im Nationalrat nachgerutscht bin, haben mein Partner und ich gleich viel gearbeitet und die Kinderbetreuung aufgeteilt. Jetzt übernimmt er definitiv mehr Aufgaben zu Hause – auch wegen meines Wahlkampfes. Das ist eine intensive Zeit. Ich hoffe, ich kann mich bei meinem Mann revanchieren. Aber die Vereinbarkeit ist bei vielen Familien ein Dauerthema. Darum setze ich mich für eine
Elternzeit, mehr Teilzeitstellen und Lohngleichheit ein.

Wenn Sie auf die letzten Jahre zurückschauen, auf Ihre Kinder und Ihre Karriere: Worauf waren Sie am wenigsten vorbereitet? 
Auf die starken Gefühle, die man plötzlich für einen anderen Menschen hat. Diese Gefühle können sehr positiv sein, sich aber auch in Ängste oder sogar Verlustängste umwandeln. Seit ich Mutter geworden bin, frage ich mich noch mehr, was ich als Politikerin verändern kann, damit unsere Kinder in einer lebenswerten Welt aufwachsen.

Das will ich auch – aber ohne Zwang. Die SP hat vor Kurzem einen Sechs-Punkte-Plan für mehr Gleichstellung veröffentlicht. Wenn wir alle eure Forderungen berücksichtigen, wie etwa Kinderbetreuung für alle, kostet das drei Milliarden. Nicht euer Ernst? 
Doch, sicher! Es ist schade, dass Sie bei solchen Diskussionen immer sofort den Taschenrechner rausholen. Investitionen in familienfreundliche Strukturen zahlen sich aus. Wenn in Zukunft mehr Frauen arbeitstätig sind, wirkt sich das positiv auf den Steuerertrag aus. Was sind schon drei Milliarden? In dieser Legislatur verschleuderten wir Milliarden für neue Autobahn-Projekte, und wir haben im Sinn, für acht Milliarden neue Hochleistungs-Kampfjets zu kaufen.

Wir haben auch Geld für den ÖV und die AHV gesprochen. Die Massnahmen gegen den Klimawandel kosten ebenfalls! Da wollen Sie noch mehr draufbuttern? Kein Wunder, dass Sie im Ranking des Gewerbeverbands nur auf dem 191. Platz der gewerbefreundlichsten Parlamentarier landeten. 
Dem darf man nicht so viel Bedeutung beimessen. Ich hatte mit dem Direktor des Gewerbeverbands, Hans-Ulrich Bigler, eine grosse Auseinandersetzung, als es um Frauen in KMUs ging. Ich finde es schade, dass er das Gewerbe so einseitig und konservativ vertritt. Es ticken nicht alle Gewerbler so. Ich selber habe ein Bio-Abo mitaufgebaut. Seit neun Jahren beliefern wir Haushaltein Bern mit Bio-Produkten. Dadurch habe ich wertvolle Kontakte zu Kleingewerblern.

Damian Müller FDP Wahlstafette

Zielstrebig: Der alleinstehende FDP-Politiker Damian Müller arbeitet Teilzeit bei der Swiss Life Versicherung.

Kurt Reichenbach

Sie politisieren stramm auf SP-Linie, vertreten mehrheitlich das Gedankengut Ihres Präsidenten, Christian Levrat. Da muss ich fragen: Wann beerben Sie ihn? 
(Lacht.) Okay, mit dieser Frage habe ich überhaupt nicht gerechnet. Er ist ja noch unser Präsident.
Sie stellen sich ja auch nicht die Frage, ob Sie Bundesrat werden wollen ...

... genau das hat mich letzte Woche CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter an dieser Stelle gefragt. 
Und Sie sagten, es sei kein Thema. Genauso ist es bei mir momentan kein Thema, ob ich das SP-Präsidium übernehmen soll. Es ist immerhin eine sehr intensive und aufwendige Aufgabe.

Aber es würde Sie schon reizen? 
Die SP ist die zweitgrösste Partei. Unsere Mitgliederzahlen steigen, was mich freut. Ich fand es als Generalsekretärin und auch jetzt als Nationalrätin spannend, in dieser Partei Politik für Menschen zu machen. Das reicht vorerst.

Damian Müller, 34, ist seit 2015 Ständerat – als jüngstes Mitglied. Der PR-Fachmann arbeitet Teilzeit bei der Versicherung Swiss Life und lebt in Hitzkirch LU.

Als es darum ging, eine Nachfolge für die Berner Gemeinderätin Ursula Wyss zu finden, haben Sie elegant abgewinkt. Wie jetzt auch gerade bei meiner Frage. Wo sehen Sie sich in Zukunft? 
Sie wissen genauso gut wie ich, dass man die politische Zukunft schlecht planen kann. Manchmal gehen Türen auf, manchmal nicht. Darum mache ich mir so lang­fristig gar keine Gedanken. Bei der Nachfolge von Ursula Wyss habe ich mich gefragt, ob es der richtige Zeitpunkt ist. Die Antwort war einfach Nein, weil meine Kinder noch jung sind und ich frisch im Nationalrat bin.

Sie verbringen viel Zeit im Bundeshaus. Interessieren sich Ihre Kinder für Politik? 
Meine elfjährige Tochter interessiert sich für die Klimabewegung. Wir waren auch zusammen an der grossen Demo in Bern, das war sehr eindrücklich! Sie interessieren sich, wie andere Kinder auch, für den Beruf ihrer Eltern. Aber oft lasse ich die Politik einfach vor der Haustüre. Das tut auch gut.

Wie können Sie am besten abschalten? 
Bei meiner Familie, meinen Kindern. In der Freizeit machen wir gerne Ausflüge, oder wir besuchen eben einen YB-Match. Wenn ich etwas nur für mich machen will, gehe ich tanzen oder ins Yoga.

Was muss ein Luzerner Landei, wie ich eines bin, in Bern unbedingt gesehen haben? 
Über Fussball haben wir genug geredet, und das Bundeshaus kennen Sie ja schon. Ein Schwumm in der Aare ist immer ein besonderes Erlebnis!

Das andere Kreuzverhör

In der SI-Wahlstafette interviewt eine Partei die nächste. Und die darf in der folgenden Woche die Fragen an eine weitere Partei stellen. So geht das bis zu den Wahlen.

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Von Silvana Degonda am 5. Oktober 2019