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Interview mit Eva Wannenmacher

«Wir können kämpfen und weiblich sein»

Frauen sollen ihre Weiblichkeit als Kraftquelle nutzen, sagt Kulturjournalistin Eva Wannenmacher. Sie ist heute auch Lebenscoach. Und erklärt, wieso Monatszyklen positiv sind, weshalb Frauen oft Angst vor dem eigenen Licht haben und warum Kamala Harris ein Vorbild ist.

Eva Wannenmacher

Zur Person Eva Wannenmacher Am 25. Februar 1971 in Zürich geboren und im Aargau aufgewachsen, wurde sie bei «10vor10» national bekannt. Seit 16 Jahren moderiert die preisgekrönte TV-Journalistin den SRF-«Kulturplatz». Jetzt hat die Mutter von drei Kindern das «Labor der Lebensfreude für Frauen» gegründet. Hier begleitet sie Frauen in Lebens- und Liebesfragen und empfängt Eva Wannenmacher ratsuchende Frauen: «Es ist möglich, neu auf unsere Sexualität zu schauen.»

Ellin Anderegg

Eva Wannenmacher, was ist Weiblichkeit?
Frauen sind so vieles im Laufe unserer Monats- und Lebenszyklen: sanft, kraftvoll, ängstlich, mutig. Viele Frauen empfinden ihre Zyklen als negativ. Dabei liegt dort so viel Potenzial. Doch das lernen wir nicht in der Schule. Dieses Wissen möchte ich den Frauen zurückgeben. Denn es ist altes Wissen. Auch ich habe es mir angeeignet.

Wie meinen Sie das?
Seht eure Zyklen als Kraftquelle! Es gibt Tage, da sind wir gross und stark – und an anderen möchten wir nur in die Stille. Das Buch «Roter Mond» von Miranda Gray lehrt uns, auf die Weisheit unseres Körpers zu hören.

Wieso ist es wichtig, die eigene Weiblichkeit zu erforschen?
Unsere Berufswelt wurde nach männlichen Kriterien gebaut. Es hilft, sich dessen bewusst zu sein. Wir müssen uns vorstellen, vor 50 Jahren hatte es im Bundeshaus in Bern noch fast keine Frauentoiletten! Sehen wir das als Symbol, dass wir selbst Dinge, die bereits gebaut sind, ändern können.

Wie entdecke ich meine Weiblichkeit in einer männlich dominierten Welt?
Unsere Mütter und Grossmütter mussten kämpfen für das Frauenstimmrecht. Auch heute ist Kampf noch immer wichtig. Aber darüber hinaus können wir heute auch weiblich sein. Kamala Harris ist ohne Zweifel eine Kämpferin. Aber sie scheint eine weibliche Frau geblieben zu sein, die den Mut hat, dies zu zeigen.

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Eva Wannenmacher

«Als Einstieg könnten wir versuchen, einen Tag lang positive Glaubenssätze zu formulieren.» Eva Wannenmacher ermutigt zur Selbstermächtigung.

Ellin Anderegg

Inwiefern ist Sexualität für die Entdeckung der Weiblichkeit wichtig?
Sexualität ist eine wichtige Farbe im ganzen Bild. Aus meiner Sicht ist sie eine grosse Kraft. Und es lohnt sich, sie zu erforschen. Auch wenn dieser Weg bedeuten kann, Verletzungen zu heilen. Es ist möglich, neu auf unsere Sexualität zu schauen. Sie neu auszurichten. Zu ungeahnter Freiheit zu gelangen.

Wo liegen die anderen Kraftquellen?
Beispiel Spiritualität: Hier können wir enorme Schätze bergen. Das heisst nicht, dass wir deswegen aufhören, denkende Wesen zu sein. Aber in unserer Kultur sind wir zu sehr im Kopf und zu wenig im Körper.

Was bedeutet, in die eigene Kraft zu kommen denn genau?
Das heisst zu lernen, neue Ressourcen zu nutzen. Und es bedeutet, dass wir nicht länger Angst haben vor unserer eigenen Grösse. Vermeintlich haben wir Respekt vor unseren Schattenseiten. Doch wenn wir tief in uns hineinhören, braucht es oft noch mehr Mut, sich das eigene Licht einzugestehen. Wir können uns sichtbar machen. Aber das bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen.

Warum stellen Frauen ihr Licht gerne unter den Scheffel?
Wir alle tragen Glaubenssätze in uns. Sie haben eine enorme Macht: «Ich kann das nicht» oder «Ich bin es nicht wert». Damit sabotieren wir uns fortlaufend selbst. Es ist nicht ganz einfach, aber wir können sie auflösen und neu schreiben. Auch in diesem Prozess begleite ich Frauen. Und es ist beeindruckend, was wir so bewirken können!

Ein Beispiel?
Stellen Sie sich vor, was für positive Glaubenssätze Kamala Harris haben musste, um als Frau und als nicht-weisse Frau so weit zu kommen! Damit meine ich nicht, wir müssen alle Politikerinnen werden. Aber wir können in unserem eigenen Umfeld mit neuen Glaubenssätzen enorm viel bewirken. Als Einstieg können wir versuchen, einen Tag lang nur positive Glaubenssätze zu formulieren. Keine Negativ-Mantras! Gar nicht einfach. Aber enorm wirksam.

«Das weibliche Geschlecht war in der Geschichte ­entweder unsichtbar oder furchterregend»

Wann kamen Sie an diesen Punkt?
Die letzten zehn Jahre waren für mich Jahre des Lernens und Erwachens. Ich habe begonnen, in mich hineinzuhorchen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und mich selbst zu ermächtigen. Dabei habe ich mich sehr oft gewundert. Weshalb werden Frauen viel häufiger unterbrochen? Weshalb haben sie durchs Band weniger Redezeit im Parlament. Dafür gibt es Gründe.

Im Februar werden Sie 50 Jahre alt – wie das Frauenstimmrecht in der Schweiz. Was für ein Rollenbild hat Sie geprägt?
Ich wurde in eine emanzipierte Familie hineingeboren. Meine Eltern gingen beide arbeiten, und meine Mutter war zum Glück schon damals auf selbstverständliche Art emanzipiert. Aber es gibt noch viel zu tun: Wir haben noch immer keine Lohngleichheit und keine Chancengleichheit. Junge Männer träumen davon, Pilot zu werden. Frauen geben Lehrerin als Berufswunsch an. Wir steigen also bereits ins Berufsleben ein mit dem Gedanken, alles unter einen Hut bringen zu müssen. Das ist keine Freiheit.

Gleichstellung ist ein präsentes Thema. Was es bedeutet, Frau zu sein oder die Weiblichkeit zu leben, weniger.
Wir haben noch nicht einmal einen adäquaten Wortschatz für unser Geschlecht. Wir sagen Vagina, damit ist aber nur unsere Körperöffnung gemeint. Vulva meint den sichtbaren Teil. Viele Mädchen haben auch heute keine Worte für «das da unten».

Wieso ist das so?
Dazu gibt es ein starkes Buch: «Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts» von Mithu M. Sanyal. Es ist eine Kulturgeschichte der Unsichtbarmachung. Sigmund Freud lehrte nach der Formel: Man entferne den Penis des Mannes und erhalte die Frau. Die Frau wurde über ihren Mangel definiert. Gleichzeitig existiert das Schreckensbild der «Vagina dentata» – der «bezahnten Vagina». Wir waren in der Geschichte also entweder unsichtbar oder furchterregend.

WASHINGTON, DC - JANUARY 20: Kamala Harris is sworn in as vice president by Supreme Court Justice Sonia Sotomayor as her husband Doug Emhoff holds the Bible during the 59th Presidential Inauguration at the U.S. Capitol on January 20, 2021 in Washington, DC. During today's inauguration ceremony Joe Biden becomes the 46th president of the United States. (Photo by Saul Loeb - Pool/Getty Images)

«Stellen Sie sich vor, was für positive Glaubenssätze Kamala Harris haben musste, um als Frau und als nicht-weisse Frau so weit zu kommen!» sagt Eva Wannenmacher über die neue Vize-Präsidentin der USA als positives Beispiel.

Getty Images

Wann begann das weibliche Geschlecht wichtig zu werden?
Künstlerinnen wie Valie Export, Yoko Ono, Annie Sprinkle – sie haben sich sichtbar gemacht. Die «Vagina-Monologe» waren ein Meilenstein, ebenso Charlotte Roche mit «Feuchtgebiete».

Hat sich Ihr Frauenbild durch Ihre neue Tätigkeit als Lebenscoach geändert?
Sehr! Wenn wir lernen, dass wir uns nicht beurteilen müssen, sondern einfach respektieren, dann ist schon viel gewonnen. Damit zielt auch Konkurrenzdenken ins Leere.

Sie begrüssen ausschliesslich Frauen, wieso?
Ich liebe die Männer (lacht). Und aktuell bekomme ich viele Coaching-Anfragen von Männern. Keine Regel ohne Ausnahme. Aber in erster Linie fühle ich mich den Frauen verpflichtet. Denn ich selbst bekomme auch grosse Unterstützung von ihnen.

Von Aurelia Robles am 05.02.2021
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