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  4. Nach seinem Sieg an den Sports Awards spricht Roger Federer über seine Kinder, sein Knie und Corona

Roger Federer im grossen Interview

«Zu Beginn hiess es: ‹Du bist nicht mein Coach!›»

Tennisstar Roger Federer plädiert dafür, sich in der ­Co­ro­na-­Krise in andere hineinzuversetzen. Im Interview spricht er über seine Bewunderung für Pirmin Zurbriggen, seine Klavierstunden und das Tennisspielen mit seinen vier Kindern.

Der nominierte Tennisspieler Roger Federer posiert an der Verleihung der Sports Awards 2020, aufgenommen am Sonntag, 13. Dezember 2020, in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Fast jeder Zweite war für ihn: Roger Federer gewinnt die «Sports Awards»-Wahl mit 49,14 Prozent der Stimmen.

keystone-sda.ch

Es ist die Nacht der Schweizer Sportlegenden. Statt die besten Athletinnen und Athleten des Jahres zu küren, sind die «Sports Awards 2020» Corona-bedingt eine Best-of-Show der letzten 70 Jahre. Keine Überraschung: Roger Federer räumt ab. Der 39-Jährige nimmt die Trophäe sichtlich emotional entgegen. Erklärt, dass er nach seinen Knieoperationen im Februar und Juni noch nicht sicher sei, ob er es auf die Australian Open Anfang Februar zurückschaffe. Und dann schockt er die Fans, als er sagt: «Ich hoffe, dass man noch mehr von mir sehen wird. Falls es das aber war, wäre das hier ein unglaublicher Schlusspunkt.» Er, der nie vom Rücktritt spricht, zweifelt? Im Interview zwei Tage nach der Show gibt er sich wieder zuversichtlich.

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Roger Federer, Sie haben so viele Preise gewonnen, wirkten aber ehrlich berührt. Bedeutet Ihnen ein nationaler Preis wirklich noch so viel?
Ja, sowieso! Gerade bei jenen Awards, die du nicht selbst anpeilen kannst, die in der Hand einer Jury, von Verbänden oder Fans liegen, fühlst du dich sehr geehrt und gerührt. Für mich bedeutet es bereits alles, in diesem illustren Kreis dabei zu sein. Der Sieg war sekundär. Ich habe gespürt, da sind keine Animositäten, ich hätte mich genauso gefreut, wenn jemand anderes gewonnen hätte. 

War eine Begegnung an diesem Abend besonders speziell?
Schön war es, Updates von jenen zu erhalten, die ich schon mal kennengelernt habe: Simon Ammann, Dario Cologna. Und: Ich war zusammen mit Pirmin Zurbriggen der Letzte, der um halb zwei Uhr morgens heimging, wir redeten sehr lange. Ich hege eine solche Bewunderung für ihn, habe früher so viel von ihm gesehen. Er ist eine Sportikone für mich, wie auch Vreni Schneider und Erika Hess. Ich weiss auch nicht warum – mit Pirmin fühle ich mich sehr verbunden. Ich wollte nicht gehen, wenn ich schon mal die Chance hatte, mit ihm zu reden.

Sports Award 2020 Roger Federer Pirmin Zurbriggen

Federer und Pirmin Zurbriggen waren die Letzten, die die «Sports Awards» am Sonntag verliessen – um 1.30 Uhr.

Valeriano Di Domenico

Kriegen Sie bei den Sport-Rückblicken auch noch Hühnerhaut?
Diese Bilder mit dieser Musik – oh ja, mich berührt das extrem. Etwa ein Olympiasieg von Cologna, von dem ich genau weiss, wo ich damals war. Und dann kommen meine Bilder, und ich denke: Heieiei, dieser French-Open-Sieg war schon etwas unglaublich Grandioses. Es schüttelt mich durch, weil der Sport solche Emotionen auslösen kann. Dass ich einen kleinen Part in diesem Zirkus habe, ist wunderschön. Ich mag auch die witzigen Sequenzen von früher. Die Entwicklung ist rasant. Ich frage mich, ob wir in 30 Jahren zurückblicken und über mein Tennis schmunzeln.

Reisen sind im Corona-Jahr stark eingeschränkt, und Sie hatten auch noch zwei Knieoperationen. War 2020 eine Art Vorgeschmack auf ein «normales» Familienleben? 
Gut, ich habe das 2016 schon erlebt, als ich nach einer Knieoperation mehrheitlich zu Hause war. Ich muss sagen: Dieses Jahr ging genauso schnell vorbei wie eines auf der Tour. Für uns war neu, dass wir endlich mal an einem Ort waren. Wir konnten Pläne schmieden: Was machen wir diesen Mittwoch, was am nächsten? Und dann gabs stets  wieder neue Situation und Regeln, an die wir uns anpassen mussten, das war ja etwas völlig Neues. Wir sind als Familie immer zusammen, ob auf der Tour oder nicht, aber der Stress fiel weg. «Papi hat noch einen Match» oder «Seid nicht zu laut am Morgen, weil Papi erst um drei Uhr morgens ins Bett kam nach einem Match». Es war schön, als Familie für einmal normal zu leben.

Boris Becker erzählte, er habe im Lockdown die Küche entdeckt. Haben Sie etwas Neues gelernt? 
Wenn ich zurückblicke, sehe ich vor allem das Organisatorische. Ich wusste sonst ja auch, was in der Familie läuft, aber diesmal war ich der Aktive. Da war viel mehr Zeit, weil ich nicht so viel trainieren durfte. Deshalb lief alles bei mir zusammen. Das mache ich sehr gern. Ich wurde quasi zum Chauffeur der Kleinen. Und ich hatte Freude daran, ein guter Gastgeber zu sein, wenn die Regeln Besuch erlaubten. Früher waren alle bereits happy, wenn unsere Freunde einfach vorbeikamen. Nun habe ich für alles drumherum gesorgt: schönes Licht, eine schöne Atmosphäre, den richtigen Wein. Ich hatte viel mehr Zeit, das zu zelebrieren.

Roger Federer mit Gattin Mirka, 2020

Genossen die Zeit in der Schweiz: Mirka und Roger Federer beim Opening des Home of Chocolate von Lindt & Sprüngli.

David Biedert

«Dieses Jahr war schön, weil es nicht hiess: Seid morgens nicht zu laut, weil Papi spät gespielt hat»

Alle vier Kinder spielen Tennis. Wie läuft das Nachwuchs-Doppel?
Wir haben ziemlich viel gespielt dieses Jahr. Das Gute ist, man findet stets Wege, um es lustig zu gestalten. Das Problem beim Tennis ist, dass es seine Zeit braucht, bis man richtig drin ist. Danach macht es Spass. Nun sind alle vier dort angekommen, wo sie mal einen längeren Ballwechsel spielen können. Inzwischen fragen sie mich auch, ob ich spielen komme. Zu Beginn hiess es: «Du bist nicht mein Coach! Papi muss sich nicht einmischen ins Spiel.» Da habe ich gesagt: «Okay, kein Problem, macht es so, wie ihr es als richtig empfindet. Irgendwann kommt ihr vielleicht doch mal zu mir oder Mami.»

Die Mädchen spielen noch Klavier. Wie stehts um Ihre eigene musikalische Begabung?
Ich würde gern wieder ein Instrument spielen. Wenn ich mit Tennis aufhöre, habe ich hoffentlich Zeit. Ich spielte früher Klavier. Aber natürlich war ich da schon eher beim Fussball, Tennis oder Basketball. Ich musste jede Woche in der Klavierstunde erklären, wieso ich nicht mehr geübt hatte, und sagte: «Das Tennis halt.» Dann hiess es: «Also, Roger, probieren wir halt dieses Lied nochmals.» Ich finde es schön, dass die Mädchen spielen, sie machen es recht gut, ich bin stolz auf sie.

Hatten Sie Kontakt zu Ihren internationalen Freunden in diesem speziellen Jahr, etwa zu Rafael Nadal?
Mit Rafa habe ich sehr viel geredet. Weil wir im Spielerrat sind, mussten wir uns immer wieder absprechen: Was ist das Beste für den Sport? Wie können wir ihn nach vorne bringen? Auch beim harten Lockdown in Spanien haben wir telefoniert. Und er fragte mich, wie es mir nach der Operation geht. Ich war zuerst froh, einfach mal länger in der Schweiz zu bleiben, aber irgendwann merkten wir, dass uns unsere Freunde fehlten, die aus London, New York oder Paris. Unser Leben spielt sich halt auch auf der Tour ab, und wir haben es vermisst.

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Sie wollten Papi zuerst nicht als Coach: Federer mit den Zwillingsjungs Leo und Lenny 2018 in Wimbledon. 

imago/Paul Zimmer

Unsere Generation kennt eine solche Krise gar nicht. Haben Sie sich grundsätzlich viele Gedanken gemacht, vielleicht gemerkt, dass doch nicht alles selbstverständlich ist?
Ich hatte enorm viel Zeit, um in mich reinzugehen. Das Leben auf der Tour ist sonst so schnelllebig. Aber ich bin sehr gern mit anderen Menschen zusammen, mit dem Team, der Familie, mit Mirka. Ich mag es, wenn viel los ist. Und muss mir nicht immer wieder gross Gedanken machen: Gehts mir gut? Gehts den anderen gut? Bin ich dankbar? Ich habe das Gefühl, mir ist von Natur aus extrem wichtig, wie es den anderen geht. Sie kommen für mich immer zuerst. Wenns ihnen gut geht, geht es mir auch gut. Darum brauchte ich diesen Lockdown nicht, um mir das vor Augen zu führen. Aber vielleicht war noch nicht allen bewusst, was wichtig ist im Leben.

Nämlich?
Gesundheit, Familie, Freunde. All diese Sachen, die man für normal hält. Das ist das, was zählt, alles andere ist sekundär. Ich glaube, das stand bei allen im Raum. Für manche war es schön, mal zu Hause sein. Für andere ist es schlimm, zu Hause zu bleiben, Homeschooling zu machen und dazu Homeoffice … Da kannst du wirklich halb wahnsinnig werden. Es ist eine grosse Herausforderung, und ich hoffe, dass wir uns gegenseitig unterstützen können als Menschen, als Schweizer. Auch wenn es mir gut geht, kann es sein, dass das bei anderen nicht der Fall ist. Man soll sich in andere hineinversetzen und diese unterstützen. Denn ich glaube, dass leider viele mental angeschlagen aus diesem Jahr herauskommen.

Roger Federer RF Foundation Namibia Februar 2020

Federer Anfang Jahr in Namibia. Beim Match for Africa kamen 3,5 Millionen Franken für seine Stiftung zusammen.

Jens Honoré

«Mir ist von Natur aus extrem wichtig, wie es anderen geht. Geht es ihnen gut, gehts mir gut»

Sie sind mit Ihrer Stiftung in Afrika aktiv. Haben Sie mitbekommen,
wie sie dort die Krise meisterten? 

Ich habe das Gefühl, man hat aus Afrika nicht so viel gehört – nur, wie schlimm es bei uns in der westlichen Welt ist. Aber wir hatten natürlich unsere Boardcalls. Und es war sehr schwierig dort. Die Schulen gingen zu, und du kannst nicht einfach Homeschooling machen wie bei uns. Die Schule ist für diese Kinder ein Ort, an dem sie nicht nur lernen, sondern auch essen können. Und auf einmal fällt das alles weg. Wir haben mit der Stiftung versucht, das so gut wie möglich aufzufangen, und halfen mit Paketen, Sonder-Organisationen, mit lokalen Partnern. Aber es war eine grosse Herausforderung. Zum Glück konnte ich Anfang Jahr noch nach Namibia und mit Rafa den Match for Africa spielen. Das war eine unglaubliche Erfahrung, und wir konnten über 3,5 Millionen Franken für die Stiftung sammeln. 

Zum Schluss: Bleiben Sie für Weihnachten dieses Jahr in der Schweiz?
Nein, wir sind dann wieder in Dubai. Wir feierten erst einmal hier, seit wir Kinder haben. Das war sehr schön, aber auch umständlich, und von hier aus ist der Weg nach Australien nochmals länger. Ich muss mein Knie nun wirklich mal voll testen auf dem Tennisplatz. Mit der Hoffnung, dass es mir vielleicht ans Australian Open reicht. Hier in der Kälte indoor trainieren ist nicht ganz optimal. Aber wir sind einfach dort daheim, wo die Familie gerade ist.

Von Eva Breitenstein am 18.12.2020
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