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Klassiker unter Strom

Mit dem Strom Schwimmen

Die E-Mobilität konzentriert sich nicht nur auf hochmoderne Autos. Der Elektro-Trend geht zunehmend auch bei Oldtimern und Retrocars zu Akkus und Elektromotoren.

Jaguar E-Type
Charlie Magee

Es fällt in Zeiten des Brexit schwer, den Engländern die Fähigkeit zuzutrauen, positiv quer zu denken. In Sachen Auto aber konnten sie es schon immer – und tun es heute noch. Bestes Beispiel dafür: Jaguar. Die Briten, seit 2008 bei Tata Motors in indischer Hand, bauen in ihren Continuation-Serien sowohl den klassischen Jaguar XKSS als auch den D-Type nach alten Vorgaben von Hand mit neuen Materialien. Aber damit nicht genug: Sie elektrifizieren ab Werk auch die Ikone Jaguar E-Type. Und zwar originale, alte Exemplare.

Dass der schönste Roadster aller Zeiten künftig stromern wird, schockt zunächst. Denn für den Prototyp des E-Type Zero schnappten sich die Jaguar-Ingenieure einen E-Type Roadster Serie 1.5 von 1968 und entfernten den Sechszylinder-Reihenmotor samt zugehöriger Aggregate. Dann bestückten sie das Armaturenbrett mit passenden Instrumenten und pflanzten mithilfe des kroatischen Elektro-Antriebsspezialisten Rimac einen 220-kW-Elektromotor am ursprünglichen Platz des Vierganggetriebes ein sowie einen 40-kWh-Lithium-Ionen-Akku unter die Motorhaube. 

Frevel? Nicht unbedingt. Die Fahrleistungen sind schon mal besser: Der Stromer ist 46 Kilo leichter als der originale E-Type und sprintet in 5,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Das ist eine Sekunde schneller als vorher. Es würde noch rasanter gehen, hätten die Ingenieure die Kraft nicht elektronisch gezügelt, damit das Gesamtpaket stimmig bleibt. Denn sowohl Bremsen als auch Fahrwerk sind noch original. Der Wagen fühlt sich beim Fahren genauso an wie der Jaguar mit Benzinmotor, versichern die Macher. Selbst die Gewichtsverteilung vorne und hinten bleibt exakt so wie vor dem Umbau. Der Strom soll für eine Reichweite von 270 Kilometern reichen, das Stromtanken sechs bis sieben Stunden dauern. Preis: vermutlich rund 480 000 Franken. Und das Wichtigste: Die Grundstruktur des originalen E-Type wird beim Umbau nicht verändert. Das heisst: Der Klassiker kann jederzeit problemlos auf seinen Ursprungsantrieb zurückgerüstet werden. 

Da will der britische Konkurrent Aston Martin natürlich nicht zurückstehen. Die Briten haben ebenfalls angekündigt, als erstes Modell den DB6 Volante von 1970 zu elektrifizieren. Sie nutzen dazu ein Baukastensystem mit Batterie, Kabel, Steuergerät und Motor. Und wie bei Jaguar soll sich auch der Aston-E-Antrieb bei Bedarf wieder ganz einfach zurückbauen lassen.

Es kümmern sich aber auch kleinere Hersteller um die E-Gemeinde – etwa die Firma Charge Automotive aus London. Sie lädt den klassischen Ford Mustang als Fastback und Cabrio auf – für mindestens 200 000 Pfund pro Stück. Die Batteriekapazität beträgt 64 kWh, das macht 200 Kilometer Reichweite. Der elektrifizierte Muscle-Car ist 300 kW (ca. 408 PS) stark und überzeugt mit 1200 Nm Drehmoment. Ab September 2019 sollen die ersten von 499 Stück erhältlich sein.

Doch das Elektrifizieren von Oldtimern ist keine rein britische Sache. So gibts zum Beispiel in den USA, in Kalifornien, Oldtimerfan David Be­nardo. Ihm haben es besonders alte Käfer und Karmann-Derivate angetan. Aller­dings hatte er vor einiger Zeit die Nase voll von alter Verbrennertechnik – besonders von unzuverlässiger. Und tauschte die Boxermotoren gegen Elektroantriebe. Seit 2012 macht er das professionell: Er gründete Zelectric Motors. «Zunächst bestückte ich nur VW Käfer der Jahrgänge 1958 bis 1968 mit E-Motoren samt Tesla-Batterien aufgrund der perfekten Balance aus Stil und Benutzerfreundlichkeit», sagt der Do-it-yourself-Mann, «später kamen aber auch Fiat 500, Karmann Ghia der 1960er-Jahre, die VW 181 Kübel der Baujahre 1973 und 1974 sowie diverse Porsche-Modelle hinzu.» Der «Retrofuturist», wie er sich selber nennt, dreht jährlich etwa zehn Wagen um. Käfer müssen danach etwa 350 Kilogramm mehr mit sich herumschleppen, was nicht so schlimm ist, weil so ein «Bug» dann 80 PS leistet und bis zu 160 km/h rennt. Die Reichweite liegt bei unseres Erachtens etwas mickrigen 100 Kilometern, die Aufladung soll bis zu vier Stunden dauern. Beim Standard-Käfer kostet die E-Kur umgerechnet mehr als 70 000 Franken, beim Käfer Cabrio knapp 100 000 Franken, der VW-Bus wird mit über 140 000 Franken berechnet – allerdings sind die Basisautos inbegriffen. Über mangelnde Arbeit kann Benardo nicht klagen: «Meine Zukunft sieht rosig aus.» Die nächsten Projekte: Meyers Manx, Porsche 356, 911, 912, 914 und alte Fiat 500.

« Ich kann mich nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Die Zukunft sieht rosig aus »

David Benardo, Zelectric Motors

Natürlich ist inzwischen auch Europa eine Spielwiese für Umbauten aller Art. Heiko Fleck ist Chef von Fleck Machines im deutschen Pfarrkirchen und einer der arrivierten Oldie-Verstromer. Nach eigenen Angaben hat er bislang zwischen 400 und 500 Verbrennerautos umgerüstet – davon etwa die Hälfte Oldtimer wie Goggomobil, Citroën 2CV, Suzuki LJ, US-Pick-ups und VW-T2-Bullis. Und auch ein Amphicar. Die Intentionen der Besitzer sind dabei verschieden. Die einen mögen keine ölverschmierten Hände mehr, die anderen wollen mit ihrem Oldtimer problemlos im modernen Verkehr mitschwimmen. Der Mann mit dem Amphicar wollte endlich mit seinem Auto in Binnenseen herumcruisen – mit Verbrennermotor ist das in Deutschland verboten. Der Umbau eines Klassikers zum Stromer beginnt bei Fleck bei umgerechnet rund 25 000 Franken, man kann aber auch locker bis 120 000 Franken investieren. Er verbaut maximal 250 kW (ca. 340 PS) starke E-Motoren mit bis zu 600 Newtonmetern Drehmoment. Die Antriebe stammen aus Deutschland, die Kon­troller aus Amerika und die Batterien aus China. 

Die E-Auto-Firma Electrify GmbH in Bielefeld (D) hat sich auf VW Käfer spezialisiert. Dahinter steckt der Rheda-Wiedenbrücker Unternehmer Robert Tönnies, der sich normalerweise unter anderem mit der industriellen Verarbeitung von Speisetieren befasst. Allerdings schlachtet er für den Umbau keine gut erhaltenen Oldies, sondern angelt sich Schrottkäfer und baut sie mit Teilen aus dem eigenen Lager wieder auf. Bis zu 20 «Retrokäfer» pro Jahr sollen entstehen – zum Stückpreis von umgerechnet 135 000 Franken und als reines Spassmobil. Das buhlt mit einem 100-kW-Motor und imposanten Fahrleistungen (0–100 km/h in 5,0 s, Spitze 150 km/h) um Käufer. Die Reichweite liegt bei ungefähr 150 Kilometern.

Marco Lorey vom Lorey Maschinenbau aus Offenbach (D) liefert Bausätze, lehrt aber ebenso Kunden in Workshops, wie man seinen Klassiker in Heimarbeit mit allen Stromkomponenten versorgt. «Unsere Kundschaft möchte ihren Oldie im Alltag nutzen und keine Angst vor Fahrverboten haben», sagt Lorey. «Ich sehe uns als Erhalter alter Werte, die ohne Belästigung der Anwohner auf den Strassen fahren.» Kosten bei Lorey: ab knapp 15 000 Franken zum Beispiel für einen Umbau des Fiat 500, eine Heckflosse kostet schon doppelt so viel. 

Bei E-Cap Mobility im norddeutschen Winsen an der Luhe arbeiten 25 Mann. Die Umbauten beginnen bei knapp 30 000 Franken. Schon erledigt sind zum Beispiel ein DeLorean, Baujahr 1981 (50-kW-Motor, 29-kW/h-Batterien, Top-Speed 200 km/h, Reichweite 160 km), ein 1984er-Käfer (28-kW-Motor, Batterien 16 kWh, Top-Speed 120 km/h, Reichweite 100 Kilometer) und sogar ein Holder-Traktor von 1958 (13-kW-Motor, Batterien
9,2 kW/h, Top-Speed 40 km/h).

Die deutsche Firma «classic ecars» in Hilden bietet seit 1995 Umbausätze an und baut auch komplette Autos. Schwerpunkt dort sind Porsche und VW, aber auch Fiat 500, Jaguar oder sogar Modelle des Vorkriegsherstellers Rosengart hat die Firma bereits umgerüstet. Und «elerra motiv» in Erfurt (D) hat einige Porsche 911 der Baujahre 1996 bis 2004 umgerüstet. Auf den Umbau gibts zwei Jahre Garantie. Die «Elfer» warten mit einem 150-kW-Motor und 400 Nm auf, die Originale leisteten nur 300 Nm. Die Reichweite soll zwischen 100 und 300 Kilometern liegen – je nach Stromfluss. Für den Weltkongress der Elektromobilität 2017 hat Elerra sogar einen 1960er-Framo-Lieferwagen umgerüstet.

« Es muss nicht immer ein Auto sein »

Thomas Grübel

Nehmen die bislang genannten Hersteller allesamt originale Oldtimer als Basis, boomt der Markt für elektrifizierte Retrocars – also Autos, deren Design sich an historischen Originalen orientiert – ebenso. Zwar musste die uralte Sportwagenschmiede Morgan ihren lange angekündigten Threewheeler EV3 vor Kurzem canceln, weil es Probleme mit dem Entwicklungspartner Frazer-Nash gab. Aber bei uns in der Schweiz zum Beispiel entsteht mit dem Microlino die moderne Interpretation der BMW Isetta. Die Micro Mobility Systems AG von Kickboard-Erfinder Wim Ouboter aus Küsnacht ZH will mit der «Erinnerung an die Vergangenheit» ein sympathisches Stadtauto auf die Räder stellen. Das nur 2,4 Meter lange und damit querparkfähige «Autöli» wiegt rund 450 Kilo­gramm (ohne Batterie und Fahrer), wird bis maximal 90 km/h schnell, beschleunigt in rund fünf Sekunden auf Citytempo 50 und soll je nach Akku (8 oder 14,4 kWh) mit einer Ladung zwischen 120 und 215 Kilometern weit kommen. Der Preis: rund 14 000 Franken.

In Österreich entsteht ein klassischer Supersportwagen neu mit reinem E-Antrieb: Kreisel Electric aus Rainbach im Mühlkreis baut zusammen mit dem Langenfelder Unternehmen Evex Fahrzeugbau den Kreisel Evex Porsche 910e in einer Kleinserie. Die Neuauflage des klassischen Porsche 910, der im Original ein reiner Rennwagen war, ist mit einem 53-kWh-Lithium-Ionen-Akkupack ausgerüstet. Mit 360 kW (ca. 490 PS) und einem maximalen Drehmoment von 770 Nm bei einem Gesamtgewicht von 1100 Kilogramm rennt der Kreisel Evex 910e mit Zweiganggetriebe 300 km/h und sprintet in 2,5 Sekunden auf 100 km/h. Preis: rund eine Million Franken. Immerhin: Eine Strassenzulassung ist inbegriffen.

Die französische Firma Noun’ Electric aus Cerizay kopiert mit ihrem Nosmoke den britischen Freizeitzwerg Mini Moke aus den 1960er-Jahren. Das ohne Batterien 521 Kilo leichte Auto (trotz Stahlkarosserie) wird von einem zehn Kilowatt starken Motor angetrieben, der den knapp 3,2 Meter langen Pseudo-Oldie auf 70 km/h beschleunigt. Bis zu 80 Kilometer soll die Reichweite betragen. Preis ohne Mehrwertsteuer: knapp 16 000 Franken.

Es muss übrigens nicht immer ein Auto sein: Die Govecs aus München adaptiert die «Schwalbe», den Kultroller der DDR, elektrisch. Govecs-Gründer und -Chef Thomas Grübel startete im August 2017 die Produktion in Polen. Seitdem hat Govecs mehrere Tausend je 4 kW starke Schwalben verkauft, die meisten in Deutschland, ein paar in den Niederlanden. Die Schwalbe gibts mit einer und mit zwei Batterien (Lithium-Ionen-Akkus von Bosch mit 2,4 kWh pro Batterie). Die L1e, vergleichbar mit einem 50-Kubik-Roller, flattert mit einer Reichweite von 63 Kilometern, mit zwei Batterien und bis zu 125 Kilometern Reichweite für 5990 Euro (ca. CHF 6750.–). Die L3e, vergleichbar mit einem 125-ccm-Roller, ist für 6900 Euro (ca. CHF 7800.–) zu haben. Dass die Retro-Elektro-Schwalbe allerdings die Auflage des Vorbilds erreicht, darf bezweifelt werden: Vom Original wurden zwischen 1964 und 1986 mehr als eine Million Stück gebaut. 

Von Roland Löwisch am 14. Mai 2019