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  4. SBB-Chef Vincent Ducrot über Nachhaltigkeit, Nachtzüge und seine Kinder

Interview mit Vincent Ducrot

«Die Normalität bringt die Passagiere zurück»

Der Bahnverkehr wird wachsen, so die Prognose des SBB-Chefs. Warum er trotzdem ein Auto braucht und seine sechs Kinder grüner sind als er.

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Am 1. April 2020 hat Vincent Ducrot seine Stelle als SBB-Chef begonnen. Er ist im Unternehmen beliebt und geschätzt, auch wegen seiner nahbaren Art. 

Roland Tännler

GRUEN: Vincent Ducrot, mit der Pandemie verging vielen Leuten die Lust am Zugfahren. Wie ist es bei Ihnen, hat Ihr Auto an Wert gewonnen? 
Nein, es war immer schon wichtig. Ich habe eine Grossfamilie, wir wohnen auf dem Land, da ist man teilweise auf das Auto angewiesen. Wir haben immer eine kombinierte Mobilität praktiziert. 

Pendeln Sie mit dem Zug, wenn Sie hier an den Hauptsitz in Bern Wankdorf kommen? 
Ja. Um näher bei der Arbeit zu sein, wohne ich unter der Woche in Fribourg. Ich habe mitten in der Stadt eine Wohnung, die ich mit meinen zwei Söhnen teile, die noch zur Schule gehen und ebenfalls pendeln.

Dann leben Sie in einer Männer-WG?
Ja, diese Bezeichnung trifft es recht gut, das ist sehr amüsant. Unsere Wohnung konnte man ja kürzlich in der Sendung «Eco» sehen, und der Reporter war erstaunt über unseren Gaming-Stuhl (lacht).

Sie sind seit einem Jahr SBB-Chef und haben die Aufgabe, die Passagiere wieder zurückzuholen. Wie gelingt das? 
Ich bin überzeugt, dass die Normalität die Leute automatisch wieder in die Bahn bringen wird. In den Städten und auf den Autobahnen hat es keinen Platz für alle Autos. Im Moment reist man einfach weniger, man soll ja auch nicht.

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Die SBB waren eine Vorreiterin beim Homeoffice, schon lange gibt es bei Ihnen das Prinzip Work Anywhere. Wie wird es weitergehen? Werden wir nach der Pandemie wieder so pendeln wie früher? 
Ein komplettes «Back to Normal» wird es nicht geben, viele werden wohl künftig gern einen Tag in der Woche zu Hause arbeiten. Die Pandemie wird rückblickend eine kurze Episode sein. Wie als nach 9/11 der Flugverkehr einbrach. Wir erwarten in den nächsten Jahren einen Zuwachs des Verkehrs. Wenn wir es schaffen, die Spitze zu entlasten, indem die Leute zum Beispiel morgens etwas länger zu Hause bleiben, haben wir sogar etwas gewonnen. Wir waren vor Corona zu Stosszeiten überfüllt. In diesem Fall hat die Pandemie nicht nur negative Effekte.

«Vor Corona waren wir zu Stosszeiten überfüllt. So gesehen hat die Pandemie nicht nur negative Effekte.»

Wird bald ein Homeoffice-GA eingeführt? 
Nein, denn ein GA bedeutet uneingeschränkte Mobilität. Aber es wird andere Produkte geben. 

Sie erwarten einen Zuwachs im Freizeitverkehr. Viele Züge sind nicht dafür gemacht, um Menschen mit Gepäck, Velo, Kinderwagen zu transportieren. Besteht da nicht dringend Handlungsbedarf? 
Ja, Sie haben recht. Als die Züge vor fünfzehn Jahren bestellt wurden, war das Velo noch nicht so stark im Trend. Wir haben im Vergleich mit 2020 bereits vierzig Prozent mehr Veloplätze geschaffen, werden aber auch Züge umbauen und multi-funktionale Abteile schaffen. Dafür braucht es technische Abklärungen. Ende Jahr wissen wir mehr. 

In neun Jahren, ab 2030, wollen die SBB klimaneutral sein. Auf welchem Stand sind Sie?
Wir sind sehr weit, neunzig Prozent unseres Stroms ist grün, 2025 wird er komplett aus erneuerbaren Energien bestehen. Wir haben noch relativ viele Strassenfahrzeuge und Schienentraktoren, die wir auf Elektro und Wasserstoff umstellen müssen. Zudem wechseln wir in unzähligen Gebäuden die Heizungen aus. 

Wozu braucht es diese dieselbetriebenen Schienentraktoren überhaupt? 
Sie kommen beim Montieren von Fahrleitungen zum Einsatz oder im Güterverkehr, da in der Industrie relativ viele Anschlussgleise keine Fahrleitung haben. Die letzten paar hundert Meter werden oft ohne Strom bewältigt. 

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Ducrot ist seit vier Jahren Witwer. Unter der Woche lebt er mit seinen beiden Söhnen in der Stadt Fribourg, die vier älteren Mädchen im Zuhause auf dem Land. 

Roland Tännler

In Zürich Seebach produzieren Sie mit Solaranlagen Bahnstrom. Auf den ganzen Betrieb gesehen, ist die Solarenergie aber nicht wirklich relevant. Oder doch? 
Wir bauen solche Solaranlagen in den nächsten Jahren zwar aus, unser Fokus liegt jedoch auf dem Wasserstrom. Wir besitzen eigene Staudämme und haben gerade zwei neue Werke dazugekauft, um unabhängig zu sein.

Neu setzen die SBB auf Kreislaufwirtschaft. Gehört diese zum Ziel der Klimaneutralität? 
Die Kreislaufwirtschaft geht viel weiter. Man kann als Betrieb zwar klimaneutral sein, aber gleichzeitig mit den Ressourcen nicht nachhaltig umgehen. Wir sehen es als unsere Pflicht, intelligent mit den Rohstoffen zu wirtschaften. Wir verbrauchen zum Beispiel sehr viel Stahl, welcher in der Produktion sehr energieintensiv ist. Früher hat man die Masten einfach entsorgt, jetzt werden sie recycelt. Ähnlich beim Schotter: Die Beschaffung der Steine wird immer schwieriger. Neu werden sie gereinigt, sortiert und wiederverwendet. 

Wir haben nun vor allem über technische Verbesserungen gesprochen. Ist Technik die Lösung für die Klimawende? 
Nein, es braucht klar auch Verhaltensänderungen. Es beginnt zu Hause beim Einschalten der Lampe und geht weiter bei der Art, wie ich reise. Die Technik wird uns helfen, aber die Menschen müssen mitmachen. Das ist die grosse Herausforderung. Wir als SBB sind Teil der Lösung. Die Bahn ist ein sehr, sehr nachhaltiges Produkt. Das war sie immer schon. 

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Ducrot, 58, ist studierter Elektroingenieur, gilt aber als Bähnler. Abgesehen von den neun Jahren
als Generaldirektor der Freiburgischen Verkehrsbetriebe – in seinem Heimatkanton – hat er praktisch seine ganze Karriere
bei den SBB durchlaufen. 

Roland Tännler

Für den 21. Mai ruft Klimastreik Schweiz zu einem nationalen Aktionstag auf. Im Manifest dazu steht unter anderem: «Wir brauchen einen kostenlosen öffentlichen Verkehr». Was sagen Sie dazu?
Das ist eine Illusion. Alles hat einen Preis. Alle Versuche mit einem kostenlosen ÖV haben nicht zu mehr Konsum geführt. Es ist nicht eine Frage des Preises: Wir müssen als SBB gute Qualität liefern und rund um die Uhr hohe Frequenzen anbieten, das ist entscheidend.

Trotzdem: Nach wie vor sind die Ticketpreise ein Argument, das Auto statt den Zug zu nehmen. 
Ja, weil viele eine falsche Wahrnehmung der Kosten haben. Niemand rechnet die vollen Kosten seines Autos. Ein GA für knapp 4000 Franken ist viel günstiger als jedes Auto. Das ist eine Tatsache.

Die Klimajugend fordert auch Hochgeschwindigkeitszüge und Nachtzüge statt Kurzstreckenflüge. Sie haben sich 2009 als SBB Leiter Fernverkehr genau mit diesem Thema befasst. Wie weit ist man heute?
Wir haben im letzten Jahr einige Verträge mit unseren Nachbarn abgeschlossen, sowohl für den Tag- wie den Nachtverkehr. Die Bahn ist stark auf Strecken unter fünf Stunden, und wir arbeiten daran, dass man möglichst viele Destinationen in dieser Zeit erreicht.

Kann ich diesen Sommer mit dem SBB-Nachtzug in die Ferien fahren? 
Ich hoffe sehr. Das wird jedoch stark von den dann gültigen Reisebeschränkungen und der Nachfrage abhängen. Auf jeden Fall haben wir unsere Pläne zum Ausbau der Nachtzugverbindungen weiter vorangetrieben. Wir beginnen im Dezember mit Amsterdam und werden später dann auch Rom, Prag und Barcelona bedienen, Der Nachtverkehr bleibt ein Nischenprodukt, doch im CO2-Gesetz sind dreissig Millionen vorgesehen, um ihn zu unterstützen. Das ist gut. 

«Meine Kinder sind viel grüner als ich, das lässt auf eine grund­sätzliche Veränderung der Gesellschaft hoffen.»

Wieso ist es immer noch einfacher, online einen Flug zu buchen als ein Zugticket für Europa?
Es gibt keine europäische Norm der Buchung. Mal ist eine Reservation zwingend, mal reist man, wann man will. Diese Systeme technisch und kommerziell zusammenzubringen, ist leider ein langer Weg. Aber wir sind daran. Unsere Programme sind noch aus den Achtzigerjahren – einige habe ich teils selbst geschrieben, als ich meine Karriere in der IT der SBB startete. 

Sie sind alleinerziehender Vater von sechs Kindern zwischen 13 und 27 Jahren. Streiken diese fürs Klima?
Oh nein, meine Kinder sind nicht so streikaffin (lacht). Aber sie sind sehr empfindlich, was Umweltfragen angeht. Wenn sie beim Reisen die Möglichkeit haben, den Zug zu nehmen, tun sie das. Sie achten auf die richtigen Glühbirnen, trennen den Abfall. Sie sind viel grüner, als wir es früher waren. Das lässt auf eine grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft hoffen.

Wie umweltbewusst sind Sie im Alltag?
Ich bin sehr pragmatisch und treffe vor allem effiziente Entscheidungen. Auf Initiative meiner Kinder testen wir grad verschiedene Elektroautos. «Wenn es 500 Kilometer Reichweite schafft», habe ich ihnen versprochen, «poschten wir uns eines.»

Von Barbara Halter am 14.05.2021
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