Taschen von Qwstion

Bis auf die ­Fasern reduziert

Frage: Gibt es eine Tasche, die zu allen Lebenslagen passt? Die Jungs von Qwstion liefern seit zehn ­Jahren die Antwort darauf – und Stoff dazu. 

Qwstion, Matthias Graf, Christian Paul Kaegi, Hannes Schaenegger
Daniel Hager Photography & Film

Drei Schweizer, ein Österreicher und ein Holländer suchen eine Tasche. Das ist nicht der Anfang eines Witzes, sondern die Grün­dergeschichte von Qwstion. «Uns schwebte eine Alltagstasche vor, die man beim Velofahren auf dem Rücken tragen kann, aber auch in ein Meeting passt», erzählt der Zür­cher Industriedesigner Christian Kägi. Als er und die anderen 2008 durch Sebastian Kruit (der Holländer und Marketing-Mensch) zusammenfanden, war in Zürich «Freitag» bereits sehr gross. Taschenmässig war die Stadt eigentlich abgedeckt, müsste man meinen. Doch: «Wir suchten eine dezente Tasche, zeitlos, unaufdringlich und aus Naturmaterialien gemacht. Eine solche fanden wir nirgends», erklärt Kägi. Also stellten sie selbst eine her. 

Das Resultat hiess schlicht «Backpack». In seiner Grundform gibt es ihn immer noch. Und er hat sich fleissig vermehrt. Heute hängt im Zürcher Flagship-Store eine ganze Taschenfamilie: Shopper, Weekender, Ne­ces­saires – und seit viele im Team Eltern ­geworden sind auch eine Mini-Kollektion. Hinter der Präsentierwand machen die Mit­arbeitenden gerade Mittagspause, während im weitläufigen Laden – früher eine Denner-Filiale – Kunden umherschlendern. Das Geschäft im Zürcher Kreis 4 ist gleichzeitig der Hauptsitz von Qwstion. Hier entwickelt das Design-Team neue Modelle, stellt an den Industrienähma­schinen Prototypen her – und testet diese dann während einiger Monate auf ihre Alltagstauglichkeit. 

Das Gespräch mit den Gründern findet im obersten Stock des Gebäudes statt, in einem kargen Besprechungszimmer: weisse Wände. Weisser Tisch. Einziges Indiz, dass hier Kreative arbeiten, ist ein grosses Plakat mit Filzstift-Kritzeleien – ein Zeitstrahl mit den Projekten und Zielen dieses Jahres. 

«Wir nehmen uns tendenziell immer etwas mehr vor, als wir bewältigen können», kommentiert Christian Kägi. «Nicht nur tendenziell», erwidert Matthias Graf. 

Qwestion

Abacá-Pflanze

zvg
Qwestion

Aus Abacá-Fasern entsteht ein strapazierfähiges Gewebe für Taschen.

zvg

Neben den beiden sitzt am Tisch Hannes Schönegger, der Österreicher. Er ist aus Seefeld angereist, wo er lebt und sich um die Finanzen und die Logistik der Firma kümmert. Aus den fünf Freunden ist seit Herbst 2017 ein Trio geworden. Die beiden Mitbegründer Sebastian Kruit und Fabrice Aeberhard sind nur noch Teilhaber. Der eine macht zurzeit Yoga auf Ibiza, der ­andere ist Creative Director einer anderen ­erfolgreichen Zürcher Firma: des Brillenlabels Viu. 

Von Beginn weg wird Qwstion als inter­nationaler Brand konzipiert. «Erst statteten wir all unsere Freunde aus», erzählt Christian Kägi, «dann baute Matt den Webshop auf.» Übers Internet bestellen Menschen aus San Francisco, New York, Tokio oder London. Viele von ihnen verorten die Marke nach Schweden oder Dänemark. Die Karte Swissness wird bei Qwstion ­tunlichst vermieden, und doch ist man sehr schweizerisch. Im Denken bezüglich Qualität und Langlebigkeit beispielsweise. Aber auch im praktischen Design.

«Wir suchten eine dezente Tasche, zeitlos und aus Naturmaterialien gemacht.» Christian Kägi

Qwestion

Qwstion-Mitbegründer Matthias Graf, 39, Chris­tian Kägi, 40, und Hannes Schönegger, 49, (v. l.) am Zürcher Hauptsitz

Yves Bachmann
Qwestion

Im philippinischen Hochland ­werden die Fasern gewonnen

LAUSCHSICHT
Qwestion

Grundidee: Jede Tasche kann auch auf dem Rücken getragen werden

Yves Bachmann

n den Anfangsjahren läuft vieles intuitiv und ohne Businessplan. Christian Kägi und seine Freunde wollen ein nachhaltiges Produkt, gleichzeitig soll die Tasche erschwinglich sein. Über private Kontakte kommen sie an Lieferanten in Hongkong. Sie besichtigen die Fabriken, wollen mit den Teams vor Ort die Taschen entwickeln – und nicht wie in der Textilindustrie ­üblich alles über einen Agenten abwickeln lassen.

«Betriebswirtschaftlich gesehen war dieser Weg nicht die beste Entscheidung. Er war aufwendig und ist es heute noch», sagt Hannes Schönegger. «Den ganzen Prozess zu kennen, zeichnet uns aber aus», ergänzt Christian Kägi.

Was die Arbeitsbedingun-gen in China betrifft, setzt Qws­tion auf eine Zertifi­zie­rung und auf Beharr­lichkeit. «Man muss Fragen stellen: Wie viel verdient eine Näherin bei euch? Wie viel braucht jemand zum ­Leben, und kann er von seinem Lohn etwas auf die ­Seite ­legen?», sagt Christian Kägi. Die Herausforderung der ­Zukunft wird sein, genug ­Arbeiter für handwerk­liche Jobs zu finden. «Die nächste Generation will ­lieber Webdesigner oder In­fluencer werden. Das ist in Hongkong oder China dasselbe wie in Europa.» 

Neben den Produktionsbedingungen steht für Qwstion das Material im Fokus. «Dort beginnt Nachhaltigkeit», sagt Kägi. Sie experimen­tierten mit Hanf, Bambus, Baumwolle. Ein Schweizer Projekt, das aus Brennnesseln Stoff herstellen will, ­landet in der Schub­lade. Der erste grosse Schritt erfolgt mit ­einem selbst entwickelten Gewebe aus Bio-Baumwolle. Dann kommt Bananatex, ein Stoff aus Bananenfasern.

Ein Lieferant in Taiwan hat das Qwstion-Team auf die Abacá aufmerksam gemacht. Die Faser des Bananengewächses ist auch im nassen Zustand sehr reissfest, weshalb sie früher für Schiffstaue und heute für Banknoten oder Teebeutel verwendet wird. Während dreier Jahre entwickelt Qwstion aus dem Abacá-Papier ein Garn, daraus ein Gewebe und schliesslich eine Tasche, die vollständig biologisch ab­baubar ist. Endlich haben sie ein natür­liches Mate­rial gefunden, das in seinem Lebenszyklus
einen geschlossenen Kreislauf bildet, und kommunizieren das auch öffentlich. 

«Vorher hatten wir das Thema Nachhaltigkeit nie an die grosse Glocke gehängt», sagt Christian Kägi. «Wir vertreiben nicht nur reduzierte Produkte, wir sind auch bezüglich Kommunikation nicht so überschwäng­liche Typen», fügt Hannes Schön­egger an.

Inzwischen sind auch andere Firmen auf Bananatex aufmerksam geworden. Qws­tion verschickt Stoffmuster an Interessenten auf der ganzen Welt – kürzlich sogar an den Hersteller der englischen Polizeihüte.

Von Barbara Halter am 12. August 2019