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Lea Sprunger

Sie trotzt allen Hürden

Olympia abgesagt, sämtliche Pläne ­vergebens: Leichtathletin Lea Sprunger erzählt, wie sie in der Krise ihre Motivation ­wiederfand und das Gärtnern entdeckte.

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Für die Inspiration Games im Stadion Letzigrund kam Lea Sprunger nach Zürich. Tags darauf posierte sie am Schübelweiher in ­Küsnacht und in Zollikon.

Véronique Hoegger

GRUEN: Lea Sprunger, eigentlich hätten Sie im August an den Olympischen Spielen in Tokio teilgenommen. Spielen Sie manchmal mit dem ­Gedanken, was wäre wenn …? 

Ja, natürlich frage ich mich, wo ich ohne die Pandemie stehen würde. ­Normalerweise wäre ich jetzt in Top-form. Aber es bringt nichts, solchen Gedanken nachzuhängen. Ich probiere, die Situation positiv zu nehmen: Es bleibt mir nun ein Jahr mehr Zeit, um besser zu werden.

Was passiert mit Ihnen als Sportlerin, wenn die Wettkämpfe wegfallen? 

Es ist sehr schwierig, das Training richtig zu planen, vor allem, wenn sich ständig wieder etwas ändert. ­Während des Lockdown kämpfte ich mit Motivationsproblemen. Ich bin jemand, der immer genau weiss, was, wann, wo. Von einem Tag auf den anderen fühlte ich mich verloren.

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Wer hat Sie in dieser Zeit am meisten unterstützt? 

Statt im Trainingszentrum in Holland war ich zu Hause, und meine Familie 
und mein Freund waren ganz, ganz wichtig. Sie wissen genau, wie viel 
ich investiere für den Sport und was er für mich bedeutet. 

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Lea Sprunger pendelt zwischen ihrem Wohnort Gingins VD und den ­Niederlanden. Sie folgte ihrem Trainer Laurent Meuwly, der seit rund ­einem Jahr am Nationalen Sportzentrum Papendal für den holländischen Leichtathletikverband ­arbeitet.

Véronique Hoegger

Was für Strategien halfen? 

Loslassen! Und sich sagen: Es ist, wie es ist. Ich war ja auch nicht die ­Einzige. Für alle Athleten war und ist die Situation schwierig.

Kam die grundsätzliche Frage: Warum mache ich das überhaupt? 

Nein, nie. 

Sie haben angekündigt, 2021 zurück­zutreten, ändert sich dieser Entscheid? 

Nein, mein letztes Ziel waren die ­Olympischen Spiele, danach wollte ich ein entspannteres Jahr anhängen, um zu geniessen. Nun mache ich das halt dieses Jahr und nicht 2021.

Von Ihnen wird gesagt, dass Sie auf der Bahn gut leiden können. 
Wie bekommt man diese Fähigkeit? 

Das ist eine gute Frage, aber ich habe ­darauf keine Antwort. Entweder kann man es – oder nicht. 

Sie konnten schon als Kind gut leiden? 

Nein, diese Fähigkeit ist langsam und intuitiv gewachsen. Über den Sport habe ich sehr viel über mich gelernt: wohin ich will, was ich mag und was es braucht, um eine Top-Athletin zu sein.

Am 5. März sind Sie 30 geworden. Hat dieser Geburtstag für Sie eine besondere Bedeutung? 

Ich bin kein Geburtstags-Mensch, ich zelebriere diesen Tag nicht besonders. Aber 30 ist schon eine coole Zahl, darum habe ich im Voraus mit Freundinnen und Familie gefeiert. Am Tag selbst war ich im Trainingszentrum in Holland. 

Als Sportlerin ist das Älterwerden sicher schwieriger. 

Klar, in der Leichtathletik gelten die Jahre zwischen 26 und 30 als «Golden Age». Ich spüre keine Panik, dass ich nun am Ende dieser Zeit bin, aber das Thema Alter kommt in meinem Alltag fast täglich auf den Tisch.

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Véronique Hoegger

«Über den Sport habe ich sehr viel über mich gelernt: wohin ich will, was ich mag und was es braucht, um eine Top-Athletin zu sein.»

Spüren Sie das Alter denn? 

Ja. Nicht leistungsmässig, aber mein Körper braucht mehr Zeit zum Aufwärmen. Ich muss gut auf mich achtgeben und spüre vermehrt kleine Wehwehchen. 

Beschäftigen Sie sich mit dem Leben nach dem Sport?

Ja, seit Langem. Als Sportlerin weiss man, dass es plötzlich fertig sein kann. Ich kann morgen umfallen, mein Knie kaputtmachen, und das wars mit meiner Karriere. Mein Leben nach dem Sport habe ich darum stets im Hinterkopf. Was genau, ist noch offen, wahrscheinlich etwas im Bereich ­Leichtathletik oder Sportevents. 

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Schweizer ­Rekord über 400 Meter und 400 Meter Hürden, in Letzterem ­wurde Lea Sprunger 2018 Leicht­athletik-Europameisterin.

Véronique Hoegger

Sie sollen davon träumen, Floristin zu werden. 

(Lacht). Ja, mit Blumen arbeiten würde ich gern. Aber das bleibt wohl ein Traum. Ich weiss nichts über Blumen, sie gefallen mir einfach sehr. 

Haben Sie ein Faible fürs Hand­werkliche? 

Ob ich Talent habe, weiss ich nicht, aber ich mache gerne Sachen mit den Händen: kochen, draussen im Garten sein. Meist fehlt mir allerdings die Zeit dazu. 

Sie wohnten ein paar Jahre in Lausanne, sind nun aber wieder in Gingins zu Hause. Im Dorf, wo Sie aufgewachsen sind. Wieso der Rückzug aufs Land? 

Ich brauche meine Ruhe. Die Stadt war lässig für die Zeit zwischen 23 und 28. Aber jetzt möchte ich draussen im Garten sein können, und meine Kinder sollen mal so aufwachsen können wie ich einst. 

Was haben Sie für Erinnerungen an Ihre Kindheit?

Wir vier Kinder waren immer draussen, ob es regnete, schneite oder die Sonne schien. Wir haben im Wald Hütten gebaut und spielten oft mit meinem Vater Fussball. 

«Ich möchte draussen im Garten sein können, und meine Kinder sollen mal so aufwachsen wie ich.»

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Begonnen hat Lea Sprunger mit Siebenkampf. Diesen Sommer hat sie nun Zeit, sich wieder mal zum Spass Disziplinen wie 100- und 200-Meter-Lauf oder Kugel­stos­sen zu widmen.

Véronique Hoegger

Welche Werte haben Sie als Kind ­mitbekommen?

Respekt, Ausdauer – wenn man etwas anfängt, dann macht man es fertig. Ausserdem hatten meine Eltern immer eine positive Lebenseinstellung. Das will ich weitergeben. 

Was bedeutet für Sie die Natur?

Ich bin immer noch viel und gern draussen, dies war auch ein Grund, wieder nach Gingins zu ziehen. Ich wohne praktisch in der Natur, das Haus liegt gleich neben dem Wald, 200 Meter von meinen Eltern entfernt. Ich freue mich sehr darauf, nach meiner Karriere wieder mehr Zeit zum Wandern und Velofahren zu finden. 

Haben Sie einen speziellen Kraftort? 

Meine Familie, mein Elternhaus. Als ich noch in Lausanne lebte und nach einem Wettkampf oder einem Trainingslager wieder Energie brauchte, ging ich oft für einen Tag zu ihnen. 

Einer Ihrer Neujahrsvorsätze, so ­schrieben Sie auf Instagram, war mehr Umweltschutz. Was ist daraus geworden? 

Ich probiere vor allem, im Kleinen ­anzusetzen: weniger Plastik verwenden, recyclen, regionale Produkte essen. ­Leider fliege ich zu viel, das geht mit ­meinem Job nicht anders.

Wie halten Sie es privat mit dem Fliegen? 

Ich gehe zum Beispiel nicht für eine Woche nach Amerika, sondern mache ­lieber Ferien in Frankreich. Früher flog ich schon mal für zwei Tage
nach Barcelona, das mache ich nicht mehr. Ein solches Verhalten ist blöd. 

Sie kochen gern. Worauf achten Sie dabei?

Eine gesunde Ernährung ist für mich als Sportlerin ein grosses Thema, besonders wenn man älter wird. Vieles ist für mich auch selbstverständlich. Meine Mami hat immer sehr gut und gesund gekocht, mit Gemüse aus dem eigenen Garten. Das möchte ich weiterführen. 

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2020 hätte ihr Jahr werden sollen, die Olympischen ­Spiele in Tokio der ­Höhepunkt in Lea Sprungers Karriere als Hürdenläuferin. 

Véronique Hoegger

Haben Sie einen eigenen Garten?

Ja, in der Corona-Zeit hatten wir Zeit, Gemüsebeete anzulegen. Wir probieren vieles aus. Unser Dorf liegt auf 600 Metern, da wächst nicht alles. Karotten, Salat, Tomaten und Radieschen und Zucchini kommen gut, mit den ­Peperoni klappte es nicht.

Könnten Sie sich vorstellen, vegetarisch zu leben?

Ui nein, ich mag sehr gern Fleisch. Darauf werde ich nie verzichten können. Aber ich versuche, möglichst Fleisch vom Nach­barshof zu essen und nicht aus Argentinien oder sonst wo. Für mich macht es zum Beispiel mehr Sinn, Fleisch aus der Schweiz zu essen als Avocados aus Peru.

Haben Sie Ferienpläne für den Sommer?

Ja, ich fahre im September für zwei ­Wo­chen nach Südfrankreich, in die ­Provence. Mein Freund lebte dort sieben Jahre lang, und seine Eltern ­besitzen immer noch ein Haus. Das Dorf hat bloss 30 Einwohner. Es ist mega ruhig, man hat fast keinen Handy­empfang. Das liebe ich: Zeit nur für mich und ­meinen Freund zu haben. 

 

 

Styling: Arianna Pianca, Style Council

Hair & Make-up: Helve Leal, Style Council 

Layout: Martina Mayer

Von Barbara Halter am 14.08.2020
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