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So manipuliert uns die Textilindustrie

Warum Laufmaschen und Löcher kein Zufall sind

Beim Smartphone verabschiedet sich, wie nach Schweizer Uhrwerk gestellt, an Tag X der Akku. Das überrascht heute niemanden mehr. Aber schon mal darüber nachgedacht, dass auch die Laufmaschen in unseren Nylons eiskalt berechnet sein könnten?

Strumpfhose mit Laufmasche
Getty Images

Die böse Technikbranche! Smartphonehersteller produzieren Akkus mit einer Lebenszeit, die wie von Zauberhand gerade so den Garantie-Zeitraum übersteht. Drucker sollen angeblich die Papiere mitzählen, die sie ausspucken und nach Bogen X – auf Befehl – den Geist aufgeben.
Und Lampen haben früher irgendwie auch länger gehalten, denke ich, während ich meine Strumpfhose anziehe und Glühbirnen auf meine imaginäre Einkaufsliste schreibe. Zack, Laufmasche. Gnah! Auch das noch. Hab ich wieder nicht richtig aufgepasst. Zu doll gezerrt, Fingernägel zu scharf, irgendsowas wird der Grund sein. Oder?

Made to Break

Alle Frauen, die sich für grobmotorisch oder ungeschickt halten, können jetzt aufatmen: Unsere Strumpfhosen werden zum Reissen konzipiert. Kleiner Fun Fact über Nylon gefällig? Nach ihrer Entwicklung in den 1930er-Jahren wurde die Faser wegen ihrer Reissfestigkeit zu einem der wichtigsten Materialien in der Kriegsausrüstung. Seile, Zelte, Fallschirme, … Alles aus Nylon. Und an unseren Beinen übersteht das Material nicht mal gedankenverlorenes Anziehen oder ein bisschen Stiefel-Reiben? Verdächtig! Schon klar, schon klar, Strumpfhosen sind sehr viel feiner gewebt als ein Fallschirm. Trotzdem ist belegt, dass man im Hause DuPont, in dem die Nylonfaser 1935 entwickelt wurde, ganz schnell ganz viel daran gelegt hat, das eigene Produkt zu manipulieren. Es war einfach zu gut. Geizt man bei der Produktion allerdings an den richtigen chemischen Zusatzstoffen, reagiert die Faser sehr empfindlich auf äussere Einflüsse wie Sonne und Sauerstoff, wird beschädigt und reisst. Bedeutet für uns: nachkaufen, nachkaufen, nachkaufen. Und das ist natürlich sehr viel umsatzsteigernder als eine Super-Strumpfhose, die ein Leben lang hält.

Wie war das mit den Cowboys?

Ganz ähnlich verhält es sich mit Jeans. Wir alle kennen ja die Entstehungsgeschichte, richtig? Levi Strauss wanderte aus dem oberfränkischen Buttenheim ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten aus, gründete dort ein Kurzwaren- und Stoffgeschäft und entwickelte 1873 gemeinsam mit Schneider Jacob Davis die Jeans. Ihr Hauptmerkmal? Robustheit. Mit ihrem strapazierfähigen Baumwollstoff und der Extrastabilität durch Nieten fanden die unkaputtbaren Hosen grossen Anklang bei Goldgräbern, Bauern und anderen Arbeitern. Cowboys jagten in Blue Jeans ihr Vieh von rechts nach links durch die Prärie. Und wir? Wir sitzen nicht im Sattel, sondern im Bürostuhl und trotzdem beulen unsere Jeans aus, reiben sich dünn bis löchrig. In den Taschen, die früher Goldklumpen und Werkzeug beherbergten, zeichnen sich heute schon nach kurzer Zeit die Form von Smartphone oder Portemonnaie ab. Hmpf. Nee, so war das damals sicher nicht im wilden Westen. Der Unterschied: Inzwischen werden die beliebten Hosen hauptsächlich aus kurz- statt langfaseriger Baumwolle produziert. Warum die Konzerne lieber minderwertige Ware an ihre Kunden verkaufen? Wir haben es bei den Nylons bereits gelernt.

Geplante Obsoleszenz

Dieser gewollte Verschleiss zieht sich durch unseren Konsumenten-Alltag wie Avocadotoasts durch unseren Instafeed. Und er hört bei Denim nicht auf. Von der Schuhsohle (dank billigem Kunststoff läuft sich diese besonders schnell durch) bis zum Kaschmirpulli (kurze statt lange Kaschmirfasern neigen eher zu Pilling, diesen unschönen, kleinen Knötchen) lauern überall kaum sichtbare Fallen, die dafür sorgen, dass wir immer weiter kaufen.

Wem jetzt nach wütender Revolte zumute ist, den empfangen wir mit offenen Armen. Bis wir alle mit gemeinsamen Kräften die komplette Textilindustrie revolutionieren, raten wir überbrückend bereits zu folgendem, simplen aber effektiven Leitspruch: Qualität vor Quantität. Achtet darauf, was ihr kauft und wo ihr es kauft, was im Etikett steht und was euer Gewissen euch sagt. Wer weniger und bewusster einkauft, tritt nämlich garantiert auch seltener in die Textilfalle. Für den Anfang doch schon mal nicht schlecht.

Von Laura Scholz am 13. Februar 2019