Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Brief an meine Teenie-Tochter

Die Tochter von Sandra C. steht zwar noch ganz am Anfang der Pubertät, aber die Familienbloggerin ahnt bereits: Es hat ein neues Zeitalter begonnen. Eines, mit dem sowohl Mutter als auch Tochter im Moment ziemlich hadern. Da die Bloggerin das geschriebene Wort dem gesprochenen öfter vorzieht, überlegt sie sich, ihrer «Kleinen» einfach mal einen Brief zu schreiben. Den sie ihr niemals geben wird, da das Töchterlein momentan eh nichts weniger interessiert, als die Worte ihrer Mutter - egal in welcher Form. Aber ungefähr so würde sich das wohl lesen.
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«Es tut mir so unendlich Leid, wenn du vor Schmerzen weinst», schreibt Sandra C. an ihre elfjährige Tochter.

Meine liebe Kleine, die scheinbar über Nacht so gross geworden ist.

Ich weiss, niemand hat es im Moment schwerer mit dir als du selbst. Aber glaub mir: Ich habs auch nicht gerade leicht. Und manchmal könnte ich wirklich deine Unterstützung brauchen. Sag mir doch zum Beispiel einfach mal, was ich sagen oder tun kann, um nicht eine der drei Reaktionen zu provozieren, die ich momentan auf alles kriege: Entweder du schreist mich an. Oder du schmollst. Oder du weinst. Ja, ich weiss, du hältst mich momentan für das unnützeste Wesen auf Gottes Erde (mit ganz wenigen Ausnahmen, zum Beispiel, wenn ich als Fahrdienst genutzt werden kann), aber hey: Ich MUSS mit dir reden. Das gehört sozusagen zu meinem Jobbeschrieb als Mutter. Und ganz objektiv weisst du vermutlich selbst, dass es keinen Grund gibt, zu schmollen, wenn ich frage, ob du deine Hausaufgaben gemacht hast. Oder zu weinen, wenn ich nach der Matheprüfung von vergangener Woche frage. (Nun gut, dieser Punkt könnte an dich gehen. So ein bisschen zum Heulen war die schon. Aber hab ich je mit dir geschimpft wegen einer verhauenen Prüfung? Das kommt halt vor.) Und dass du mich anschreist, ich solle dich nicht anschreien, wenn ich «Guten Morgen» sage - das meinst du nicht wirklich ernst, oder?

Was mich nervt, ist diese üble Laune die ganze Zeit. Du bist noch nicht mal elf Jahre alt. Du musst nicht arbeiten, keine Steuern und keine Krankenkasse zahlen - du hast keinen Grund, so schlecht gelaunt zu sein! Auch nicht, wenn ich es wage, dir MEIN Handy wegzunehmen. Denn ob du es glaubst oder nicht, auf meinem iPhone «Clash of Clans» zu spielen, ist kein Menschenrecht! (Auch wenn du behauptest, dass alle anderen dürfen, und zwar stundenlang zu jeder Tages- und Nachtzeit.) Erst recht nicht, wenn man seit vier Tagen die Haare nicht gewaschen hat und die Zahnbürste einfach schnell unters Wasser gehalten, um zu behaupten, man habe die Zähne geputzt.

Wirklich fertig macht mich aber die Sache mit den Tränen. Es tut mir so unendlich Leid, wenn du vor Schmerzen weinst, weil du gerade so schnell wächst. Dabei willst du das gar nicht. Du hasst es, die Grösste in deiner Klasse zu sein. Ich könnte dir jetzt sagen, dass du später dankbar sein wirst, so schön lange Beine zu haben - aber im Moment nützt das alles nichts. Du haderst mit deiner Grösse, deinem Gewicht, deinen Sommersprossen. Dass du für mich das schönste Mädchen der Welt bist, interessiert dich leider nicht wirklich. Wie habe ich gelitten, als du letzte Woche einen Heulkrampf hattest, weil du dich für «zu gross, zu dick und zu dumm» hieltest. Was konnte ich dazu sagen? Deine Grösse kannst du nicht ändern. Dass du kein Hungerhaken bist, ist völlig in Ordnung. Und du weisst doch eigentlich, dass du ein cleveres Mädchen bist - bloss ein bisschen faul. (Gut, es ist halt einfacher, die verhauene Prüfung auf seine Dummheit zu schieben, als zuzugeben, dass man zu bequem zum Lernen war, gell?)

Weisst du, ich habe das alles auch durchgemacht. Die Unsicherheit, wenn der Körper sich verändert. Die Hormone, die einen manchmal traurig sein lassen, ohne dass man weiss, warum. Das Gefühl, von niemandem verstanden zu werden. (Was einen ja ehrlicherweise nicht mal so trügt. Du verstehst dich ja oft selbst nicht). Das verzweifelte Festhalten am Kindsein, während man gleichzeitig so schnell wie möglich erwachsen werden will. Und auch wenns bei mir schon eine Weile her ist, ich erinnere mich noch gut dran. Wenn du also nicht mit mir über all das reden kannst oder willst - mit wem dann?

Meine kleine Grosse. Du bist so unglaublich wunderbar. So kreativ, leidenschaftlich, empathisch und witzig. Es tut mir fast körperlich weh, wenn du so fiese Dinge über dich selbst sagst, welche dir andere nie sagen würden. Mir ist bewusst, dass das erst der Anfang ist. Ich werde noch viel mehr deiner Tränen aushalten, mich wohl noch öfter anmaulen lassen und deine schlechte Laune ertragen müssen. Ich bin bereit dafür. Bereit, dich in die Welt des Erwachsenwerdens zu begleiten. Schritt für Schritt. Auch wenn du immer mein kleines Mädchen bleiben wirst.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs