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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Die Pubertät ist ein Schweinehund

Menschen sind Gewohnheitstiere. Kinder sowieso. Die Tochter von Familienbloggerin Sandra C. gehörte immer zu denen, die relativ leicht mit Veränderungen klarkamen. Jetzt, als Teenager, ist das plötzlich anders.

Es gibt Dinge, die müssen bei meinen Kindern immer gleich sein. Das Zmorge zum Beispiel. Toast. Hats mal keinen im Haus und sie kriegen stattdessen normales Brot, rümpfen sie die Nase. Und für meinen Sohn Ovomaltine. Ist die mal alle, ist der Morgen gelaufen.

Zumal mein Jüngster immer einer war, der sich sehr schwer damit tat, wenn sich Sachen änderten. Kindergarten- und Schulstart waren für ihn und mit ihm eine mittlere Katastrophe. Er hatte jedesmal extrem Mühe damit, seinen Platz in der Gruppe zu finden und fiel wieder in Kleinkindmuster zurück: Schlug um sich und machte in die Hosen.

Dass er seit dem Kindergarten jedes Jahr eine neue Lehrperson bekam und sich mit Eintritt in die Mittelstufe und dem Start der altersdurchmischten Klassen auch die ganze Klasse änderte, machte es auch nicht einfacher für ihn. Er hörte zwar irgendwann mit dem In-die-Hosen-Machen und auch mit dem Schlagen auf. Trotzdem war die Zeit zwischen Sommer- und Herbstferien jedesmal extrem nervenaufreibend – zumal man nie wirklich wusste, wie er diesmal auf die Veränderung reagierte.

Fakt ist: Mein Sohn war jedes Mal zwischen Sommer- und Herbstferien ultimativ gestresst.

Mal entwickelte er Ticks (die ziemlich genau mit den Herbstferien wieder verschwanden), mal provozierte er Lehrer und Mitschüler bis zum Gehtnichtmehr. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem ich zwischen Sommer- und Herbstferien wöchentlich zum Gespräch antraben musste.

Und ihn dann zu Hause – vergebens – ins Gebet nahm: «Warum kommst du immer zu spät von der Pause rein?» – «Höre die Glocke nicht.» – «Aber fällt dir nicht irgendwann auf, dass du der einzige bist auf dem Pausenplatz?» – «Nein.» – «Machst du das extra?» – «Nein.»

Fakt ist: Mein Sohn war jedes Mal zwischen Sommer- und Herbstferien ultimativ gestresst, weil wieder alles anders war als vorher. Fakt ist aber auch: Nach den Herbstferien war der Spuk jeweils vorbei. Und: Dieses Jahr ist das erste Mal, dass wir das Schuljahr relativ ruhig gestartet haben – es ist auch das erste Mal, dass er die gleichen Lehrpersonen und mehr oder weniger die gleiche Klasse hat wie vorher.

Ganz anders die Tochter - bis jetzt

Meine Tochter war nie so. Sie war zwar – gerade mit der Einführung des altersdurchmischten Lernens und der damit verbundenen Trennung ihrer Klasse – öfter mal traurig darüber, dass gewisse Dinge zu Ende gingen. Aber sie freute ich auch immer auf und über Neues und hatte kaum je Schwierigkeiten, sich darauf einzulassen. Bis jetzt. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem ihr Bruder den Schulanfang für einmal gelassen nimmt, wirft es sie total aus der Bahn.

Seit den Sommerferien finde ich regelmässig ein weinendes Häufchen Elend in seinem Zimmer vor.

Klar, sie ist in die Oberstufe gekommen, alles ist vollkommen anders, dazu kommen noch all die anderen Sachen, die einem in der Pubertät so zu schaffen machen. Trotzdem habe ich nicht damit gerechnet, dass es für sie so schlimm wird. Seit den Sommerferien finde ich regelmässig ein weinendes Häufchen Elend in seinem Zimmer vor, das sagt, es wolle nie wieder zur Schule gehen.

Hohe Erwartungen

«So viele Lehrer, und jeder hat das Gefühl, er sei der einzige, der Hausaufgaben gibt und Prüfungen macht», schluchzt sie, als ihr mal wieder eine Woche mit vier Prüfungen in drei Tagen bevorsteht. «Ich kann das nicht. Ich bin total überfordert.» Man muss dazu sagen, dass das Kind bisher keine einzige Note unter einer Fünf geschrieben hat in der Oberstufe, auch in Prüfungen, in denen fast alle anderen ungenügend waren.

Sie stellt offenbar extrem hohe Erwartungen an sich selbst. Was ich ja grundsätzlich begrüsse – aber die sie in Selbstzweifel stürzen, die sie so noch nie hatte.

Was soll ich dazu sagen? Die Pubertät ist ein Schweinehund. Jeder hat irgendwelche Erwartungen, wie man sein sollte oder eben nicht – Eltern (und wer sagt, das stimme nicht, lügt), Lehrer, Freunde. Und vor allem man selbst. Und wenn man das Gefühl hat, man kanns nie jemandem recht machen, stimmt das vermutlich eben schon – weil man (wie im Fall meiner kleinen Grossen) seine eigenen Erwartungen nicht erfüllen kann.

Sei ein bisschen gnädiger mit dir selbst

Wir haben uns gemeinsam gegen das Gymnasium entschieden (beziehungsweise hatte vor allem ich das Gefühl, ich möchte ihr noch etwas Zeit geben, um wenigstens noch ein bisschen Kind zu bleiben). Ihre besten Freundinnen gehen jetzt alle ins Gymi. Und sie hat offenbar das Gefühl, wenn sie schon «nur» in der Sek gelandet ist, müsse sie doch ausschliesslich grandiose Noten schreiben. Was sie auch tut. Aber was ziemlich sicher auch der Fall wäre, wenn sie sich selbst nicht so unter Druck setzen würde.

Letzthin bekam sie einen Eintrag ins Klassenheft, weil sie eine Prüfung zu spät unterschreiben liess. Das stürzte sie mal wieder total ins Elend. «Was passiert denn, wenn du so einen Eintrag hast?», fragte ich sie. «Das wirkt sich auf die Noten aus.» – «Das kann nicht sein.» – «Doch, dort wos um Pünktlichkeit und Betragen und so geht.» Ich musste gegen meinen Willen lachen. «Dein Bruder hat seit Jahren Minuspunkte in Betragen, und es ist noch nie was passiert! Also komm schon, sei ein bisschen gnädiger mit dir selbst.»