Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Sache mit Paul

Der Fall des zwölfjährigen Paul, der bei einem Internet-Game seinen mutmasslichen Entführer kennenlernte, schockt die ganze Schweiz. Auch Sandra C. Nicht zuletzt, weil der Sohn der Familienbloggerin besagtes Spiel auch liebt. Der Fakt, dass ein Primarschüler sich offenbar so sorglos mit jemandem trifft, den er nur aus dem Netz kennt, ohne seine Eltern zu informieren, stimmt mehr als nachdenklich.
Entführung Paul Blog Familienblog Sandra C.
© Getty Images

Familienbloggerin Sandra C. will nach dem Fall Paul die Online-Aktivitäten ihrer Kinder noch stärker kontrollieren. (Symbolbild)

Ich dachte wirklich, ich hätte das im Griff. Ich kontrolliere die Handys meiner Kinder, weiss, was sie spielen, mit wem sie chatten. Ich habe darauf geachtet, dass ihre Accounts auf sozialen Netzwerken die privatesten Einstellungen haben, kontrolliere diese regelmässig und schmeisse raus, wer mir nicht passt. Das sind meine Bedingungen, unter denen sie online gehen dürfen. Sie wissen das, und sie wissen warum.

Ich kenne die Verhältnisse in Pauls Familie nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch seine Eltern ihn über die Gefahren im Netz aufgeklärt haben. Dass auch sie ihm gesagt haben, dass man gegenüber Leuten, die man nicht kennt, niemals den richtigen Namen und das richtige Alter angibt. Dass man sich im Internet als irgendjemand ausgeben kann, der man nicht ist. Und dass man sich nie, nie, nie, nie, nie im realen Leben mit jemandem trifft, den man nur aus dem Netz kennt. Und schon gar nicht, ohne die Eltern zu informieren. Trotzdem hat Paul aus dem Kanton Solothurn genau das gemacht. Acht Tage lang war der Fünftklässler verschwunden, bevor er in der Wohnung eines 35-Jährigen in Düsseldorf gefunden wurde. Noch ist nicht ganz klar, was passiert ist. Fest steht aber, dass der Mann verhaftet und dass bei ihm kinderpornografisches Material gefunden wurde. Kennen gelernt hat Paul den Mann offenbar in einem Chatforum zum Internet-Spiel «Minecraft».

Auch mein Sohn spielt «Minecraft». Wir haben das Spiel zusammen angeschaut und ich habe es für gut befunden. Es ist eine Art virtuelles Lego, man baut Häuser und Städte, je nachdem auch zusammen mit anderen Leuten. Er tut das zum Beispiel öfter gemeinsam mit einem Schulfreund. Dass es Foren zu einem solchen Spiel gibt, und dass mein Sohn sich dort mit anderen austauschen könnte - auch mit älteren Männern - habe ich mir gar nie überlegt! Genau hier liegt der Hund begraben: Kinder und Jugendliche leben in einer (digitalen) Welt, die für uns Eltern nicht so selbstverständlich ist wie für sie. Und du kannst dir als Eltern noch so Mühe geben, das alles zu verstehen und unter Kontrolle zu haben - du wirst nie alle Details kennen und dich in dieser Welt niemals mit der gleichen Selbstverständlichkeit bewegen wie deine Kinder.

Denn wie der Fall Paul zeigt, reicht es nicht, den Kindern zu sagen, sie dürfen sich niemals mit jemandem treffen, den sie nur aus dem Internet kennen. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, sie ticken anders! Was auch immer Paul dazu bewogen hat, sich mit diesem Mann zu treffen - es war ganz bestimmt nicht so, dass ihm noch nie jemand gesagt hat, dass das gefährlich ist. Vielleicht wars ein Streit mit den Eltern, vielleicht wollte er bewusst etwas «Verbotenes» tun. Für Kinder sind Gefahren, die sie sich nicht plastisch vorstellen können (und sexuelle Ausbeutung gehört da zum Glück dazu), etwas sehr Abstraktes. Sie können diese deshalb nicht richtig einordnen und unterschätzen sie vermutlich.

Kinder richtig vor solchen Gefahren zu warnen, ohne sie in Angst und Schrecken zu versetzen, ist ein schmaler Grat. An unserem Wohnort war eine Zeitlang jemand in einem schwarzen Auto unterwegs, der offenbar regelmässig Kinder ansprach. Mein Sohn hatte Panik, seit er davon gehört hatte, und rannte fluchtartig nach Hause, sobald er irgendwo ein schwarzes Auto sah. Als ich ihn fragte, wovor genau er solche Angst habe, sagte er: «Vor dem Mann, der Kinder klaut!» Woher er den Term hatte, weiss ich nicht. Aber offenbar hat er gewirkt. Und auch wenn ich nichts von Angstmacherei halte - im Bezug aufs Internet ist sie vielleicht gar nicht so unangebracht. Mein Sohn weiss jetzt also, dass es auch im Internet Leute gibt, die «Kinder klauen». Und dass diese auch «Minecraft» spielen.

Mein erster Impuls nach der Sache mit Paul: jeglichen Internet-Zugang meiner Kinder unterbinden. Was absolut unmöglich ist, nur schon weil Schulen heutzutage mit interaktiven Lernprogrammen arbeiten und zum Beispiel Französisch oder Englisch mehr oder weniger ausschliesslich online gebüffelt wird. Ich möchte meiner Tochter ihren Klassen-Chat nicht verbieten, und eigentlich finde ich es auch nicht tragisch, wenn mein Sohn ab und zu «Minecraft» spielt. Alles, was ich tun kann, ist, ihre Online-Aktivitäten noch stärker zu kontrollieren. Und zu hoffen, dass uns niemals so etwas passiert wie der Familie von Paul. Eine Garantie dafür gibt es keine - egal wie sehr man glaubt, man habe alles im Griff.

Im Dossier: Alle Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.