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Der ganz normale Wahnsinn

Die Qual der Berufswahl

Wer nicht ins Gymnasium geht, muss sich schon früh mit der Berufswahl auseinandersetzen. Familienbloggerin Sandra C. weiss derzeit nicht, was schlimmer ist: Ein Kind, das sich für gar nichts interessiert oder eines, das sich für fast alles erwärmen könnte. 

Sandra Casalini, bei sich zu Hause in Thalwil, am 04.12.2018, Foto Lucian Hunziker

Steht beim Teenager die Berufswahl vor der Tür, haben Eltern alle Hände voll zu tun.

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Wenn ich heute auf meine berufliche Karriere zurückschaue, merke ich: Ich hätte diese Matura gar nicht unbedingt gebraucht. Warum ich mich damals mit 14 trotzdem fürs Gymnasium entschied? Weil ich schlicht keine Ahnung hatte, was ich sonst hätte machen sollen.

«Ich hätte mir vieles vorstellen können, aber es gab nichts, wofür ich wirklich brannte.»

Etwas Handwerkliches? Talentfreie Zone. KV? Viel zu viel mit Zahlen. Auch nicht mein Ding. Klar, das Gymi mit sprachlichem Profil passte zu mir und meinen Talenten. Nur: gut fünf Jahre später hatte ich zwar diese Matura in der Tasche, aber immer noch keinen Plan, was ich eigentlich machen wollte. Studieren? Und wenn ja, was? In den Journalismus verschlug es mich dann eher zufällig, und ganz ohne Studium.

Schnupperlehren sollen Klarheit schaffen

Mein Problem damals: Ich hätte mir vieles vorstellen können, aber es gab nichts, wofür ich wirklich brannte. (Ich habe immer gern geschrieben, aber die echte Leidenschaft fürs Schreiben entwickelte sich erst später). Heute steht meine Tochter vor dem gleichen Dilemma. Sie ist sprachlich genauso begabt wie musikalisch, liebt aber auch alles, was mit Kochen und Essen zu tun hat.

Eine erste Schnupperlehre hat sie in einer Kaffeebar gemacht, das fand sie super. Es folgte eine auf einer Redaktion und eine im Musikgeschäft. Fand sie beides auch toll. Sie kann sich durchaus vorstellen, in meine Fussstapfen zu treten, schreibt in ihrer Freizeit auch Geschichten – aber nicht stundenlang. Sie liebt Musik, spielt täglich Klavier und singt – aber auch das nicht mit einer Intensität, die suggeriert: Genau das, und nur das, will ich! Sie kocht gern, aber tut sie das wirklich so gern, dass sie sich vorstellen könnte, es jeden Tag zu tun?

Schnell weg von der Schule und ab in den Berufsalltag

Bei meinem Sohn sieht es ganz anders aus. Seine Begeisterung für jedes Thema, das irgendwie mit Schule zu tun hat, hält sich in sehr, sehr engen Grenzen. Sein einziges Ziel ist, so schnell wie möglich nicht mehr zur Schule zu müssen. Er programmiert eigene Games – aber um daraus einen Beruf zu machen, müsste er doch noch eine ganze Weile die Schulbank drücken. Er ist sportlich, sozial und liebt Tiere.

«Was wollt ihr mal werden? Meine Kinder haben keine Ahnung. Aber ich bin überzeugt, dass sie irgendwann ihr berufliches Glück finden werden. Oder das Glück sie.»

Als es um eine erste Schnupperlehre ging, versuchte ich, ihm etwas Soziales schmackhaft zu machen. Ich fand, eine Kita oder ein Altersheim würde gut passen, denn er ist wirklich gut mit kleinen Kindern und älteren Menschen. Fand er gar nicht. Er wollte auf die Bank. Und fand es dort zu meiner Überraschung recht toll. Nur: Ob seine Noten je für eine Banklehre reichen werden, wage ich zu bezweifeln. Das ist nicht tragisch. Zumal ich das leise Gefühl habe, er wird in einem Büro sowieso nicht glücklich.

Was wollt ihr mal werden? Meine Kinder haben keine Ahnung. Aber ich bin überzeugt, dass sie irgendwann ihr berufliches Glück finden werden. Oder das Glück sie.

Mehr von Familien-Bloggerin Sandra C. lest ihr hier.

Von Sandra C. am 22. März 2019