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Der ganz normale Wahnsinn

Dieses verdammte schlechte Gewissen!

Unsere Familienbloggerin arbeitet übers Wochenende. Prompt meldet sich ein uralter Begleiter: ihr schlechtes Gewissen. Es ist ständig hier, sozusagen zu ihrem zweiten Ich geworden. Und es wird wohl auch nie ganz verschwinden.

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Sandra Casalini Blog der ganz normale Wahnsinn

Unsere Familienbloggerin bewegt sich seit fast zwanzig Jahren zwischen Kindern und Küche. Das schlechte Gewissen ist dabei ihr ständiger Begleiter.

Lucia Hunziker

Es ist Donnerstagabend. Ich werde von Freitag bis Montag beruflich unterwegs sein. Ich muss einkaufen, damit die armen Kleinen, die das Wochenende ohne ihre Mama verbringen müssen, zumindest was zu essen haben. Die Küche aufräumen. Die Kaninchen misten und füttern. Ich lasse mich von Freunden zu einem Glas Wein überreden. Aus einem werden zwei, aus zwei werden drei.

Freitagmorgen. Der Kühlschrank ist leer, in der Küche stapelt sich das Geschirr, der Kaninchenstall riecht bereits etwas streng. Ich miste morgens um 6.30 Uhr die Häschen, das macht niemand anders. Ich wecke Kind 1 und sag ihm, dass ich ihm später ein WhatsApp schicke, da es um diese Zeit am Morgen noch nicht aufnahmefähig ist. Ich schreibe ihm: «Sorry, hat nichts zu essen, twinte euch Geld, kauft ein, bitte auch für die Häsli. Wir sehen uns am Montag. Schönes Wochenende.»

Ich bin überzeugt, dass ich nichts verpasst habe

«Was bist du bloss für eine Mutter?», fragt der Teil in mir, der mich begleitet, seit ich vor gut 19 Jahren erstmals zwei rosa Striche auf einem Schwangerschaftstest sah: mein schlechtes Gewissen. Ich habe es so verinnerlicht, dass ich sagen kann, dass es ein fester Teil von mir ist. Angefangen mit jedem guten Rat, den ich in der Schwangerschaft gelesen oder gehört habe, und mich in der Folge gefragt habe, ob ich zu ungesund gegessen oder zu heiss gebadet habe. Gefolgt von jedem Mal, an dem ich meinen Kindern Rüeblibrei aus dem Glas gefüttert oder eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben habe. Zu meinem zweiten Ich geworden, mit jeder Bemerkung à la «Warum wolltest du überhaupt Kinder, wenn du so viel arbeitest?».

Ich bin heute überzeugt, dass meine Kinder keine nachhaltigen Schäden davongetragen haben, weder von einem heissen Bad in der Schwangerschaft, noch von Gläslibrei oder Tiefkühlpizza. Und auch nicht davon, dass ich nicht sieben Tage pro Woche 24 Stunden präsent war. Ich glaube auch nicht, dass ich etwas verpasst habe. Ich erinnere mich an ihre ersten Schritte, ihre ersten Worte, ihre ersten Schlägereien, ihre ersten Schultage, ihren ersten Liebeskummer. Und trotzdem war es ständig da, dieses verdammte schlechte Gewissen. Immer und überall. Und ist es heute noch.

«Hör zu. Kind 1 ist 18. Nach Gesetz erwachsen. Es kann einkaufen, eine Küche aufräumen und einmal pro Tag die Kaninchen füttern. Wenn es anders wäre, hättest du wirklich was falsch gemacht.»

Auch an diesem Freitagmorgen, als ich die Tür hinter mir schliesse, den leeren Kühlschrank und die unaufgeräumte Küche hinter mir lasse. Als Aussenstehende würd ich mir selbst sagen: «Hör zu. Kind 1 ist 18. Nach Gesetz erwachsen. Es kann einkaufen, eine Küche aufräumen und einmal pro Tag die Kaninchen füttern. Wenn es anders wäre, hättest du wirklich was falsch gemacht. Es hat eigene Pläne übers Wochenende und legt sehr, sehr wenig Wert auf deine Präsenz, um nicht zu sagen gar keinen. Das selbe gilt für Kind 2, das übers Wochenende arbeitet und dort verpflegt wird. Wenn was ist, rufen sie an. Und einen Vater, der in der Nähe ist, haben sie ja auch noch. Also chills!»

Ich habe recht. Und ich weiss das. Genauso wie ich weiss, dass das schlechte Gewissen wohl noch eine Weile mein Begleiter sein wird. Aber heute kann ich ihm jedes Mal, wenn es sich meldet, guten Gewissens sagen: «Verzieh dich!»

Von Sandra Casalini am 26. November 2022 - 18:00 Uhr