Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Straftat, Herkunft, Frauenbild

Eine Horde Männer belästigt in der Silvesternacht Frauen. Die meisten von diesen mutmasslichen Straftätern sollen Migrationshintergrund haben. Und Schuld an der Tat soll deren rückständiges Frauenbild sein. Hierzulande, war überall zu lesen und zu hören, sei Gleichberechtigung ein wichtiger Pfeiler unserer Gesellschaft. Echt jetzt?, fragt sich Sandra C. mal wieder. Solange sich ihre Kinder nicht darüber wundern, dass mit nackten Frauen für Burger geworben wird, müssen wir zuerst einmal unser eigenes Frauenbild hinterfragen, findet die Familienbloggerin.
Sex-Mob Köln Hauptbahnhof Silvester
© Keystone

Demonstration nach den Übergriffen in der Silvesternacht beim Kölner Dom. Bloggerin Sandra C. findet: Wir müssen unser Frauenbild hinterfragen.

Eine Gruppe Männer vergreift sich in der Silvesternacht in Köln in einem regelrechten Mob sexuell an jungen Frauen, begrapscht und bestiehlt sie, es soll gar zu Vergewaltigungen gekommen sei. Laut Polizei stammt der Grossteil von ihnen «aus dem nordafrikanisch-arabischen Raum». Für viele war schnell klar: Diesen Taten liegt das rückständige Frauenbild zugrunde, welches in den meisten arabischen Ländern vorherrscht. In vielen dieser Staaten sind Frauen den Männern in keiner Weise gleichgestellt, haben kaum Rechte, müssen sich öffentlich verhüllen. Migranten und Flüchtlingen müsse in aller Deutlichkeit klar gemacht werden, «dass bei uns Frauen und Männer gleichberechtigt sind», höre ich zum Beispiel in der «Tagesschau».

Ach ja? Hab ich was verpasst? Kriegen wir jetzt den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit wie die Männer? Sind wir jetzt in den Führungsetagen der Firmen in gleichem Mass vertreten wie sie? Und die unendlich hohle IWC-Werbung, die mir letzthin unter die Augen gekommen ist («Fast so schön wie eine Frau. Tickt aber richtig»), hab ich die geträumt?

Selbstverständlich ist unser allgemein gültiges Frauenbild nicht mit dem zu vergleichen, das in arabischen Ländern vorherrscht. Aber jetzt stellt euch mal vor: Ihr kommt - ob mit arabischen Wurzeln oder nicht - in ein neues Land, dessen Kultur und Gepflogenheiten euch völlig fremd sind. Vor euch fährt ein Laster auf der Strasse, auf dem ein Frauen-Po im Mikro-Mini prangt - dass das eine Werbung für eine Metzgerei sein soll, ist dem Fall im wahrsten Sinn des Wortes vollkommen wurscht! Wenn ihr aus dem Fenster schaut, seht ihr dort eine Burger-King-Werbung, wahlweise mit einer fast nackten Dame oder einer, die lasziv an einem Hot Dog saugt. Und wenn ihr den TV anschaltet, seht ihr dort strahlend-brave Hausmütterchen, die Werbung für Waschmittel oder «Kinder-Pingui» machen. Und jetzt sagt mir, was für ein Frauenbild euch da transportiert wird. Frauen als Sexobjekt, die ansonsten noch knapp für Haushalt und Kindererziehung zu gebrauchen sind? Nein, natürlich nicht!

Vielleicht hat das radikal rückständige Frauenbild gewisser Staaten tatsächlich etwas mit den Verbrechen zu tun, welche da in der Silvesternacht passiert sind. Aber grundsätzlich gebe ich Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des deutschen Zentralrats der Muslime recht, wenn er in einem Interview mit der «Welt» sagt: «Recht und Gesetz fragen nicht nach Herkunft, sondern nach der Straftat.» Verbrechen müssen bestraft werden, egal, wer sie begangen hat. Und Gesetze müssen eingehalten werden, egal welcher Herkunft man ist. Punkt.

Ja, ich finde, es macht durchaus Sinn, Migranten unsere Gepflogenheiten (und vor allem unsere Gesetze) büffeln zu lassen (und nein, ich finde nicht, dass Frauen im Gegenzug «lernen» müssen, sich anders zu verhalten, um nicht zu provozieren. Eine Frau, die sexuell belästigt wird - egal von wem - ist NIEMALS selbst schuld!). Aber vielleicht würde es auch Sinn machen, unseren Kindern auch mal was in Sachen Gleichstellung beizubringen. Ich will nämlich nicht, dass mein Sohn dereinst Frauen als Hot-Dog-lutschende Hausmütterchen betrachtet. Und ich will, dass meine Tochter niemals Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts erleben muss, weder im Job noch im Privatleben. Sie wird in sechseinhalb Jahren volljährig. Ich fürchte fast, dass die totale Gleichstellung auch bis dann noch Utopie ist. Auch bei uns.

Im Dossier: Weitere Familienblogs von Sandra C.