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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Männer, wollt ihr gar nicht bei der Familie sein?

Die Initiative für einen Vaterschaftsurlaub ist eingereicht. Doch nur 30 Prozent der gesammelten Unterschriften stammen von Männern. Familienbloggerin Sandra C. wendet sich mit deutlichen Worten ans andere Geschlecht.

Liebe Männer

Sorry, aber ich bin enttäuscht von euch! Ich dachte wirklich, ihr wollt das! Ich dachte, das sei gar keine Frage: Wenn es euch als Gesetz sozusagen in den Schoss fällt, freut sich jeder von euch über vier Wochen Urlaub, um Zeit mit eurer Familie zu verbringen.

Dass ihr nicht - Entschuldigung - die Eier habt, euren Chef um mehr als einen einzelnen freien Tag zur Geburt eures Kindes zu bitten (geschweige denn darum, euer Arbeitspensum zu reduzieren oder zu Hause bleiben zu dürfen, wenn das Kind krank ist), kann ich ja noch nachvollziehen. Sich so Auge in Auge als Schlappschwanz zu outen und nicht als die Karrieresau, die man als echter Kerl eigentlich sein sollte, ist doof, klar. 

Aber es wäre ein Klick gewesen. Gut, vielleicht zwei oder drei. Zwischen der Vorbereitung der nächsten Präsentation und youporn. Einfach den eigenen Namen und die Adresse in ein Kästchen eintragen, den Unterschriftenbogen bestellen, fertig. Hätte der Chef nie rausgefunden.

Wovor habt ihr Angst? Die nächste Sprosse auf der Karriereleiter zu verpassen? Oder davor, dass euer Leben mehr auf den Kopf gestellt wird, als euch lieb ist?

Die Tatsache, dass nicht einmal ein Drittel von denen, die das gemacht haben, Männer sind, finde ich, gelinde gesagt, irritierend. Und legt einen Schluss nahe, den ich noch irritierender finde: Ihr wollt gar nicht! Ihr habt kein Interesse daran, euch vier Wochen lang auf eure Familie zu konzentrieren. Ihr habt keine Lust auf diese intensive, anstrengende erste Zeit, in der nichts anderes zählt als dieses kleine Wesen - notabene euer eigenes Fleisch und Blut.

Warum nicht? Wovor habt ihr Angst? Die nächste Sprosse auf der Karriereleiter zu verpassen? Oder davor, dass euer Leben mehr auf den Kopf gestellt wird, als euch lieb ist?

Ihr seid genau so wichtig für das Kind

Dann lasst euch gesagt sein: Uns Frauen passiert das automatisch, wenn wir Mutter werden. Beides. Und da es ja rein genetisch zu 50 Prozent eure Kinder sind, sollten eigentlich auch die Folgen für die Eltern zur Hälfte aufgeteilt werden. Vier Wochen Vaterschaftsurlaub sind nicht viel. Aber es würde reichen für eine Basis.

Es würde reichen, um eurer Frau und euch selbst zu zeigen, dass ihr das hinkriegt. Dass sie unter die Dusche kann, ohne dass das Kind an einem Schreikrampf erstickt. Dass sie mal Shoppen gehen kann, ohne dass das Kind verhungert oder erfriert. Dass sie es sich erlauben kann, Geld verdienen zu gehen, ohne dass das Kind bleibende Schäden davonträgt. Weil es auch noch euch gibt.

Weil ihr genauso wichtig seid für das Kind wie sie. Weil ihr das genauso gut könnt mit dem Kind wie sie. 

Weder Dammrisse noch Milcheinschuss

Ihr könnt das. Aber irgendwie haperts noch mit dem Wollen. Man muss diese ersten Wochen nach der Geburt nicht schönreden, sie sind ultimativst anstrengend. Und dabei seid ihr nicht mal körperlich beeinträchtigt, so wie das bei uns der Fall ist. Ihr habt keine schmerzenden Dammrisse oder Kaiserschnittnarben, keinen Milcheinschuss, der euch zusätzlich mit 40 Grad Fieber segnet, keine Brustwarzen, die sich anfühlen, als wäre man mit der Röstiraffel drüber und keine Brüste, die abwechselnd zu platzen drohen oder schlaff gesaugt sind.

Ganz zu schweigen davon, dass ihr nicht dafür beten müsst, dass ihr irgendwann euren Urin wieder halten könnt, wenn ihr lacht oder niest. Habt ihr alles nicht. Und ihr könnt nicht stillen (was selbstverständlich nicht eure Schuld ist). Das alle-zwei-bis-vier-Stunden-Aufwachen-in-der-Nacht bleibt also so oder so an uns hängen.

(Ach, und wenn wir schon dabei sind: Ihr musstet nicht neun Monate lang auf Champagner und Lachsbrötchen verzichten, habt nicht drei Monate am Stück gekotzt, und musstet auch nicht im Hochsommer Stützstrümpfe tragen.) Ihr könntet euch also körperlich unbeeinträchtigt und mehr oder weniger ausgeschlafen tagsüber zur Hälfte um euren schreienden, kotzenden Nachwuchs kümmern. Das wäre nur fair! 

Überlasst den Kampf für eure Rechte nicht uns

Nochmal: Wovor habt ihr Schiss? Davor, dass euch der junge Kollege in den vier Wochen rechts überholt? Davor, dass ihr in Zukunft in der Firma immer als «Super-Papa» gesehen werdet, der andere Prioritäten hat, und dem man, egal wie professionell er ist, nie wieder gleichviel zutraut als vorher? Welcome to the Club!

Aber wisst ihr was? Jedes einzelne Mal, in dem euer Kind nach euch ruft statt nach Mama, jedes Mal, in dem es vertrauensvoll in eurem Arm einschläft, jeden Tag, den ihr allein mit eurem Kind geschmissen habt, wird es Wert sein. Doppelt und dreifach. Also gebt euch einen Ruck, und überlasst den Kampf für EURE Rechte nicht uns. Auch wenn ihrs euch jetzt vielleicht nicht vorstellen könnt: Es wird sich lohnen. Für euch und vor allem für eure Kinder. 

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