Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Sache mit den Noten

Der Sohn von Sandra C. bekam sein erstes Zeugnis. Und das ist nicht gerade berauschend. Die Familienbloggerin fragt sich, was diese Noten tatsächlich über den Wissensstand ihres Kindes aussagen. Und wie sie es dazu animieren kann, mehr zu lernen, ohne dass sein Interesse ganz den Bach runter geht.
Schulzeugnis Primarschule Noten Schweiz
© Keystone

Das erste Zeugnis ihres Sohnes war für Familienbloggerin Sandra C. eine Ernüchterung.

Eine Woche vor den Sportferien gibts jeweils Zeugnisse (man frage mich nicht, warum die nicht am letzten Schultag verteilt werden. Vielleicht, um den Kids die Ferien nicht zu versauen...). Während meine Tochter wie immer ein 1a­-Zeugnis mit nach Hause brachte, ist das meines Sohnes, sagen wir, durchzogen. Schade, denn es ist sein erstes (erste Schulnoten gibts im Kanton Zürich ab der 2. Klasse, die 1. ist noch notenfrei). Dabei muss ich sagen, dass ich im Elterngespräch vor kurzem vorgewarnt wurde. Und es ja eigentlich auch so schon wusste: In Mathe macht meinem Achtjährigen keiner so schnell was vor, Lesen und Schreiben sind, milde gesagt, extremst verbesserungswürdig. Sonst hatte seine Lehrerin nur gute Worte für meinen Junior übrig (übrigens das erste Elterngespräch, nach dem ich mich nicht fragte, was ich in seiner Erziehung falsch gemacht habe): Er sei fleissig (hääää?), hilfsbereit, aufmerksam und während er Anfang des Schuljahres noch in jede Keilerei verstrickt war, halte er sich jetzt überall raus.

Umso mehr mache ich mir nach diesem positiven Elterngespräch Gedanken um dieses Zeugnis, bzw. um die schlechten Deutsch­-Noten. Klar war mir schon vorher bewusst, dass er als Zweitklässler besser lesen können müsste. Er hat einfach keine Lust. Und zwar nicht im Geringsten. Restaurantbesuche zum Beispiel sehen bei uns meist so aus: Ich schiebe ihm die Karte hin. Er:«Lies vor.» Ich: «Nein, du kannst selbst lesen.» Er: «Also gut, dann nehme ich Spaghetti mit Tomatensauce.» (So ernährt er sich in einer Woche in den Bergen öfter ausschliesslich von Teigwaren. Ausser seine Schwester erbarmt sich und liest ihm die Speisekarte vor.) Die Noten in Lesen und Schreiben sind also durchaus gerechtfertigt. Aber wo in diesem Zeugnis steht, dass mein Sohn, der noch in der 1. Klasse die Stunden durchplapperte und auch mal einfach aufstand und sich ans Klavier setzte, jetzt aufmerksam den Unterricht verfolgt? Dass er dort, wo er gut ist, seine schwächeren Klassenkameraden unterstützt? Dass er grosszügig und hilfsbereit ist?

Zum Glück ist all das momentan nur für seine Lehrerin von Interesse, und sie nimmt offenbar nicht nur seine schulischen Leistungen wahr, wofür ich sehr dankbar bin. Wenn ich aber mal ein paar Jahre voraus denke, wird es für jemanden wie meinen Sohn nicht ganz so einfach werden. Viele Betriebe wollen nur Lehrlinge mit Top­-Noten, andere bekommen gar nicht erst die Chance, sich vorzustellen. Egal, wie fleissig und lernbereit sie sind. Noten sagen nichts über die Sozialkompetenz eines Schülers aus, und genau da liegt der Haken. So finde ich es schade, dass es Lehrbetriebe gibt, die bereits als Schnupperlehrlinge nur die mit den besten Noten wollen. Dabei entgeht ihnen vielleicht ja etwas. Kürzlich erzählte mir nämlich ein Freund, sein Sohn ­ - Schulnoten: irgendwas zwischen mies und unter aller Sau - ­ habe in der Schnupperlehre mit seiner gewinnenden Art, seinem Fleiss und Interesse den Lehrmeister dermassen überzeugt, dass er trotz des schlechten Zeugnisses auf der Stelle einen Lehrvertrag erhielt.

Nun sind wir ja Gott sei Dank noch nicht so weit. Und ich wage zu behaupten, dieses erste Zeugnis war jetzt noch nicht sooo aussagekräftig. Trotzdem frage ich mich, wie es mir gelingt, meinen Junior zu motivieren, mehr zu lesen. Geld fürs Zeugnis? Nein. Erstens würde ihn das vermutlich noch mehr demotivieren. Und zweitens würde ich damit eben genau das falsche Signal senden, nämlich dass es ausschliesslich um diese Noten geht.

Dabei ist mir zum jetzigen Zeitpunkt etwas anderes wichtiger: Irgendwann muss das Kind einfach lesen können! Und zwar bald, sonst kommt er in allen anderen Fächern auch nicht mehr mit. Die Idee seiner Lehrerin, dass sie die Kinder jeden Morgen zehn Minuten in einem Buch ihrer Wahl lesen lässt, schlug bei ihm massiv fehl: Auf seinem Pult liegt zwar «Der Räuber Hotzenplotz», drunter schaut er sich jeden Morgen seine liebsten Fussballspieler im Panini­-Album an (und behauptet, das sei auch Lesen, da stünden ja zumindest Namen drin). Mein Versuch war auch eine Niete: Wir suchten gemeinsam ein Buch aus, das «Guinnessbuch der Rekorde», um jeden Abend zusammen zehn Minuten drin zu lesen. Nur um festzustellen, dass die Schrift viel zu klein ist und er so viele Worte nicht versteht, dass es ihm ziemlich schnell ablöschte. Seither überlege ich, welches Buch ich meinem Lesemuffel vorsetzen könnte. Bis ich ihn eines Morgens noch vor der Schule ganz vertieft in einen Donald-­Duck­-Comic fand. «Das ist lustig, hör mal», meinte er ­ und las mir tatsächlich zum ersten Mal freiwillig etwas vor. Dass es aus einem Comic war, ist mir herzlich egal. Schliesslich gibt mir Walt Disney die Hoffnung zurück, dass mein Junior irgendwann tatsächlich auch ein «richtiges» Buch lesen kann.

Im Dossier: Alle Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.