Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die öffentliche Busen-Diskussion

Stillen in der Öffentlichkeit geht gar nicht, findet Tamara Wernli, Kolumnistin der «Basler Zeitung». Und kassiert dafür böse Reaktionen - inklusive des «Kaktus» der Schweizer Illustrierten -, zumal sie selbst kinderlos ist. Familienbloggerin Sandra C. ist dies bekanntlich nicht. Und findet trotzdem: Die Frau hat recht. Zumindest teilweise. 
Mutter stillt ihr Baby an ihrer Brust
© Getty Images

Obwohl Sandra C. ihre beiden Kinder gestillt hat, will sie im Restaurant keine entblössten Brüste sehen.

«Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten», schreibt die «Schweizer Illustrierte» im Kommentar zu ihrem Kaktus. Also, wenn wir Journalisten uns nur über Dinge äussern dürften, von denen wir wirklich eine Ahnung haben - oder noch besser, die wir selbst erlebt haben - könnten wir morgen alle stempeln gehen. Insofern finde ich, darf sich Frau Wernli so lang und so breit zum Thema äussern, wie sie will - ob sie nun von der «Huffington Post» abgeschrieben hat oder nicht. Ich selbst habe zweimal Nachwuchs gesäugt und weiss also in dem Fall auch, wovon ich spreche. Und nein, ich finde es auch nicht angenehm, wenn ich im Restaurant mein Schnitzel bearbeite und neben mir packt eine ihre Brüste aus - sei es nun zum Stillen oder nicht.

«Wer es nicht schön findet, soll nicht hinschauen», lautet einer der Kommentare. Okay - Hands up: Wer von euch schaut weg, wenn er einen nackten Busen vor sich hat? Eben. Auch Frauen nicht. (Das ist doch wie beim Pinkeln am Pissoir. Kann mir kein Kerl erzählen, dass er nicht nach rechts oder links schielt.) Ich verstehe, ehrlich gesagt, auch nicht, dass es einem als Mutter nichts ausmacht, wenn der Wurstsalat-kauende Typ am Nebentisch einem auf die Titten starrt. Zumal ich während der Stillzeit meinen Atombusen alles andere als schön empfand und ihn sehr viel lieber in sehr weite Gewänder hüllte, als ihn freizulegen. Nein, ich habe meine Kinder niemals in der Beiz oder im Café am Tisch gestillt. (Zumal bei meiner Tochter noch ihr anfänglicher Reflux dazukam, wegen dem sie jeweils ziemlich postwendend die Hälfte ihrer Mahlzeit wieder von sich gab. Gut, im Nachhinein ist die Vorstellung, dass sie dem starrenden Typen in den Wurstsalat kotzt, recht erheiternd.) Auf jeden Fall habe ich mir immer eine ruhige Ecke gesucht, weg von den anderen Gästen, oder habe nachgefragt, ob es einen Ort gibt, an den ich mich kurz mit meinem Baby zurückziehen darf. Und ja, im Notfall bin ich halt auch mit ihm aufs Klo. (Das ist in den meisten Speiserestaurants sauber und angenehm, und wenn es stinkt, bin ich das letzte Mal in dem Lokal gewesen.)

«Gehen Sie zum Essen etwa aufs WC?», taucht dann immer wieder als Frage bzw. als Argument auf. Tu ich natürlich nicht. Aber auch das intelligenteste aller Babys merkt in dem Alter noch nicht, dass es auf einer Toilette ist! Und wenn es Hunger hat, ist ihm - im wahrsten Sinne des Wortes - scheissegal, wo es seine Mahlzeit zu sich nimmt. Im Übrigen kann man sich dann als Neu-Mutter schon mal an die Umgebung gewöhnen. Die nächsten paar Jahre wird das Klo nämlich der einzige Ort sein, an dem man ein bisschen seine Ruhe hat. Klar ist das Essen kalt, wenn man zurückkommt. Aber auch daran gewöhnt man sich als junges Mami. Man vergisst dafür niemals den Moment - Monate später -, in dem man merkt, dass der Käse im Cordonbleu eigentlich flüssig ist.

Soviel zu dem. Wenn Tamara Wernli nun aber schreibt, Stillen habe im öffentlichen Raum nichts verloren, muss ich doch auch widersprechen. Öffentlichkeit ist nicht gleich Öffentlichkeit. Wenn jemand seinem Baby auf einer Parkbank die Brust gibt, oder am Rand des Spielplatzes oder auf der Liegewiese der Badi, finde ich das völlig in Ordnung. Es muss sich ja niemand daneben hinsetzen oder stehen bleiben und zuschauen. Ihr Fazit, die einfachste Lösung sei es, zu Hause zu bleiben, «bis der Säugling gelernt hat, etwas zu essen, das nicht aus Körperöffnungen kommt», ist selbstverständlich pure Provokation. Und hat als solche richtig gut funktioniert.

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