Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Teenager-Hirne denken anders

Sandra C. ist momentan täglich mit einem Teenager konfrontiert, der sie an den Rand des Wahnsinns treibt. Nicht, weil die Tochter der Familienbloggerin so aufsässig und frech wäre (das ist sie zwar ab und zu auch, noch hält es sich aber in Grenzen). Sondern weil sie die Dinge so anders wahrnimmt als ihre Mutter. Dabei kann sich diese durchaus an Zeiten erinnern, in denen auch ihr Hirn ein bisschen anders funktionierte als das ihrer Eltern. 
Klavier lernen online mit App in Zürich
© iStock

Die Tochter von Sandra C. kann nicht so viel Klavier üben, weil sie sooooo viel lernen muss.

Sie sitzt vor mir wie ein Häufchen Elend, dicke Tränen kullern über ihre Wangen. «Du hast ja keine Ahnung!», schnieft meine Tochter. «Du warst vielleicht gut in der Schule, ohne dich anstrengen zu müssen. Aber ich nicht. Weisst du eigentlich, wieviel ich lernen muss, um überhaupt solche Noten zu schreiben?» Bitte was?????? Das Kind ist der Minimalismus in Person. Ich sehe ziemlich genau, wie oft sie lernt, und das ist nicht wirklich viel. (Ausser sie versteckt sich täglich eine Stunde in der Waschküche oder dem Kleiderschrank, um zu büffeln, wovon ich nicht ausgehe.) Sie schreibt in der Regel keine Note unter fünf, selbst wenn sie den Stoff nicht wirklich verstanden hat, was für mich ein absolutes Phänomen ist. 

Der Grund unserer Diskussion war übrigens ein voraussehbarer. Es war nämlich genau das passiert, was ihr Vater (und ich auch) vorhergesehen hat: Sie war ihres mangelnden Einsatzes wegen auf die Schnauze gefallen. Beziehungsweise hat ihr ihre Klavierlehrerin nahe gelegt, sich zu überlegen, ob sie aufhören möchte mit Klavierspielen, wenn sie denn so keine Lust habe, zu üben. Und sie fand nun eben sehr tränenreich, sie spiele doch so gern Klavier, aber habe unmöglich mehr Zeit zu üben, weil sie ja so viel lernen müsse, um das mit dieser Schule halbwegs hinzukriegen. Das Krasse ist: Ich denke, sie glaubt wirklich, was sie da sagt. Genauso wie sie auch ganz ehrlich der Überzeugung ist, es sei meine Aufgabe, ihre Lieblingsmütze, die sie in meinem Auto liegenliess, da zu holen. Ist ja schliesslich mein Auto. 

A apropos Auto: Lustigerweise erinnere ich mich noch recht gut daran, wie ich als Teenager manchmal dachte. Und kann da meinen Eltern rückblickend nur sagen: Es tut mir so leid! Teenager-Hirne denken einfach anders als die von Erwachsenen. Da war eben zum Beispiel die Sache mit dem Auto. Ich war 18 und hatte gerade den Führerschein gemacht. Mein Vater war übers Wochenende weg und überliess mir netterweise das Auto. Das Zeug, das er darum machte, war mir völlig schleierhaft, schliesslich brauchte er das Auto ja nicht, das würde sonst nur rumstehen. Nun, als er zurückkam, war das Auto, sagen wir mal, leicht ramponiert. Seitenspiegel abrasiert, Delle in der Seite, Kofferraum kaputt. Selbstverständlich war ich nicht auf die Idee gekommen, es reparieren zu lassen, denn erstens wars ja nicht mein Auto, zweitens hatte er es mir freiwillig gegeben und drittens hatte er eh mehr Kohle als ich. Dass er bei seiner Rückkehr «not really amused» sein würde, damit hatte ich zwar gerechnet. Aber mein Gott, dieses Trara musste nun wirklich nicht sein. Der konnte ja froh sein, dass das Auto noch fuhr. Und dass ich noch lebte. Dass ich einen Teil meines Taschengeldes an die Reparatur geben musste und die folgenden Monate das Auto für mich tabu war, fand ich ungerecht und unverständlich und meinen Vater einen furchtbaren, alten Mann, der von nix eine Ahnung hatte! 

Nun, meine Tochter hat offenbar tatsächlich das Gefühl, sie müsse so viel für die Schule lernen, dass keine Zeit zum Klavierüben bleibe. Ich schlug also vor, dass sie die Zeit fürs Klavierüben nicht von ihrer Zeit fürs Lernen, sondern von ihrer Zeit, die sie am Handy verbringt, abzieht. Wenn sie denn das Klavier behalten möchte, was ihre eigene Entscheidung ist (nicht, dass wir viel dafür bezahlt hätten, neiiiinnnn….. aber das ist ja eh selbstverständlich). Sie sagt, sie will versuchen, mehr zu üben, und wenn es nicht klappe, gebe sie eine Zeitlang das Handy ab (ihr Vorschlag, nicht meiner!). Bis jetzt funktionierts erstaunlich gut. Und lustigerweise ist sie weniger gestresst wegen der Schule, seit sie mehr Klavier übt. Ich bin gespannt, welche Teenie-Ansichten als nächstes kommen.

Im Dossier: Alle Blogs von Sandra C.