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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Toxische Männlichkeit?

Dienstagabend und im SRF-«Club» diskutiert eine Handvoll Männer über ihr Rollenbild als Mann. Spannend – gerade für Frauen. Leider glich die Runde eher einem Stall voll aufgeregter Hühner und unsere Familienbloggerin fragt sich immer noch, in was für eine (Männer-)Welt ihr Sohn da hineinwächst.

Ich habe echt gedacht, das könnte was werden. Ein Einblick in die männliche Seele. Eine Standortbestimmung. Antworten auf die Fragen, die uns Frauen nur die Männer geben können: Wie seht ihr euch selbst denn eigentlich so heutzutage? Was wünscht ihr euch? Was macht euch Angst? Ehrliche Antworten auf diese Fragen wären wirklich spannend gewesen. Was stattdessen kam? «Der Mann wirbt von Natur aus ums Weibchen und der Feminismus stellt das infrage.» - «Wir müssen 250 Jahre Patriarchat aufarbeiten.» - «Wir brauchen keinen Gleichheitsbrei von Mensch.» Ah, und nicht zu vergessen die ultrawichtige Frage danach, mit wem Mann sich denn bei Bedarf über Erektionsstörungen unterhält. Und das gegenseitige Angezicke. Gut, wenigstens das war an Unterhaltungswert kaum zu überbieten.

Grundsätzlich geht es wohl darum, dass das traditionelle Bild vom starken, dominanten Mann toxisch - also Gift - ist

Anlass für diese Diskussion: Der aktuelle Werbespot des Rasierklingenherstellers Gillette und das Schlagwort, das er auf den Plan gebracht hat: «Toxische Männlichkeit». Eine Definition dieses Begriffs gabs zwar nicht wirklich, aber grundsätzlich geht es wohl darum, dass das traditionelle Bild vom starken, dominanten Mann toxisch – also Gift – ist, sowohl für andere als auch für sich selbst.

Und der Spot sagt, wir seien alle glücklicher, wenn Männer weniger gewalttätig sind, auch mal weinen und Frauen nicht wie Gegenstände behandeln. Wow. Tschuldigung – aber ich verstehe die Aufregung nicht. Und auch nicht die Klicks und doppelt so vielen Dislikes wie Likes auf Youtube. Wenn ihr mich fragt, hat der Spot nämlich, wenn überhaupt, eine ganz simple Message: Sei kein Arschloch. Das hätte euch mein zwölfjähriger Sohn auch sagen können. Und der braucht noch nicht mal Rasierklingen. 

Zu Hause sieht er eine Mutter, die Geld verdient und kocht

Womit wir bei dem wären, was mich wirklich interessiert: Was für ein Selbstverständnis bekommt mein Sohn von euch Männern mit, wenn er da draussen in der Welt unterwegs ist? Zu Hause sieht er eine Mutter, die Geld verdient und kocht. Einen Vater, der jeden Stammtisch mit einem Wort zum Schweigen bringt und seinen Sohn in den Arm nimmt, wenn er traurig ist. Eine Schwester, die auf Boybands steht und Fussball spielt. Was er bei anderen sieht und hört, bekomme ich nur beschränkt mit. Deshalb ist diese Frage durchaus ernst gemeint: Wie geht es euch eigentlich heutzutage so, liebe Männer? 

Fakt ist: Die Suizidrate bei Männern ist in der Schweiz dreimal so hoch wie bei Frauen. Acht von zehn Jugendlichen, die Suizid begehen, sind männlich. Warum ist das so? Setzt euch eure Männlichkeit tatsächlich so unter Druck? Und wenn das so ist: Warum? Was glaubt ihr, wird von euch erwartet? Was erwartet ihr von euch selbst? Seid ihr wirklich so orientierungslos und gefangen zwischen alten und neuen Rollenbildern? 

Dass sich eine Gesellschaft entwickelt und sich mit ihr die Rollenbilder ändern, ist normal. Sich in dieser Entwicklung auf die Biologie zu versteifen, und alles damit zu rechtfertigen, dass das Männlein halt das Weiblein jagen muss, hilft genauso wenig wie die Forderung nach «mehr Menschlichkeit statt Männlichkeit».

Ich wünsche mir für meinen Sohn, dass er zu dem Menschen wird, bei dem er selbst sein Glück findet

Denn aufhalten lassen sich Änderungen trotz (oder gerade wegen?) biologischer Tatsachen nicht. Aber solange wir bei der Geburt unserer Babys auf die Geburtskarte nicht schreiben: «Hurra, es ist ein Mensch!» wachsen unsere Kinder nun mal (noch) in einer Welt auf, die sie in hohem Masse übers Geschlecht definiert. Da kann ich meinem Sohn, der es nicht in die erste Fussballmannschaft seines Teams geschafft hat, lange sagen: «Das ist doch nicht so wichtig, du bist dafür ein echt guter Mensch!»

Trotzdem wünsche ich mir für meinen Sohn, dass er zu dem Menschen wird, bei dem er selbst sein Glück findet. Was für eine Art Mann das sein wird, muss er selbst herausfinden. Aber wenn ich ihm einen einzigen Ratschlag geben würde, würde ich mich tatsächlich diesem Gillette-Spot anschliessen: Sei kein Arschloch! (Und rede bei Bedarf mit einem Urologen über Erektionsstörungen, alle anderen nützen dir in der Situation nämlich herzlich wenig!)

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