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Der ganz normale Wahnsinn

Teenies im Ausgang und eine schlaflose Mutter

Müssen Eltern echt immer wissen, wo ihre pubertierenden Kinder mit wem im Ausgang sind? Ja, findet unsere Familienbloggerin. Voll nicht, findet ihr Sohn. Die beiden haben einen Kompromiss gefunden.

Sandra Casalini Blog der ganz normale Wahnsinn

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Unsere Familienbloggerin vertraut darauf, dass sie ihre Kinder nicht kontrollieren muss – weder on- noch offline.

Lucia Hunziker

Es ist ja nicht nur so, dass Eltern ihre pubertierenden Kinder oft nicht verstehen, sondern auch umgekehrt. Für Teenager, deren Welt sich – Grossbaustelle im Gehirn sei Dank – genauso sehr um sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse dreht wie die von Kleinkindern, erfinden Eltern dauernd irgendwelche blöden Regeln, nur um sie zu ärgern. Zum Beispiel wenns ums Thema Ausgang geht. Total nicht nachvollziehbar, dass man die Antwort «use» auf die Frage, wo man hingeht, als nicht genügend empfinden kann. Man geht als Teenager halt «use» mit «Lüüt» und kommt «irgendwenn» wieder nach Hause. Wozu muss der Kontrollfreak von Mutter wissen, wo man sich genau mit welchen Kumpeln rumtreibt und wann man wieder heimkommt? Wo sind wir denn hier? Man ist ja schiesslich fast erwachsen, und da müssen die Gruftis echt nicht mehr über jeden Schritt Bescheid werden, den man macht.

Massiver Eingriff in die Privatsphäre

So oder ähnlich geht es wohl im Hirn von meinem Kind 2 zu. (Während Kind 1 bereits viel logischer denkt, und nachvollziehen kann, dass es nicht primär um Kontrolle geht, wenn man als Eltern wissen möchte, wo das Kind mit wem ist und wann es nach Hause kommt, sondern vor allem darum, dass man einigermassen beruhigt schlafen gehen kann.) Und ich erinnere mich, dass mein eigenes Teenager-Hirn recht ähnlich funktionierte wie das von Kind 2. Jede Frage, die meine Eltern über meinen Verbleib an einem Samstagabend stellten, empfand ich als massiven Eingriff in meine Privatsphäre. Dabei feierte ich mitnichten igendwelche wilden Partys. Ich ging mit Freunden Kebap essen oder am Rhein grillen. Es ging ums Prinzip!

«Traue ich mir zu, es geschafft zu haben, dass, meine Kinder im Prinzip wissen, dass es für mich nichts Schlimmeres gibt als der Gedanke, dass ihnen etwas zustossen könnte – auch wenn ihr Baustellen-Hirn manchmal was anderes behauptet?»

Tatsächlich traue ich meinem Kind 1 viel eher zu, mal über die Stränge zu schlagen als Kind 2. Vielleicht erzählt es mir gerade deshalb so ausführlich von seinen Plänen, dass ich gar nicht mehr nachfrage. Taktik. Von Kind 1 weiss ich mittlerweile auch, dass das mysteriöse «use» mit «Lüüt» von Kind 2 öfter einfach mal heisst, dass es mit Freunden im Zug nach Zürich fährt und im McDonalds am Hauptbahnhof eine Cola trinkt, nur um dann erzählen zu können, man sei am Samstagabend in der Stadt im Ausgang gewesen (was ja rein technisch stimmt). Und seit Kind 2 weiss, dass ich das weiss, haben wir sozusagen ein stillschweigendes Übereinkommen: Solange «use» mit «Lüüt» bedeutet, bei McDonalds eine Cola trinken, oder im Dorf oder bei einem Freund zu Hause abzuhängen, ist das alles, was ich wissen muss. Wenn es irgendwo anders hingeht, sagt es mir das. Damit können wir beide ganz gut leben.

Vertraue ich mir selbst?

Zumal ich kürzlich etwas Wichtiges realisiert habe: Jetzt ist die Zeit gekommen, in der sich zeigt, wie sehr ich mir selbst vertraue. Traue ich mir zu, es geschafft zu haben, dass, meine Kinder im Prinzip wissen, dass es für mich nichts Schlimmeres gibt als der Gedanke, dass ihnen etwas zustossen könnte – auch wenn ihr Baustellen-Hirn manchmal was anderes behauptet? Dann gibt es keinen Grund für schlaflose Nächte. Denn alles andere liegt nicht in meiner Hand.

Von Sandra C. am 10. Juli 2022 - 08:05 Uhr
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