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Papablog von Nik Niethammer

So verschwinden die Monster aus dem Kinderzimmer

Im Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi setzt sich Chefredaktor Nik Niethammer mit Themen auseinander, die ihn auch privat betreffen. Die Mai-Ausgabe beschäftigt sich mit Kinderängsten. In seinem Papablog lässt er uns an seiner grössten Kindheitsangst teilhaben und verrät, wie er mit den Ängsten seiner Kinder umgeht.

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Haie, Monster, Riesenspinnen: Kinder wollen in ihren Ängsten ernst genommen werden.

Getty Images

Ich war fünf und hatte Angst vor dem Wind. Entsetzliche Angst. Das kam so: Ich war einmal mit meinem Dreirad unterwegs, als ein Sturm losbrach. Ich kämpfte gegen den Wind und den Regen, wurde beinahe von der Strasse gepustet, musste mein Gefährt stehenlassen. Mit allerletzter Kraft schaffte ich es nach Hause, fiel meiner Mutter schluchzend in die Arme – und war fortan ein anderer Junge.

Die Angst nahm Besitz von mir, machte sich breit, hockte in meinem Kopf, meiner Brust, machte das Atmen schwer. Ich, der fröhliche, unbeschwerte Junge, stand am Fenster und begann zu zittern, wenn die Blätter sich im Wind bewegten. Ich versteckte mich hinter dem Sofa, weigerte mich, aus dem Haus zu gehen, mit anderen Kindern zu spielen. Meine Phobie war so stark, dass ich ein Jahr lang dem Kindergarten fern blieb. Nur im abgedunkelten Zimmer fühlte ich mich sicher.

Meine Mutter reagierte liebevoll. Zuerst war sie besorgt, später ratlos. Schliesslich brachte sie mich in eine Therapie.

Die drei häufigsten Angststörungen sind die emotionale Störung mit Trennungsangst, die phobische Störung und die soziale Angststörung.

Angst lässt uns wachsen

Ich verspüre bis heute grosse Dankbarkeit, wenn ich daran denke, wie ich geheilt wurde. Meine Therapeutin hiess Frau Bischof, sie wohnte in einem grossen Haus mit Garten. Das Haus war ein Spielhaus. Es gab einen Sandkasten, einen Pingpongtisch, unzählige Malutensilien und Sachen aus Holz. Ich durfte nach Herzenslust spielen. Niemals hat Frau Bischof mit mir über meine Angst gesprochen, niemals hat sie gesagt: «Du bist ein grosser Bub, du brauchst dich doch nicht vor dem Wind zu fürchten.» Nein, sie liess mich einfach spielen. Und wenn ich es wünschte, spielte sie mit.

Langsam wich die Angst aus meinem Körper.

Angst ist wertvoll. Sie lässt uns wachsen. Oft über uns hinaus. Es heisst auch: Wo die Angst ist, ist der Weg. Wird die Angst jedoch zu gross, macht sie krank. Wie Angststörungen das familiäre Leben beeinträchtigen und wie Eltern ängstliche Kinder unterstützen können, hat meine Kollegin Sarah King in einem Dossier für die Mai-Ausgabe von Fritz+Fränzi aufgeschrieben.

Bauchweh, Übelkeit, Kopfschmerzen

Angst tritt vor allem im Kindes- und Jugendalter auf. Die drei häufigsten Angststörungen sind die emotionale Störung mit Trennungsangst, die phobische Störung und die soziale Angststörung. Kinder fürchten sich vor dem dunklen Keller, dem Monster unter dem Bett, vor Tieren, Spritzen, Krankheiten oder Ablehnung.

Kinder sprechen wenig über ihre Ängste. Angst zeigt sich eher durch körperliche Symptome. Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen. Experten sprechen dann von einer Störung, wenn die Angst unbegründet stark ist und lange anhält, Leid verursacht und das Kind beeinträchtigt.

«Langfristig verhindert eine Angststörung die Entwicklung des Kindes», sagt Simone Munsch, Professorin für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Freiburg in unserem Dossier. «Angst hat die Tendenz, sich auszubreiten. Sie schränkt den Bewegungsraum ein. Nicht nur beim Kind, sondern bei der ganzen Familie.»

Eltern können die Angst ihrer Kinder mit beeinflussen. Denn Angst ist ansteckend.

Eltern können die Angst ihrer Kinder mit beeinflussen. Denn Angst ist ansteckend. Herrscht in einer Familie ein eher ängstliches Verhalten bezüglich alltäglich bedrohlicher Situationen, hat das direkte Auswirkungen auf das Kind. Andererseits stärkt ein furchtloser Umgang der Eltern mit Alltagssituationen das Selbstvertrauen des Kindes.

Es gibt diese berühmte Statistik, wonach ein Kind eher vom Baum fällt, wenn die Eltern unten stehen und sich sorgen, das Kind könnte den Halt verlieren.

Daran musste ich neulich denken, als unser Junior über seine Angst vor Einbrechern sprach. Meine erste Antwort «Hier gibt es keine Einbrecher» wurde umgehend zurückgewiesen mit dem Verweis auf das Bild eines vermummten Mannes, mit dem in der örtlichen Zeitung die jährliche Kriminalstatistik illustriert wurde. Mein zweiter Versuch «Bei uns kommt niemand rein», löste eine Unmenge von Fragen aus bezüglich der Höhe unseres Balkons, ausfahrbaren Leitern und doppelt verglasten Scheiben.

Eine Angst, gegen die keine Therapie hilft

Wissen Sie, was den Bub schliesslich beruhigte? Ein gemeinsamer Rundgang durch unsere Wohnung, bei der wir die Fensterläden inspizierten und die Haustür zweifach verriegelten. Vor dem Gutenachkuss malten wir uns gemeinsam aus, wie ein Einbrecher sich sein Einbruchswerkzeug an unserer gut gesicherten Tür verbiegt.

Und meine Angst vor dem Wind? Sie ist wie weggeblasen. Heute mag ich es, wenn es so richtig wettert und stürmt. Ich bin ein relativ angstfreier Mensch. Nur die Sorge, meiner Familie könnte etwas zustossen, treibt mich um. Dagegen hilft keine Therapie.

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Elternmagazin

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi ist das meistgelesene Elternmagazin der Schweiz. Es wird seit 2001 von der gemeinnützigen Stiftung Elternsein herausgegeben. Das Magazin erscheint zehn Mal im Jahr. Die aktuelle Ausgabe (Nummer 5 vom Mai 2019) beschäftigt sich mit dem Thema Kinderängste

Auf www.fritzundfraenzi.ch sind auch frühere Dossiers einsehbar. Unter anderem zu den Themen Väter, Hausaufgaben, Kiffen und Achtsamkeit.

Von Nik Niethammer am 30.04.2019
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