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Papablog von Nik Niethammer

Was zu viel Zeit am Handy mit uns anstellt

Damit Kinder einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien lernen, brauchen sie Eltern, die selbst gewisse Regeln einhalten. Der Frage, wie dies gelingt, geht Nik Niethammer, Chefredaktor des Elternmagazins Fritz+Fränzi, in seinem neuen Papablog auf den Grund.

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Wie viel Handykonsum ist zu viel? Der Umgang mit Medien sollte nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene geregelt sein.

Getty Images

Neulich haben die Eltern der Zweitklässer an der Schule unserer Kinder ein Papier mit dem Titel «Übereinkunft zum Umgang mit Medien» verabschiedet. Das vordringlichste Erziehungsthema unserer Zeit treibt Eltern, Jugendliche und Lehrer gleichermassen um – und nicht selten zur Verzweiflung.

Angestossen wurde die Diskussion von uns Eltern mit dem Ziel, sich gegenseitig auszutauschen. Absprachen zu treffen. Probleme der Mediennutzung zu diskutieren. Gemeinsame Regeln zu definieren. Beispielsweise bei Kindergeburtstagen und gegenseitigen Besuchen der Kinder.

Das Thema selbst in die Hand nehmen

An einem eigens einberufenen Elternabend diskutierten wir in kleinen Arbeitsgruppen die Do’s und Dont’s rund um Smartphone- und Konsolenkonsum. Wir definierten drei Bereiche, die unterschiedliche Grundsätze erfordern:

  • Zum ersten Bereich gehört, was die Schulordnung für den Umgang mit Medien und mulitmedialen Geräten in der Schule verbindlich regelt.
  • Bereich zwei umfasst den Umgang mit Medien ausserhalb der Schule, insbesondere den Kontakt der Kinder untereinander.
  • Der dritte Bereich beinhaltet, wie jede Familie mit Medien umgeht. Schnell wurde klar, wie unterschiedlich die Standards für kindergerechten und verträglichen Medienkonsum in den einzelnen Familien sind. Einig war man sich darin, dass Erfahrungen, die jedes Kind zuhause macht, in die Klasse hineinwirken. Medienerlebnisse prägen das Klassengespräch unter Kindern, erschreckende oder überfordernde Medienerlebnisse verstören und traumatisieren sie.

Zwei Elternvertreter sichteten, siebten und sortierten unsere Vorschläge und erstellten das eingangs erwähnte Papier. Es soll zukünftig jedes Jahr gemeinsam überdacht und dem Entwicklungstand der Kinder angepasst werden. Eine Eigeninitiative, die ich allen Eltern nur empfehlen kann. Ein Thema selbst in die Hand zu nehmen, ist allemal besser als zu warten und zu hoffen, dass es sich von selbst erledigt.

Keine Frage: Das Papier löst nicht alle Probleme im Zusammenhang mit Handykonsum und Mediennutzung. Aber es bietet Orientierung. Und hat uns Eltern sensibilisiert. Plötzlich sahen wir uns mit der Mutter aller Fragen konfrontiert: Wie halten wir es selbst mit dem Handykonsum?

Erwachsene verhalten sich wie Süchtige

Unfassbare 88 Mal schalten wir pro Tag unser Handy ein. 35 Mal, um auf die Uhr zu schauen, oder zu prüfen, ob wir eine Nachricht erhalten haben; 53 Mal, um zu surfen, zu chatten oder eine App zu nutzen. Diese Zahlen haben Forscher der Universität Bonn ermittelt, indem sie das Verhalten von Hunderttausenden Smartphone-Nutzern untersucht haben. Wenn wir davon ausgehen, dass wir durchschnittlich acht Stunden schlafen, in dieser Zeit also inaktiv sind, blicken wir durchschnittlich alle 11 Minuten auf unser Smartphone.

Alle 11 Minuten!

Das Smartphone ist gekommen, um zu bleiben. Es hat sich in unserem Leben breit gemacht. Kein noch so intensives Gespräch unter Freunden, kein Besuch beim Italiener, kein Konzert, kein Sonnenuntergang, der ohne einen Blick aufs Smartphone auskommt. Keine andere Erfindung des 21. Jahrhunderts beeinflusst unser Denken und Handeln so stark wie das Smartphone.

Alle 11 Minuten!

Am Morgen tasten wir im Halbschlaf wie Süchtige nach unserem Smartphone. Schalten es ein, bevor wir unseren Partner geküsst, unsere Kinder umarmt haben. Einmal aus dem Haus, wischen wir wie ferngesteuert auf unseren Telefonen herum. Selbst im Gehen. Hand aufs Herz: Wie oft sehen Sie noch Menschen im Bus, in der Bahn, im Café eine Zeitung, ein Buch lesen? Mein Gefühl sagt mir: Vor zehn Jahren war das Verhältnis ausgeglichen. Heute stelle ich ernüchtert fest: die Bildschirme haben gewonnen.

Alle 11 Minuten!

«Medienkonsum ist angenehm, aber auf Dauer nicht befriedigend, weil wir nichts leisten.»

Lutz Jäncke, Neurobiologe

Selbstdisziplin trainieren

Die Folgen dieser ständigen Verfügbarkeit, diesem permanenten Wechsel zwischen on und off sind inzwischen gut erforscht. Unser Kopf springt bei jeder Unterbrechung zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und her. Was dazu führt, dass wir weniger effektiv sind und schneller ermüden. Neurobiologe Lutz Jäncke beschreibt im Dossier «Generation Smartphone» in der Oktober-Ausgabe des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi den Zustand, den das Gehirn beim Herumsurfen oder Seriengucken einnimmt, so: «Wir halten ein gutes Mass an Spannung. Gleichzeitig wird unser Lustzentrum aktiviert und unangenehme Gefühle werden heruntergefahren. Wir konsumieren, ohne dass wir bewusst und kontrolliert arbeiten. Das ist angenehm, aber auf Dauer nicht befriedigend, weil wir nichts leisten.» Für Jäncke ist das einer der Gründe, warum wir uns oft leer und unglücklich fühlen, wenn wir uns vom Medienkonsum treiben lassen.

Wie aber kommt man weg vom planlosen Rumdaddeln auf digitalen Endgeräten? Die Antwort lautet: Selbstdisziplin trainieren, Bildschirmpräsenz reduzieren und das Sehnen nach dem Gerät beruhigen. Lutz Jäncke rät zur Selbstbeobachtung mittels Medientagebuch und zur Selbstkontrolle mit Hilfe einer Überprüfungs-App mit Timer und Filter. Mit dem Ziel, dass man wieder selbst die Verantwortung für seine Nutzung übernimmt. Sein Smartphone so in den Alltag integriert, ohne von ihm beherrscht zu werden.

Im nächsten Teil des Papablogs gibts nützliche Tipps, wie Eltern ihre Kinder beim gesunden Umgang mit Handy, Tablet und Co. unterstützen können.

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ZVG

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi ist das meistgelesene Elternmagazin der Schweiz. Es wird seit 2001 von der gemeinnützigen Stiftung Elternsein herausgegeben. Das Magazin erscheint zehn Mal im Jahr. Die aktuelle Ausgabe (Nummer 10 vom Oktober 2019) beschäftigt sich mit dem Thema Generation Smartphone

Auf www.fritzundfraenzi.ch sind auch frühere Dossiers einsehbar. Unter anderem zu den Themen Trennung, Vereinbarkeit oder Hausaufgaben.

Von Nik Niethammer am 03.10.2019
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