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What have I done?!

Lanz braucht eine Veränderung – und am besten geht das mit einem Gang zum Coiffeur. Da dieser aber tausende von Kilometern entfernt ist, wage ich mich zum Thai-Figaro. Eine schlechte Idee!

Die Ferien sind vorbei, meine Freunde sind zurück in der Schweiz und ich bin wieder zu Hause – in Bangkok. Wie immer bei Veränderungen in meinem Umfeld suche ich nach dem persönlichen Ausgleich in Form einer weiteren Neuerung. Und wie fast immer – bin ja eine Frau – schlägt sich das im Wunsch nach einer neuen Frisur nieder. Seit ich 16 bin trage ich meine Haare kurz, man könnte sagen, ich bin der Typ dazu. Bis jetzt. Am Strand konnte ich meine «langen» Fäden schon hinter die Ohren klemmen und so meine saublöden Halblocken einigermassen bändigen. Und das erste Mal seit Ewigkeiten entwickelte ich so etwas wie Freude an wachsendem Haar. Bis jetzt.

Ein Artist für Lanz
Am Samstag, kurz nachdem mich meine Freundin verlassen hat, entscheide ich mich, eine weitere Erfahrung in meiner Stadt zu machen. Ein Besuch beim Friseur. Kurzerhand verdränge ich all die bösen Märchen, in denen Touristinnen falsch verstanden werden und am Ende heulend aus dem Salon rennen. Mein schneller Entscheid wird sogar noch unterstützt, denn: Hier in Bangkok braucht’s keine Termine für den Haarschnitt. In jedem Shopping-Center reiht sich Coiffeur an Coiffeur und sie alle sind immer irgendwie frei. Ich gehe also in den ersten, der mich anspricht und finde die Preistabelle für einen Schnitt:

Designer: 2500 Baht
Artist: 1000 Baht
Other: 500 – 700 Baht

Aha. Am Empfang erklärt man mir höflich, was es mit diesen verschiedenen Bezeichnungen auf sich hat. Der Designer ist der Profi, der schon lange arbeitet und weiss, was er tut. Der Artist ist auch lange dabei und weiss, was er tut und Others wissen ebenfalls, was sie tun. Ok. Lek, ein netter junger Mann findet, der Artist wäre gut für mich, er sei Artist und er hätte Zeit. Da er wirklich nett aussieht und freundlich lächelt, schenke ich ihm mein Vertrauen und finde mich Sekunden später liegend beim Haarewaschen. Ja, liebe Schweizer Coiffeure, so sollte das immer sein. Entspannt lässt sich der Gast die Haare kraulen, erhält eine Kalt-Warm-Dusche und eine ausgiebige Kopfmassage. Eigentlich wäre ich jetzt schon zufrieden und könnte wieder gehen, denke ich mir. Aber ich ziehe es durch. Ich sage Lek, dass ich die Haare gerne lang behalten möchte, einfach wieder etwas Struktur drin und im Nacken dürfe es auch etwas kürzer sein. Er lächelt und nimmt das Messer. Ich lächle zurück.

Ich bin Liza Minelli
Dann geht es schnell, viel zu schnell, Lek schwingt das Messer und schert mich im wahrsten Sinne des Wortes. Weg sind all die Monate, in denen die Haare weder Fisch noch Vogel sind, all die Wochen, in denen ich mir den Gang zum Coiffeur verboten habe. Alles ist weg. Und nach 10 Minuten ist auch Lek weg. Er holt den Föhn, macht weitere 5 Minuten an meinen Haaren rum und strahlt mich an: «Finished!» Die Frau, die mich aus dem Spiegel ansieht, erinnert mich irgendwie an Liza Minelli, ja, ich bin Liza Minelli! Mit Koteletten und toupierten Haar sitze ich im Stuhl und quäle mir ein Lächeln ab. Ich will sagen: «Thank you». Stattdessen sagt es aus mir heraus: «What have I done?!» Ich fühle mich auch nicht besser, als Lek mir Komplimente für mein fülliges Haar macht, mir sagt, wie toll jetzt meine Naturwelle zur Geltung kommt und dass seinesgleichen ja alles geben würde, eine derartige Mähne zu haben. Doch da sind sie wieder, all die Geschichten über die heulenden Touristinnen. Ich bin aber keine, sage ich mir. Reiss dich zusammen! Und das tue ich. Gemeinsam mit Lek rette ich, was zu retten ist, lächle und gehe auf direktem Weg nach Hause. Zu meinem Streckeisen. Mit ihm verbringe ich seither viel Zeit, denn ich bin mir sicher: Wenn ich nur lange genug strecke, wird aus dem Mob auf dem Kopf irgendwann eine Frisur. Vielleicht nicht heute und auch nicht nächste Woche, aber vielleicht dann, wenn mein Deckhaar wieder länger als 1 Zentimeter ist......

Ps 1: Sorry, Alex (mein Coiffeur in Zürich), du wirst mich auf ewig hassen, ich weiss. Aber glaub mir, ich hasse mich noch viel mehr dafür, dich so dreist betrogen zu haben. Mit einem Thai!

Ps 2: Hab heute noch einen Zahnarzttermin gemacht. Schlimmer kann’s ja nicht mehr kommen – und wenn doch, dann sieht man’s wenigstens nicht grad.