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Genau, Gülsha!

Das Leben ist seltsam. Autorin und Moderatorin Gülsha Adilji über die Kuriositäten dieser Welt.

Gruppensex, Verrat und Betrug

SI online darf Gülsha Adilji zu seinen neuen Bloggerinnen zählen. Die Moderatorin und Autorin schreibt jeweils Mitte Monat, was sie gerade beschäftigt, wütend macht oder ihr Herz erwärmt. Heute verrät Gülsha, warum sie auf die starken Emotionen ihrer Freundin neidisch war.

Gruppensex, Verrat und Betrug. Eine Mischung aus Porno und dem tauben Gefühl von Hass und Aversion in der Brustbein Gegend – darum geht es heute. Freuen Sie sich, es ist eine spanische Telenovela in ihrer reinsten Form, die meinen Vorsatz für das Jahr 2018 geformt hat.

Letztes Jahr startete mein Jahr völlig abgefahren: Ich war sehr intensiv damit beschäftigt, den Rotz und beissenden Geruch von Trauer und Wut meiner Freundin zu verwalten. Ihr Freund hatte sie betrogen: Er gruppensexte sich mit gemeinsamen Freunden ins neue Jahr. (Willkommen in meiner Welt, wo Freundinnen Gangbang-Betrug verarbeiten dürfen.) Normalerweise treffen sie sich zu glutenfreiem Brunch oder Naturwein, aber irgendwie war aus Bleigiessen und von zehn Runterzählen eine Szene aus Eyes Wide Shut geworden.

Sie war nicht dabei und anders als die Millenials von heute fährt sie nicht die Polyamorie-Schiene, sondern war in gegenseitigem Einverständnis seit vier Jahren in einer monogamen Beziehung. Deshalb wohnte sie also letztes Jahr ab Silvester bei mir, zumindest das, was von ihr übrig geblieben war: Trauer und Wut. Von aussen betrachtet hatte diese Form von Traurigkeit auch etwas Urschönes und unantastbar Reines. Wenn man ihr so zusah, wie sie ihre Meinung zu der Situation alle vier Minuten änderte, stundenlang WhatsApp-Nachrichten verfasste und wie sie von Sirenen übertönendem Weinen in Lachanfälle wechselte, war es, als ob die Energie des Universums sich in ihr konzentrierte.

Irgendwie war ich neidisch auf sie. Vielleicht nicht auf ihr hassverzerrtes und verquollenes Gesicht, aber auf dieses Zerfliessen mit einer so starken Emotion, die einem komplett durch den Tag trägt.

Nie habe ich sie furchtloser und unzweideutiger erlebt als in dieser Zeit

Obwohl betrogen zu werden tonnenschwer auf den Schultern liegt, scheint man dennoch surrend durch den Tag zu gleiten. Alles ist spannend, man ist ständig beschäftigt mit irgendwelchen einnehmenden Gefühlen, Alkohol-Exzessen oder Flüchen, die man ins Telefon kreischt. Nie habe ich sie furchtloser und unzweideutiger erlebt als in dieser Zeit. Zugegeben, ich habe sie auch nie so manisch und ungepflegt gesehen, aber das war ja schliesslich meine Aufgabe: für einigermassen Hygiene und Vernunft sorgen, wenn sie z.B mitten in der Nacht betrunken zu ihm zurück wollte.

Natürlich macht schmerzhafte und scheinbar unüberwindbare Traurigkeit keinen Spass, dennoch freute ich mich irgendwie auf meinen nächsten ganz persönlichen Weltuntergang. Nicht nur, dass es manchmal wirklich schön ist zu leiden, man merkt in solchen Situationen auch wieder, was für grandiose Freunde man hat. Freunde, die sich 48'000 mal die ganze Geschichte anhören, ungefragt ein Uber bestellen, wenn sie im Ausgang merken, dass der nächste Heulkrampf im Anmarsch ist, und Ausflüge aus der Stadt organisieren, um wieder mal das Gefühl von Durchatmen zu ermöglichen.

Mein Vorsatz für 2018 lautet deshalb: «Allfällige Dramen von 2018, die extreme Traurigkeit auslösen, versuchen zu geniessen.» Weil mit dem Rauchen aufhören ist so 2015.

Gülsha Blog Symbolbild Rauchen aufhören
© Getty Images

Moderatorin und Bloggerin Gülsha Adilji findet den Vorsatz «Mit dem Rauchen aufhören» nicht mehr zeitgemäss.