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Genau, Gülsha!

Frauen lästern, Männer kritisieren

Bloggerin Gülsha Adilji wollte eigentlich nur ihre Meinung kundtun. Dass ihr dann die sexistische Kackscheisse wie aus einem Düng-Traktor um die Ohren fliegen würde, hatte sie so nicht erwartet.

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Hat ihn nicht jede Frau in ihrem Leben? Diesen einen ewig kritisierenden Michael? 

Getty Images/fStop

Ich weinte in mein Telefon. Sehr viel Wut war der Auslöser für die Tränen. Und Einsamkeit. Wenn ein Shitstorm über mich bricht, fühle ich mich immer alleine. Aber das darf man ja nicht zugeben. Die Unantastbare muss man mimen. Man ist ja selber schuld, dass man was gesagt hat, dann muss man halt auch mit den Konsequenzen umgehen können.

All die niederträchtigen Nachrichten und die Michis muss man stoisch aushalten. Es ging um den Podcast «Quotenmänner». Auf Instagram schrieb ich: «Ich verstehe wirklich nicht, weshalb die Menschheit einen weiteren rein männlichen Podcast benötigt!» Lustig, haha. «Quotenmänner» ist ein lustiger Name für einen rein männlichen Satire-Podcast.

Wenn eine Frau Kritik übt, kann sie nicht sachlich sein

Und natürlich passierte nach meiner ironischen Auseinandersetzung auf Instagram genau das, was passiert, wenn man auf irgendeine Weise auf strukturellen Sexismus hinweist: Sexistische Kackscheisse übergoss sich über mich. Jemand öffnete irgendwo eine kosmische Sexismus-Luke und «splash»: Die – meist – Männer überschlugen sich förmlich in meinen DMs mit Anfeindungen.

Angefangen bei einem der drei Podcast-Protagonisten, der hinter meiner Kritik Neid vermutete. Was sonst? Wenn eine Frau Kritik übt, dann kann nichts Sachliches oder Subversives dahinter stecken, spinnsch. Es wird ein Ausbruch der Gefühlswelt dahinter vermutet, also rein emotional, isch ja klar.

«Ich bin sehr lustig»

Ein Michi schrieb auf seinem Instagram Account: „Hallo Guelsha, deine Bewerbung gerne an ichwillaucheinenpodcast@srf.tv. Viel Glück und Liebe. Grüsse, Michael.“ Danach kommentierte er weiter, dass ich leider kein Gast sein könne in seinem Podcast, es sei ja Comedy. Damit impliziert er, dass ich nicht lustig bin.

Natürlich bin ich nicht lustig, ich bin ja eine Frau! (F*ck all the Michis out there: Ich bin sehr sehr lustig.) Auch der «Blick» kramte in der Rhetorikkiste der 50er und so titelten sie «Gülsha lästert über Büssis Podcast». Ich verdrehe aktuell die Augen so sehr, dass man nur noch das Weisse sieht. Für die nächsten drei Jahre.

Männer prangern an — Frauen lästern

Genau wie Michi warf sich auch der «Blick» kopflos in die Sexismus-Falle: Männer prangern an, machen Satire – Frauen lästern, sind neidisch oder haben grad irgendwas mit Schmierblutungen. Jeder darf doch einen Podcast machen, wenn er will, und ich müsse ihn ja nicht hören, wenn ich nicht wolle und ICH könne ja auch einen Podcast machen.

Na klar! Ich möchte weder jemandem seinen Podcast wegnehmen, noch möchte ich, gottbewahre, einen eigenen Podcast. Darum geht es nicht. Ich möchte gerne aufräumen mit Sexismus-Bullshit, der sich subtil und fast unbemerkt in unsere Köpfe schleicht und weiterhin an Klischee-Skulpturen arbeitet, als wäre es nie 1968 gewesen.

Wir brauchen alle. Auch Dich, Michael

Weshalb man so wenige Frauen in der Comedy findet oder in solchen Podcasts, wo man einfach biz Gugus lieret, hat Michi eigentlich perfekt erklärt: Wenn Männer-Runden spitzzüngig über aktuelle Themen sprechen, ist es Satire bzw. Comedy. Bei Frauen-Runden handelt es sich um neidisches Geläster.

UND DAS MÜSSEN WIR ÄNDERN UND AUS DEN KÖPFEN LÖSCHEN. Das SRF, genau wie junge weisse privilegierte Männer, haben eine Verantwortung, der sie sich bewusst sein müssen. Weil für das Ausmerzen von veralteten Strukturen und Denkmustern, wie zum Beispiel, dass Frauen nur tratschen und nicht funny sind, braucht es wirklich alle. Auch Dich, Michael.

am 19.11.2019
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