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Joëlle schaut fern

Grosser Liebeskummer bei «The Voice Kids»

Vielleicht war unsere TV-Kolumnistin Joëlle Weil etwas spätreif. Aber vor dem Erreichen der Volljährigkeit hätte sie nicht glaubwürdig über die grosse Liebe singen können. Bei «The Voice Kids» sieht man das wohl etwas anders.

the voice kids
Der kleine Thapelo. Aber um Ed Sheeran glaubwürdig singen zu können, müsste man dann doch mindestens volljährig sein, nicht?! Screenshot Sat.1

So viel Drama in den Kinderschuhen

Ich bin ja tatsächlich «The Voice»-Fan der ersten Stunde. Nach einem jahrelangen Overload an Casting-Shows war dies genau das Sendeformat, das mein TV-Herz gebraucht hat. Da hatte man doch wieder das Gefühl, dass es um Musik ging, nicht?! Dasselbe Format für jüngere Kandidaten, «The Voice Kids», ging am Sonntagabend auf Sat.1 nach der siebten Staffel ins Finale. Ich musste reinschauen und –hören.

Kinderstimmen berühren die Seele meist auf einer anderen Ebene, das kann jeder bestätigen, der sich schon einmal einen richtig guten Kinderchor angehört hat. Bei «The Voice Kids» ist das etwas anders. In der aktuellen Staffel durften Kids im Alter von acht bis 15 Jahren mitmachen. Und da war ich schon etwas irritiert, als ich all die Minderjährigen habe Liebeslieder trällern hören. 

Man kann ja über alles singen

Man muss fairerweise vorausschicken: Diese Kleinen haben wirklich Talent. Aber wenn ein Halbwüchsiger Ed Sheeran singt und dabei betroffen die Augen schliesst, da frag ich mich doch schon «Was weisst du denn schon vom Leben?». Da stehen diese kleinen Menschen auf der Bühne und singen von den grossen Gefühlen, von der grossen Liebe, vom grossen Liebeskummer, vom Sinn des Lebens... «Nothing compares to you» - «Nichts kann mit dir verglichen werden»... Schatz... Was kannst du denn vergleichen oder eben nicht?  

Das soll jetzt bitte nicht altklug rüberkommen. Aber das wäre doch damit zu vergleichen, wenn ich eine Ballade über Pensionierung und Wechseljahre singen würde. Das kann ich in meinem Alter doch gar nicht verstehen. Und es ist ja nicht so, als gäbe es nicht genügend Lieder auf dieser weiten grossen Welt. Es wurde schon über alles geschrieben. Alles! Und auch Kinder haben bereits über alles gesungen. Warum man sich in diesem TV-Format nicht konsequent auf kindergerechtere Lyrics konzentrieren kann, verstehe ich nicht ganz. 

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Die kleinen Finalisten warten gespannt auf die Verkündung des Gewinners. Die beiden händchenhaltenden Mädchen, Mimi und Josefin, gingen als Siegerinnen hervor. Screenshot Sat.1

Alles, was ich nicht war

Songtexte hin oder her: Talent haben die Kleinen allemal. Natürlich verlangt man bei so jungen Teilnehmern nicht dieselbe Professionalität oder denselben Perfektionismus wie bei den Grossen, aber den Hut ziehen kann man da schon mal. Besonders als die Kandidatinnen Mimi und Josefin auf die Bühne kamen und sich selbst auf dem Klavier begleiteten, erinnerte ich mich an meine junge Musikkarriere zurück: Ich hätte Violine lernen sollen. Ich hätte während drei Jahren Violine lernen sollen. Für mehr als «The drunken Sailor» hats auch nach der ganzen Zeit nicht gereicht. Mit dem Manko an Disziplin und Talent lauschte ich den Mädchen und war ganz schön baff.

In einem Punkt muss ich den Produzenten meinen Dank aussprechen, nämlich in Punkto Bühnenkostüme. Wir kennen es von anderen Ländern, in denen Kinderkandidaten fast genauso chic wie die Grossen gemacht werden. Das war gar nicht der Fall. Alle sahen sie wie Kinder aus, unverkleidet, bequem, kindergerecht. Das ist nicht selbstverständlich. 

Mimi und Josefin haben die Staffel übrigens gewonnen. Und ich überlege mir so mitten in der Nacht, ob es für einen dritten Violinen-Anlauf für mich wohl zu spät ist...

Von Joëlle Weil am 22. April 2019