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Joëlle schaut fern

Joëlle Weil bloggt über die TV-Sendung der Woche.

Ein bisschen Callboy und eine Prise Sadomaso

Neu schreibt Joëlle Weil auf SI online jede Woche zu TV-Ereignissen. Heute über «Liebesleben» auf SRF1. Die zweite Staffel mit Eva Nidecker startete mit dem Thema «käufliche Liebe». Beim Versuch, ein gesellschaftlichen Tabu zu brechen, trieb es das Format jedoch etwas auf die Spitze, findet unsere TV-Bloggerin.
Liebesleben SRF
© Printscreen SRF

Callboy Juan mit seiner Stammkundin Yvonne: Ihm würde unsere TV-Bloggerin Joëlle Weil ihre Schlüssel auch anvertrauen.

«Was hast du so am Donnerstagabend gemacht?» - «Ich hab Peter zugehört, wie er erzählte, dass er sich gern die Hoden von Lady Viktoria abschnüren lässt.» Machen Sie gerade grosse Augen? Da sind Sie nicht allein. Auch Moderatorin Eva Nidecker, 38, konnte sich eine mimische Reaktion auf diese Aussage nicht verkneifen.

Am Donnerstag startete eine neue Staffel «Liebesleben». Die fuhr gleich mit dem Thema «käufliche Liebe» ins Haus und ich war ready for Trash. Bisschen Zürcher-Langstrassen-Hinterzimmer-Ambiance wollte ich. RTL2-Stimmung auf SRF. Aber nein: Ein bisschen Callboy, eine Prise Sadomaso und ein Schuss Sexualbegleiterin waren die Zutaten für den Kuchen, der so ganz anders schmeckte, als erwartet. «War das nett!» dachte ich nach der Sendung. «So viele nette Menschen!» Ja, die Schweiz bleibt auch bei ganz schmutzigen Themen ganz fest herzig.

Eva Nidecker Homestory zu Liebesleben
© Amanda Nikolic

«Ich musste keine Sekunde überlegen, als ich vom Sender angefragt wurde, auch die zweite Staffel zu moderieren», sagte Eva Nidecker im Vorfeld.

Ihm würde ich meine Schlüssel anvertrauen

Erster Protagonist der Folge: Callboy Juan, 40, der zusammen mit seiner maskierten Stammkundin Yvonne, 49, erzählte, wie gerne er Frauen auf Händen trägt, verführt, Berührungen gibt und diese auch erhält. «Ist der nett», denke ich mir. Sowas Nettes, dieser Mann, der für Geld Frauen befriedigt. So sensibel, einfühlsam... Ein reizender junger Mann. Wäre das mein Nachbar, würde ich ohne auch nur mit der Wimper zu zucken ihm meine Schlüssel anvertrauen. Der dürfte meine Pflanzen giessen. So ein Netter.

In St. Gallen erzählten dann Beni, 88, und seine Sexualbegleiterin beziehungsweise Berührerin Andrea, 47, wie sie ihm für Geld die Zärtlichkeit schenkt, die er seit der Erkrankung und dem schliesslichen Tod seiner Frau so vermisse. Flirten, kuscheln, berühren... Die beiden hielten sich an den Händen, als sie erzählten. Andrea führte ihren Beruf aus und erklärte, dass sie nicht nur mit älteren, sondern auch mit beeinträchtigten Menschen arbeitet. Die fand ich richtig gut, diese Andrea. Das muss ein netter Mensch sein. So sensibel wie sie erzählt, so lieb wie sie schaut. Mir ist selbst zu Kuscheln zumute.

Liebesleben SRF
© Printscreen SRF

Flirten, kuscheln, berühren: Beni und seine Sexualbegleiterin beziehungsweise Berührerin Andrea.

Gekaufter Sex ist ja sowas Tolles und Liebes

Die Schmuse-Stimmung versaut haben mir dann Lady Viktoria, 30, und ihr Kunde in der Latexmaske, der Peter, 71. Beide erzählten im Sadomaso-Keller von ihrem Fetisch und ich denke mir nach einer Weile: «Ach das klingt doch ganz vernünftig, dieses Hauen, Kneifen, Abschnüren.» Und ich fand diese Domina so sympathisch und auch sie so menschlich. Muss das eine nette, junge Frau sein, denke ich mir.

Liebesleben SRF
© Printscreen SRF

Lady Viktoria und ihr Kunde in der Latexmaske.

Nach 45 Minuten «Tabu-Brechen» im Schweizer Fernsehen bin ich total bekehrt: Gekaufter Sex ist ja sowas Tolles und Liebes. Und die Menschen, die ihn verkaufen sind ja auch so toll und lieb. Die möchte man irgendwie alle zum nächsten Fondue-Plausch mit der Familie einladen. «Darf ich euch vorstellen: Das ist Viktoria. Sie schnürt für Geld Peter die Hoden ab.» - «Freutmi Viktoria. Ich arbeite als Sachbearbeiter bei einer Garage.» Man muss sich einfach diesen Tabu-Themen stellen und sich ihnen öffnen. Dann dünken sie uns auch nicht mehr so merkwürdig.

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