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Grüezi Romandie

Michel Jeanneret: «Ihr werdet uns fehlen»

Vom 18. bis zum 24. Juli ist das Redaktionsteam der «Schweizer Illustrierten» in Lausanne zu Gast. Anlässlich des Volkfests Fête des Vignerons produzieren wir ein Heft ganz aus der Westschweiz. SI-online-Redaktorin Sarah Huber schreibt täglich über die Zeit im etwas anderen Büro. Zum Abschluss gibts ein Interview mit Michel Jeanneret, Chefredaktor der «L'illustré».

SI in der Westschweiz Blog Grüezi Romandie Tag 5

Seit neun Jahren ist Michel Jeanneret Chefredaktor der «L'illustré».

Darrin Vanselow
Sarah Huber
Sarah Huber

Online-Redaktorin

Abschiede sind nie schön. So fällt es mir auch heute Mittwoch schwer, dem wunderschönen Lausanne Adieu zu sagen. Zum Abschluss der Blog-Reihe «Grüezi Romandie» zieht Michel Jeanneret, Chefredaktor der «L'illustré», Bilanz der Westschweiz-Woche.

Michel Jeanneret, die «L’illustré» ist quasi das welsche Schwesternmagazin der «Schweizer Illustrierten». Was haben die zwei Publikumszeitschriften gemeinsam?
Wir legen beide viel Wert auf die Bilder. Für mich haben unsere Publikumszeitschriften die gleiche DNA. Sie setzt sich zusammen aus Bildern, Persönlichkeiten und Nähe. Mit letzterem meine ich sowohl die geografische als auch emotionale Nähe zu unseren Lesern. Die «L'illustré» wie auch die «Schweizer Illustrierte» sind volksnahe Zeitschriften und für ein breites Publikum gedacht. Wir nutzen die Emotionen unserer Protagonisten, um unsere Geschichten zu erzählen. Gefühle sind das, was allen Menschen gemeinsam ist, und aus diesem Grund wecken unsere Geschichten das Interesse der Leser.

Du sagst, wir haben die gleiche DNA. In welchen Bereichen ist die «L’illustré» dennoch anders als die «Schweizer Illustrierte»?
Was das Umfeld betrifft, gibt es zwei grosse Unterschiede: Erstens, die Prominenten, über die berichtet wird. Die meisten Persönlichkeiten finden nicht in beiden Publikumszeitschriften statt. Es gibt Stars, die nur in der Deutschschweiz berühmt sind, und andere, die nur die Romandie bewegen. Eine Ausnahme bilden Sportler und sehr bekannte Politiker. Der zweite Unterschied ist die Konkurrenz: Wir sind in unterschiedlichen Marktumfeldern positioniert. Die «Schweizer Illustrierte» hat mit dem «Sonntagsblick», der «Schweizer Familie» oder auch der «Glückspost» viel mehr Mitstreiter. «L'illustré» hingegen ist leider fast alleine. Wir sind die letzte grosse Publikumszeitschrift der Romandie. Ich sage leider, weil man immer besser ist mit Konkurrenz.

Was ist für dich das Herzstück der «Schweizer Illustrierten»?
Die Bilder generell. Ich bin oft neidisch auf die tollen Visualisierungen. Die Umsetzung ist immer perfekt in diesem Stil. Professionalismus pur!

SI in der Westschweiz Blog Grüezi Romandie Tag 3

Hatten diese Woche viel zu besprechen: Michel Jeanneret, Chefredaktor der «L'illustré» (2.v.r.), mit den SI-Co-Chefs Stefan Regez und Werner De Schepper (v. l.) sowie Nina Siegrist, stellvertretende Chefredaktorin der SI.

Niels Ackermann

Diese Woche sind die beiden Redaktionen sich nähergekommen. Wo siehst du Potenzial, um in Zukunft mehr zusammenzuarbeiten?
Bei den grossen Interviews und bei den internationalen People-Geschichten. Dort können wir voneinander profitieren. Mein Traum wäre es, wenn die Öffentlichkeit uns als eine schweizerische Zeitschrift wahrnehmen würde. Wenn wir gemeinsam publizieren, erreichen wir im Print 800 000 Leser die Woche. Mit dieser Reichweite könnten wir noch mehr Top-Interviews holen. Während Tages- oder auch Sonntagszeitungen vergänglich sind und einen Tag später ins Altpapier wandern, liegen unsere Publikumszeitschriften wochen- oder sogar monatelang auf. Es bietet sich jetzt an, die Kräfte zu bündeln, weil wir eine historische Chance haben: Die Chefredaktoren der «L'illustré» und der «Schweizer Illustrierten» verstehen und respektieren sich gegenseitig wie noch nie zuvor. Lasst uns diese Karte spielen und Top-Interviews mit Greta Thunberg, Claude Béglé und vielen weiteren machen.

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Verstehen sich blendend: Michel Jeanneret, Chefredaktor der «L'illustré», und SI-Co-Chef Werner De Schepper (r.).

SI online

Wir haben eine Woche bei euch auf der Redaktion genistet. Was hast du für einen Eindruck von den SI-Journalisten? Wie ticken wir?
Gar nicht anders als die welschen Journalisten. Wir sind beide ehrliche und professionelle Leute. Für mich besteht zwischen einem Berner und einem Genfer kein grösserer Unterschied als zwischen einem Zürcher und einem Basler. Sowohl euch Deutschschweizer als auch uns Romands erlebe ich als bescheidene Menschen. Es gibt keine Besserwisser unter uns – wir sind beide offen für die Kritik. Bescheidene Menschen sind die besten Journalisten, Textchefs, Grafiker und Bildredaktoren. Denn sie alle verbessern die Zeitschrift Tag für Tag.

«Weil wir wöchentlich publizieren, können wir uns die Zeit nehmen, eine Nacht darüber zu schlafen und morgen mit einer besseren Idee aufzustehen»

Diese Woche konntest du uns beim Arbeiten beobachten. Gibt es wesentliche Unterschiede im Produktionsprozess?
Nein, wir arbeiten sehr ähnlich. Die Abläufe sind für mich die gleichen. Es ist die harte Bild-Text-Arbeit an einer Geschichte. Verschiedene Perspektiven fliessen ein, alles wird abgewogen. Bis ein Artikel fertig ist, gibt ein hin- und her. Weil wir wöchentlich publizieren, können wir uns die Zeit nehmen, eine Nacht darüber zu schlafen und morgen mit einer besseren Idee aufzustehen.

Was ziehst du für eine Bilanz nach dieser Westschweiz-Woche der SI?
Ihr werdet uns fehlen! Wir hatten während einer Woche den Eindruck, eine grosse Redaktion zu sein. 15 Leute mehr, das bringt Leben in ein Büro. Wir haben gegenseitig die Seitenpläne angeschaut, Bemerkungen dazu gemacht und uns gegenseitig Ideen gebracht. Kurzum: Wir haben einander angeregt, unseren Publikumszeitschriften Impulse verliehen. Ich bin überzeugt, wir haben beide diese Woche eine bessere Zeitschrift gemacht, als wenn wir nicht im selben Raum gesessen hätten.

Alle Blog-Beiträge von «Grüezi Romandie» findet ihr hier. Im Dossier «Bienvenue chez les Welsches» gibts die Artikel aus der Romandie.

Von Sarah Huber am 24.07.2019