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Ein Corona-Krimi im Kleinkunst-Milieu, Folge 4

Hinter der Bühne

Der 55-jährige Schriftstellern, Publizist und Familienvater Pedro Lenz schreibt in der «Schweizer Illustrierten» monatlich «Gschichte vo hie und hütt».

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Jonas Messmer / format.ch

Eddy, der hinter dem Mischpult der illegalen Comedy-Show beiwohnte, erkannte Salerno auf den ersten Blick. Trotz der Gesichtsmaske waren die tiefblauen Augen des Italieners unverkennbar. Seit sie zusammen dubiose Geschäfte getätigt hatten, waren viele Jahre vergangen. Doch diese Augen, diese hellen und kalten Augen, die hatte Eddy nicht vergessen. Als er Eddys Schrecken erkannte, fuhr ein kaltes Lächeln über Salernos Gesicht. Er legte einen Zeigfinger an die Maske und flüsterte dem Nationalrat einen einzigen Satz ins Ohr: «Dafflon wird seinen Teil der Schuld bald beglichen haben, aber für dich wird es komplizierter, mein Freund.» Er legte Eddy fast freundschaftlich einen Arm um die Schulter, drückte ihn fest an sich und flüsterte noch: «Du hörst bald von mir!» Danach kehrte der Gangster lautlos in den Zuschauerbereich zurück, und von dort nahm er eine Seitentür ins Freie. Niemand ausser Eddy und Dafflon hatte ihn wahrgenommen.

Seit den ersten illegalen Aufführungen im Theater Aarelauf waren nun drei Wochen vergangen. Dafflon hatte seinen Betrieb perfekt organisiert, und der Zulauf zu seinen Comedy-Shows war ungebrochen gut. Zwar war den Behörden da und dort etwas über den illegalen Betrieb zu Ohren gekommen. Da sich aber niemand die Mühe gemacht hatte, den Gerüchten ernsthaft nachzugehen, füllte sich der kleine Saal weiterhin an jedem Abend zu einer Früh- und einer Spätvorstellung.

Seine Schuld bei Salerno hatte Dafflon pünktlich beglichen. Er war also den existenziellen Druck losgeworden, und tatsächlich hatte ihn Salerno seither in Ruhe gelassen. Nachdem Dafflon den Koffer mit den 54'000 Franken im vereinbarten Schliessfach deponiert und den Schliessfachschlüssel wie geheissen in einer Pizzeria in der Altstadt hinterlegt hatte, war Salerno nicht mehr mit ihm in Kontakt getreten, sodass er annehmen durfte, alles sei erledigt. Dennoch wollte er seine neue Geldquelle, jetzt, da sie so fröhlich sprudelte, weiter nutzen. Was ihn zurzeit beunruhigte, war die Tatsache, dass der Bundesrat angekündigt hatte, am 26. April allenfalls erste Lockerungen des Corona-Lockdown bekannt zu geben. Falls das bedeutete, dass die Kleintheater ihre Pforten wieder legal öffnen konnten, war es mit der Exklusivität seines Angebots vorbei.

Seine diesbezüglichen Sorgen konnte auch Eddy, den er diesmal zu einem Treffen im botanischen Garten überredet hatte, nicht vertreiben. «Hör zu, Dafflon, die Corona-Krise macht die Leute müde. Viele Familien sind es leid, ihre Kinder nicht mehr in fremde Betreuung geben zu können. Viele Gewerbetreibende haben die Nase voll davon, tatenlos zuzusehen, wie ausgerechnet ihr Gewerbe unter dem Lockdown leidet. Erste Parteien beginnen gegen die Bestimmungen des Bundesrates Druck zu machen. Gleichzeitig macht sich eine gewisse Sorglosigkeit breit. Die schlimmsten Szenarien haben sich nicht bewahrheitet. Die Spitäler in der Schweiz haben noch genügend Kapazitäten, um Kranke aufzunehmen. Es wird täglich schwieriger, die Bevölkerung vom Nutzen des Lockdown zu überzeugen. Kurz gesagt: Geh davon aus, dass dein Geschäftsmodell bald an ein Ende kommt!» – «Weisst du mehr, als du sagen willst, Eddy?»

Der Nationalrat schüttelte stumm den Kopf und setzte sich in den Rasen. Wie bei ihrem Treffen vor ein paar Wochen auf der Münsterplattform trug er einen Trainingsanzug, als wolle er nach dem Treffen noch eine Runde joggen gehen.

Dafflon zögerte, sich ebenfalls in den Rasen zu setzen. Er kauerte nieder, und seine Stimme wurde leise, als er Eddy fragte, ob es Neuigkeiten von Salerno gebe. Der Nationalrat schaute sich nervös um, als wollte er sichergehen, dass niemand in der Nähe war, der ihnen zuhören könnte. «Es ist eigenartig!», sagte Eddy «Er hat mich an jenem Abend in deinem Theater bedroht. Aber seither habe ich nichts mehr von ihm gehört.» – «Dann kannst du ja beruhigt sein», bemerkte Dafflon.

Eddy sagte nichts und sah gedankenabwesend in die Ferne.

«Entschuldige, was hattest du gesagt, Dafflon?»

«Ich sagte, dass du beruhigt sein kannst, wenn Salerno sich nicht mehr gemeldet hat.»

«Ja, ich bin einigermassen ruhig, wie du siehst. Aber du hast selbst erlebt, dass man bei diesem Typen nie sicher sein kann, wann und wo er wieder auftaucht.»

Was bisher geschah

SI-Forsetzungskrimi

Louis Dafflon, Inhaber eines Berner Kleintheaters, muss dem mafiösen Kreditgeber Salerno innert einer Woche 54000 Franken bezahlen. In der Not öffnet er sein Etablissement im Corona-Lockdown für illegale Shows. Und hofft dabei auf die Hilfe seines Freundes Eddy. Der lusche National- rat soll allfällige politische Schwierigkeiten von ihm fernhalten. Doch als Eddy von Dafflon erfährt, dass Salerno wieder im Land ist, wird er nervös – sehr nervös. Etwas verpasst?

Alle Folgen auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Der Schweizer Schriftsteller hat für die «Schweizer Illustrierte» einen Corona-Krimi geschrieben.

Kurt Reichenbach / SI

Wie recht Eddy mit seiner Aussage haben sollte, dass ein Typ wie Salerno immer wieder auftaucht, bemerkte Dafflon, als er kurz vor dem Zubettgehen noch einen Blick in die Onlinezeitung warf.

Eine Leiche war aus der Aare geborgen worden. In einem Aufruf bat die Polizei um Mithilfe bei der Identifizierung des Unbekannten. «Wer kennt diesen Mann?», stand unter einer Fotografie des Gesichts des Toten.

Dafflon brauchte nicht zweimal hinzusehen, um zu wissen, wen er da vor sich hatte. «Salerno! Merde alors! C’est lui!», entfuhr es ihm. Er wählte Eddys Nummer, aber der Nationalrat ging nicht ran. Mit zittrigen Fingern schrieb Dafflon ihm eine Nachricht: «Bitte um Anruf, Uhrzeit egal!» Dann holte er einen Single Malt vom Büchergestell und schenkte sich ein grosses Glas ein. Seine Gedanken drehten im Kreis: Wer konnte den Gangster getötet haben? Oder war Salerno verunfallt? Nein, das wäre absurd. Er muss einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein. Es muss mit seinen Erpressungen zu tun haben. Jemand hielt den Druck nicht mehr aus. Wer profitierte von Salernos Tod? Er selbst ja nicht, denn er hatte seine Schuld beglichen und war aus dem Schneider. Aber wie sah es mit seinem Freund Eddy aus? Unmöglich! Eddy war keiner, der so etwas tun könnte! Aber wenn es jemand für ihn erledigt hätte?

Noch einmal schenkte sich Dafflon ein Glas des zwölfjährigen Blair Athol ein. Genauso gut hätte er sich einen billigen Fusel genehmigen können, denn längst war er nicht mehr in der Stimmung, den vielfältigen Geschmack des hochwertigen Whiskys wahrzunehmen. Sollte er die Polizei informieren? Käme er dann nicht selbst in Teufels Küche! Im Radio sagte eine Nachrichtensprecherin, der englische Premierminister Boris Johnson sei auf dem Weg der Besserung. Die getigerte Hauskatze sprang aufs Sofa und streckte sich. Der Wind liess einen schlecht fixierten Fensterladen klappern. Aber Dafflon trank, ohne etwas wahrzunehmen. In diesem Augenblick klingelte der Telefonapparat auf seinem Schreibtisch.

So gehts weiter

Wurde Salerno ermordet? Wer profitiert vom Tod des Mafioso? Hat Eddy etwas damit zu tun?

Von Pedro Lenz am 16.04.2020
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