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Ein Corona-Krimi im Kleinkunst-Milieu, Folge 6

Hinter der Bühne

Der 55-jährige Schriftstellern, Publizist und Familienvater Pedro Lenz schreibt in der «Schweizer Illustrierten» monatlich «Gschichte vo hie und hütt».

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Jonas Messmer / format.ch

Zivilfahnder Leuenberger von der Berner Kantonspolizei wusste nun einiges über den Toten und dessen Vorleben. Dieser Louis Dafflon vom Theater am Aarelauf hatte ihn mit guten Informationen versorgt. Einen Moment lang hatte Leuenberger geglaubt, Dafflon käme als Täter infrage. Nach der Vernehmung war ihm jedoch klar, dass Dafflon nicht der Typ war, der Leute umbrachte, um sich Probleme vom Hals zu schaffen. Für den Zivilfahnder gehörte Dafflon eher zu den Trickbetrügern, also zu der Sorte von Gaunern, die keinen Kniff ausliessen, um sich schnell zu bereichern. Solche Leute, das wusste Leuenberger aus Erfahrung, waren gerissen und emsig, aber ihre kriminelle Energie reichte nicht aus, um jemanden umzubringen.

Albert Leuenberger rief die Pizzeria an, in der Dafflon den Schliessfachschlüssel hatte abgeben müssen, nachdem er die 54'000 Franken für Salerno wie vereinbart in einem Schliessfach im Berner Bahnhof deponiert hatte.

«Pizzeria Trapani, guten Tag!», meldete sich eine Frauenstimme.

«Hier ist Leuenberger. Ich möchte eine Pizza mit scharfer Wurst und viel Knoblauch.»

«Einmal Pizza Diavola, ist notiert. Haben Sie sonst einen Wunsch?»

«Ja, ein eiskaltes helles Bier und einen Tomaten-Mozzarella-Salat.»

«Ihre Adresse, Signore?»

«Ich hole alles in 15 Minuten bei Ihnen ab.»

Die Frau gab ihm eine Abholnummer. Als Leuenberger eine Viertelstunde später in der Altstadt vor der verschlossenen Pizzeria stand, sah er einen Zettel, der die Kundschaft bat, für die Herausgabe des Essens beim Fenster rechts der Eingangstüre anzustehen. Erst jetzt sah Leuenberger, dass dort schon andere Leute auf ihre Bestellung warteten. Einen der Wartenden kannte er aus dem Fernsehen, es war ein landesweit bekannter Komiker. Erst wollte Leuenberger die Bemerkung fallen lassen, als Komiker müsse man wohl eine Pizza Lustiga mit viel Kichererbsen bestellen. Im letzten Augenblick entschied er sich dafür, auf den Spruch zu verzichten, der Fahnder hielt den gebührenden Abstand zu allen anderen, bis seine Nummer aufgerufen wurde. «Ist dein Chef da?», fragte er den jungen Pizzaiolo, der ihm das Essen in einer Papiertasche herausgab und ihn bat, die geschuldeten 30 Franken in den Briefkasten zu werfen.

«Der Chef? Haben Sie eine Reklamation? Sie haben ja die Pizza noch gar nicht probiert.»

Leuenberger zeigte dem jungen Mann seinen Dienstausweis, drückte ihm eine Visitenkarte in die Hand und flüsterte bedrohlich langsam: «Sag deinem Chef, er soll in zehn Minuten auf die Bundeshausterrasse kommen. Ich werde dort meine Pizza essen und auf ihn warten. Und sag ihm bitte auch, es gehe um Leben und Tod! Hast du das verstanden?»

Der Pizzaiolo nickte unauffällig und verschwand im Innern der Küche. Leuenberger merkte, wie sein Appetit grösser wurde.

Gerade hatte der Fahnder den letzten Rest seines Salats aus dem Plastikbehälter gekratzt und den letzten Schluck Birra Moretti getrunken, als der Wirt der Pizzeria vor ihm auftauchte.

«Ihre Pizza ist tadellos. Ich will Sie gar nicht lange aufhalten, Herr La Gumina. Sie erzählen mir alles, was Sie über Gennaro Salerno wissen, und ich lasse Sie in Ruhe.»

Der Wirt sah den Fahnder fragend an, doch noch bevor er wortreich beteuern konnte, der Name Salerno sage ihm nichts, legte ihm Leuenberger einen Finger auf die Brust: «Keine Geschichten, La Gumina! Du sagst mir alles, restlos alles, was du über Salerno weisst, und ich lasse dich in Frieden.»

«Sie halten den Abstand nicht ein, ich werde mich beschweren!»

«Beschwer dich, wo du willst! Ich wiederhole: Du sagst mir alles, und wir haben uns nie gesehen. Oder du spielst weiter den Ahnungslosen, dann sorge ich dafür, dass jeder Arbeitsvertrag, jedes Kassenbuch, jede Quittung und jeder noch so kleine Beleg in deinem Saftladen von der Steuerfahndung durchleuchtet wird! Überleg es dir gut, La Gumina! Meine Nummer hast du.»

Leuenberger stiess den Wirt mit dem Zeigefinger zurück, entsorgte die Pizzaschachtel, die Salatbox und die Bierdose in einem Abfalleimer. Dann putzte er sich mit einem Feuchttuch die Hände und ging zurück in sein Büro.

Der Fahnder hatte noch nicht an seinem Schreibtisch Platz genommen, als ihn bereits La Gumina anrief. «Du bist ein intelligenter Mann, La Gumina. Und ich bin ganz Ohr!»

Was bisher geschah

SI-Fortsetzungskrimi

Trotz Lockdown betreibt Louis Dafflon erfolgreich und illegal sein Kleintheater in Bern. Sein Jugendfreund Eddy, Geschäftsmann und bestens vernetzter Nationalrat, hält ihm den Rücken frei. Doch dann verschärft sich die Situation, als Salerno, der die beiden Freunde erpresst hatte, tot aus der Aare geborgen wird. Wurde er ermordet? Und falls ja, von wem? Zivilfahnder Leuenberger von der Berner Kantonspolizei wird beauftragt, den Fall zu untersuchen.

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Schriftsteller Pedro Lenz.

Geri Born

Währenddessen fuhren Dafflon und Eddy scheinbar ziellos über Land. Der schwarze Kombi näherte sich, wie von Geisterhand gesteuert, dem Sensebezirk. Dafflon war sich sicher, diese Richtung nicht bewusst eingeschlagen zu haben. Es war der Instinkt, der das Steuer führte. Schon in Ueberstorf begannen sich die beiden Freunde zu entspannen. Sie besprachen ihre Situation. «Jetzt, da ich dem Fahnder alles erzählt habe, wird es wohl zu heiss, die illegalen Shows im Theater weiterzuziehen. Oder was meinst du, Eddy?»

«Mich dünkte, Leuenberger interessiere sich nicht dafür!», versuchte ihn Eddy zu beruhigen. «Ihn interessiert nur, was mit dem Tod von Salerno zusammenhängt. Er glaubt dir. Er glaubt, was du ihm erzählt hast, und sucht den möglichen Mörder in der Sizilianer-Szene.»

«Woher weisst du das, Eddy?»

Eddy zündete sich einen Zigarillo an und öffnete das Seitenfenster. Er sprach zu Dafflon wie ein Lehrer zu seinem Schüler: «Vergiss nicht, Louis, ich habe gute Kontakte zur Berner Kantonspolizei und zur Staatsanwaltschaft. Ich weiss über jeden Fahndungsschritt Leuenbergers Bescheid.»

«Ich wäre froh, du würdest in meinem Auto nicht rauchen.»

«Excuse-moi!» Eddy warf den Zigarillo aus dem Fenster. «Dieser verfluchte Virus! Ein paar Kilometer südwärts liegt einer der besten Landgasthöfe im ganzen Bezirk. Wie schön wäre es jetzt, sich auf einer Terrasse einem Speckteller mit frischem Bauernbrot zu widmen!»

«Und dazu einen Weisswein zu trinken!»

«Und dann weiter nach Gruyères zu einer Meringue mit Crème double!»

«Voilà, Eddy, du sagst es!»

Das war der letzte Satz, den Louis Dafflon sagen konnte, bevor er am Steuer seines brandneuen Peugeot zusammensackte.

So gehts weiter

Erlitt Dafflon einen Herzinfarkt? Oder hat Eddy mit dem Zusammenbruch des Freundes etwas zu tun?

Von Pedro Lenz am 29.04.2020
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