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Ein Corona-Krimi im Kleinkunst-Milieu, Folge 8

Hinter der Bühne

Der 55-jährige Schriftstellern, Publizist und Familienvater Pedro Lenz schreibt in der «Schweizer Illustrierten» monatlich «Gschichte vo hie und hütt».

Pedro Lenz Krimi Corona Teil 8
Jonas Messmer / format.ch

Isa von Greyerz mochte keine Überraschungen. Dass sie irgendwann mit der Polizei zu tun haben würde, hatte sie schon vermutet, nachdem ihr Dafflons Freund Eddy erklärt hatte, der Tod ihres Chefs werde polizeilich untersucht. Dass es dann aber so schnell gehen würde, überraschte sie gleichwohl.

Am meisten nervös machte sie nun diese Unart des Fahnders, nie richtig Platz zu nehmen. Während er mit ihr sprach, wechselte er ständig seine Position. Bald setzte er sich auf die Armlehne eines Sessels, bald lehnte er sich an einen Tisch. Nirgendwo schien dieser Leuenberger zur Ruhe zu kommen. Diese Unruhe färbte auf die ehemalige Assistentin von Dafflon ab. «Warum nehmen Sie nicht Platz, Herr Leuenberger? So setzen Sie sich doch! Es hat genügend Sitzgelegenheiten.»

«Danke, aber wissen Sie was? Ich bin ein bisschen zappelig. Das war ich schon immer.»

Während er redete, nahm Leuenberger allerlei herumstehende Gegenstände zur Hand, nur um sie gleich wieder hinzustellen. Dann öffnete er das Fenster zum Hinterhof und sah hinaus. Kurz darauf machte er das Fenster wieder zu und blieb vor der neuen Theaterleiterin stehen. «Wissen Sie, was ein Fahnder sich fragt, wenn er einen solchen Fall untersuchen muss, Frau von Greyerz? Ein Fahnder fragt sich, wer ein Interesse am Tod von Salerno oder am Tod von Dafflon haben könnte. Und er fragt sich auch, ob es sogar jemanden gibt, der von beiden Todesfällen profitiert.»

«Warum sagen Sie mir das?», fragte sie.

«Weil ich darüber nachdenke, ob sich nicht gerade Ihre persönliche und berufliche Situation zum Guten verändert hat, seit die beiden Herren uns für immer verlassen haben.» Er liess den Satz ein wenig nachhallen, ohne besonders darauf zu achten, wie er bei seiner Gastgeberin ankam. Dann nahm er einen Schluck aus der Kaffeetasse und schwieg.

Leuenberger blieb bloss wenige Minuten im Büro des Theaters. Kaum war er weg, fragte sich Isa von Greyerz, was er sie eigentlich gefragt hatte. Er hatte sie gefragt, ob er rauchen darf. Und er hatte sie gefragt, ob er Zucker zum Kaffee haben kann. Ausserdem hatte er sie gefragt, ob sie wisse, was er sich frage. Aber diese letzte Frage war eher rhetorisch gewesen. Bezogen auf den Fall, den er untersuchte, hatte er also nichts gefragt. «Was ist das für ein Fahnder, der jemanden aufsucht und dann nichts fragt?», fragte sie sich selbst.

Für Isa von Greyerz blieb das Geschäft mit den illegalen Bühnenshows weiterhin hochrentabel. Da sie die Einzige war, die jeden Ablauf, jeden Vertrag und jedes Programm genau kannte, war es ihr nicht schwergefallen, die Leitung des Theaters sofort nach Dafflons Tod an sich zu reissen. Aber vielleicht ist es falsch zu sagen, sie hätte das Theater an sich gerissen. Genau genommen hatte sie nichts an sich reissen müssen, weil schon alles bei ihr lag und niemand ausser ihr einen Anspruch auf Dafflons Erbe geltend machte.

Obwohl inzwischen die Restaurants, der Detailhandel und die Schulen wieder funktionierten, mussten Kleintheater bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Das war gut für ihr Geschäftsmodell. In den acht Wochen, die der Lockdown nun schon dauerte, hatte das Theater mehr Geld eingenommen als sonst in einer ganzen Spielzeit.

Was bisher geschah

SI-Fortsetzungskrimi

Um seine Schulden bei Mafioso Salerno zu begleichen, organisiert Dafflon im Corona-Notstand illegale Comedy-Shows in seinem Kleintheater in Bern. Dabei hilft ihm sein Kollege Eddy, ein umtriebiger Nationalrat, der auch schon mit Salerno geschäftet hat. Kurz darauf sind Salerno und Dafflon tot. Nationalrat Eddy gibt sich ahnungslos und rät Fahnder Leuenberger, doch bitte genau zu ermitteln, zum Beispiel bei Dafflons Theaterassistentin Isa von Greyerz …

 

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Der Schweizer Schriftsteller und Kolumnist Pedro Lenz anlaeslich des 35. Luzerner Literaturfest vom Samstag, 16. Maerz 2019 im Theater Pavillon in Luzern. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Schriftsteller Pedro Lenz.

Keystone

Am Samstag vor dem Muttertag regte Leuenberger sich fürchterlich auf, weil ihn sein Vorgesetzter bat, ein Auge auf die Kundgebung zu werfen, die in der Innenstadt stattfand. Mehrere hundert Leute demonstrierten gegen die behördlichen Massnahmen im Zusammenhang mit der Pandemie. Dass sie dabei den gebotenen Sicherheitsabstand nicht einhielten, war wohl Teil des Protests. Leuenberger brüllte seinen Chef beinahe an: «Wieso soll ich mich mit diesen paar Begriffsstutzigen befassen, die nicht verstehen, dass sie noch gesund sind, weil sich alle andern an die Verordnungen halten? Ich stehe kurz davor, einen Mord aufzuklären, vielleicht sogar zwei! Und da soll ich diesen geistigen Tieffliegern auf die Finger schauen?»

Tatsächlich hatte Leuenbergers Vorgesetzter ein Einsehen mit seinem Untergebenen, auch wenn er es nicht unterlassen konnte, eine spitze Bemerkung fallen zu lassen. «Also gut, gehen Sie weiter Ihrem Fall nach oder Ihren Fällen, Herr Leuenberger. Ich warte übrigens seit Tagen vergeblich auf erste Fahndungsergebnisse!», sagte er.

Er sei nahe dran, sagte Leuenberger im Hinausgehen, sehr nahe dran, sehr nahe, aber noch nicht nahe genug, um darüber reden zu können.

Kaum draussen, wurde der Fahnder auf dem Trottoir von einem Jogger angerempelt. In seinen über 40 Lebensjahren hatte Leuenberger noch nie so viele Joggerinnen und Jogger gesehen wie während dieses Lockdown. Zuweilen war ihm, als versuchten immer mehr Leute, in diesen fürchterlich aussehenden Joggingkleidern vor ihren Ängsten davonzulaufen. Er selbst ging auch oft zu Fuss, zu Fuss gehen fand er gut. Viel Bewegung stärke den Kreislauf, sagte sein Hausarzt immer. Aber das bedeutete doch nicht, dass man rennen musste, bis einem der Schweiss aus jeder Pore und der Rotz aus Mund und Nase tropften.

Leuenberger dachte über solche Themen nach, als ihn ein Jogger kreuzte, dessen Gesicht er sofort wiedererkannte. Es war Leonardi, der Sizilianer, der die Pizzeria Trapani führte. Leonardi war so konzentriert darauf, nicht zusammenzubrechen, dass er Leuenberger gar nicht wahrnahm. Dafür erkannte der Fahnder ihn sofort. Aus einem Instinkt heraus beschloss er, dem Sizilianer unauffällig zu folgen. Leuenberger musste selbst gar nicht laufen. Der Laufschritt Leonardis war so langsam, dass der Fahnder ihm mit zügigem Gehen problemlos folgen konnte. Als Leuenberger erkannte, dass Leonardi der Kornhausbrücke entgegenlief, beschloss er, die Brücke mit dem Tram zu überqueren, um oben beim Viktoriaplatz auf den Läufer zu warten. So hatte der Fahnder Zeit, sich ein Bild des bergauf joggenden Sizilianers zu machen. Beim Viktoriaplatz schienen Leonardis Kraftreserven aufgebraucht zu sein.

Leuenberger konnte ihm ohne jede Anstrengung folgen. Und je näher sich der Sizilianer seinem Ziel näherte, desto sicherer glaubte Zivilfahnder Leuenberger von der Berner Kantonspolizei zu wissen, wen Leonardi besuchen wollte. Trotzdem führte er seine Beschattung fort, nur um ganz sicher zu sein, dass er sich nicht getäuscht hatte. Er hatte sich tatsächlich nicht getäuscht.

So gehts weiter

Ist Isa von Geyerz aus dem Schneider? Und: Auf welche Spur führt der Sizilianer den Berner Fahnder?

Von Pedro Lenz am 14.05.2020
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