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Notabene

«Lohn der Arbeit»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr schreibt in seiner Kolumne darüber, warum es unfair ist, Arbeitnehmer wegen ihres Alters zu diskriminieren.

Sully Tom Hanks
Viel Erfahrung hat auch Captain Sullenberger bewiesen, bei seiner gekonnten Landung des Airbus A320 auf dem Hudson River. Hier gespielt von Tom Hanks in «Sully». Dukas

Ich habe einen langjährigen Busenfreund, der mich immer wieder aufs Neue beeindruckt. Nennen wir ihn Franz.

Franz ist mir ein Vorbild in vielen Dingen: Er kann zum Beispiel respektvoll über jemanden schimpfen, sodass nichts unumkehrbar verkachelt wird. Bierzeltsprüche muss ich mir von ihm keine anhören. Er gehört eh nicht zu den Wiederkäuern – seine Pointen stammen aus eigener Produktion. Franz ist ausserdem kein bisschen spiessig: Egal, nach welcher noch so schrägen Idee die Leute leben wollen – solange sie niemanden drunter leiden lassen, versucht er, sie wohlwollend zu betrachten. Auch eine Scheidung bringt er so über die Runden, dass man einander auch danach noch helfend zur Seite stehen kann. Ja, geschätzte Leserschaft – Franz ist ein echter Ehrenmann.

In hohem Masse bewundert habe ich stets seine Fähigkeiten, Wege zum Erfolg zu finden. Denn Franz ist für mich eine Art Aquaman: Er verhält sich gewissermassen wie Wasser. Liegt ihm ein Stein blöd im Weg, findet er beeindruckend rasch eine Alternativroute, wos rinnt – ohne dem nachzuweinen, was er nicht kriegen kann. So plätscherte es für Franz auch beruflich ganz beschaulich dahin, bis ihm – als mittlerweile Mittfünfziger – sein Chef im Zuge eines kopflosen Machtscharmützels kündigte.

Handicap «Ü50»

Viele Male hat Franz in vergangenen Jahrzehnten attraktive Jobangebote erhalten. Man hat versucht, ihn abzuwerben, aber er blieb seinem Vorgesetzten treu. Dass er über multiple, in seiner Branche grundlegende Fähigkeiten verfügt, sprach sich herum. Auch dass er ein innovativer Denker und gleichzeitig ein tüchtiger Handwerker ist, der nicht nur palavert, sondern auch vorzeigen kann, kam den Leuten zu Ohren. Legendär seine Dienstleistungsbereitschaft. Dazu kommt sein Gespür für die Menschenseele …

Aber jetzt ist alles anders. Franz ist deutlich über fünfzig Jahre alt. Dies ist ein Handicap. Das berufliche Verfallsdatum ist erreicht, sobald die Vier vor dem Zig verschwindet. Dies teilte man ihm auf der regionalen Arbeitsvermittlungsstelle in den ersten Gesprächsminuten mit. Seine Bewerbungsunterlagen seien übrigens so professionell und beeindruckend stilvoll gestaltet, dass eine dahingehende Beratung Wasser in den Bach getragen wäre, meinte die Zuständige. Das übliche Prozedere der Bewerbungsschulung könne im Falle Franz somit fallen gelassen werden. Seit einigen Wochen versendet Franz nun sein Vorzeigedossier. Er hat sich auch auf Stellen beworben, deren Beschrieb ihm auf den Leib geschneidert schienen. Dennoch bekam er nicht eine einzige positive Rückmeldung. Sein Alter ist ein Ausschlusskriterium.

Hunderte von Bewerbungen brauche es bei über 50-jährigen Stellensuchenden, bis sie wieder im Arbeitsleben integriert seien, lese ich bei meiner Internetrecherche. Und man müsse sofort loslegen. Zeit zum Trauern über die persönliche Niederlage könne man sich nicht nehmen. Idealerweise lege man sich für solche unvorhersehbaren Fälle Bargeld in der Höhe eines Jahresgehalts zur Seite, wird geraten. Menschen, die sich vorher weniger geschäftsloyal verhalten und öfters die Stelle wechselten, hätten jetzt die besseren Karten, vernehme ich weiter. Aha, Durchlauferhitzer, die bei jedem Problemchen davonrennen, gelten auf dem Arbeitsmarkt als flexibel und attraktiv. Franz gehört übrigens auch nicht zu jenen, die sich unser grosszügiges Sozialnetzwerk zunutze machen und am Morgen erst gar nicht aufstehen, um sich zu bewerben oder irgendeiner Arbeit nachzugehen.

Alter sollte nicht im Fokus stehen

Ich will mit diesen Zeilen auch nicht Alt gegen Jung ausspielen. Das wäre absurd. Aber ich tue mich schwer damit, einen Grund zu sehen, weshalb das Alter so im Zentrum steht. Es gibt jugendliche und betagte Schlafmützen, aber auch zähe und belastbare Naturen jeden Alters.

Was sich niemals wegdiskutieren lässt, ist die Erfahrung. In Erinnerung ist mir die gekonnte Landung des Airbus A320 auf dem Hudson River – ausgeführt von Captain Sullenberger. Er wurde beschuldigt, damit Menschenleben aufs Spiel gesetzt zu haben. Etliche Cracks versuchten danach im Flugsimulator, alle erdenklichen alternativen Manöver zu testen. Selbst die Tatsache, dass sie wussten, dass gleich ein Vogelschwarm die Maschine ausser Gefecht setzen würde, half ihnen nicht dabei. Quintessenz der Geschichte bleibt: Sully hatte einzig aufgrund seiner Erfahrung die Möglichkeit, innert Sekunden die Durchführbarkeit dieser Landung einzuschätzen.

Franz wäre ein wertvoller Arbeitnehmer.

Von Chris von Rohr am 23. Mai 2019