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«Senkrecht» mit Natascha Knecht

Das «Frauenproblem» in den Bergen

Natascha Knecht, 49, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin blickt zurück auf historische Bergsteiger-Literatur und weiss nicht, ob sie lachen oder den Kopf schütteln soll.

 Meta Brevoort. Links von ihr William Coolidge, vorne die Hündin Tschingel. Bild um 1874
© caroline fink

Wäre ich nur ein paar Jahre früher zur Welt gekommen, hätte mich die Gesellschaft als «Mannsweib» verspottet. Denn als Frau zierte es sich lange nicht, im Hochgebirge zu klettern. Warum? Weil es die Männer so wollten. In ihren Augen gehörten wir an den Herd, nicht auf einen Viertausender.

Der Schweizer Alpen-Club (SAC) gehörte diesbezüglich sogar zu den bockigsten Alpenvereinen der Welt. Bis 1980 sträubte sich die Mehrheit der Schweizer Alpinisten mit aller Vehemenz, «das schwache Geschlecht» in ihren Reihen zu akzeptieren. Ja, richtig gelesen: Um dem SAC beitreten zu können, mussten die Frauen wirklich neun Jahre länger warten als auf das Stimmrecht auf Bundesebene.

Frauen bleiben in der Geschichte unerwähnt

Wenn ich heute historische Bergsteiger-Literatur lese, weiss ich manchmal nicht, ob ich lachen oder den Kopf schütteln soll. Da gibt es zum Beispiel die unglaubliche, aber wahre Geschichte eines Hundes aus Grindelwald BE. Er hiess Tschingel, lebte von 1865 bis 1879 und war ein legendärer Bergsteiger auf vier Pfoten. Insgesamt kletterte er auf 55 Hochgebirgsgipfel – inklusive Mont Blanc, Monte Rosa, Eiger und Mönch. Elf seiner Touren waren Erstbesteigungen. Zudem gelang ihm die erste vollständige Begehung der Jungfrau von Norden.

Natürlich stieg Tschingel nicht alleine auf die Gipfel. Er begleitete sein Frauchen, eine Amerikanerin und eine dererfolgreichsten Bergsteigerinnen der damaligen Zeit. Doch was geschah? Tschingel wurde Ehrenmitglied im elitären englischen Alpine Club, während sein Frauchen ausgeschlossen blieb.

Mit Tussis wollen die wilden Hunde nicht verglichen werden

Oder die Britin Lucy Walker, 1871 die erste Frau auf dem Matterhorn. Diese grossartige Leistung blieb in den damaligen Chroniken unerwähnt. Auch keiner Zeitung war sie eine Zeile wert. Einzig ein Londoner Satire-Magazin berichtete darüber.

Rückblickend könnte man sagen: So dachte Mann eben vor hundert Jahren. Aber noch 1978 (!), als die Alpinisten im SAC einmal mehr über die «Frauenfrage» diskutierten, tönte es hitzig: «Der SAC ist eine der letzten Domänen, wo die Männer sich gegen die Aggressivität und die Komplexität der Frauen schützen können.»

«Kletterte eine Frau besser, kratzte das hart am Ego der Kerle»

Ob ich damals Lust gehabt hätte, diesem Club beizutreten, bezweifle ich. Und es wundert mich wenig, dass das interne «Frauenproblem» auch nach der Öffnung nicht vom Tisch war. Kletterte eine Frau besser, kratzte das hart am Ego der Kerle. Dann erzählten sie etwa: Die Frau habe die Route nur geschafft, weil sie zierliche Finger habe. Das habe ihr an den kleinen Griffen einen Vorteil gebracht.

Und heute? In jüngster Zeit sind es vor allem die jungen, blonden, international bekannten Top-Kletterinnen, welche dieGemüter der Alpinisten erzürnen. Diese selbstbewussten Frauen sind Vorbilder der neuen, modernen Generation, haben auf Instagram eine halbe Million Follower. Und aus männlicher Sicht offenbar ganz schlimm: Diese Kletterinnen lackieren sich die Fingernägel! Pink! Mit solchen Tussis, nein, wollen die wilden Hunde nicht verglichen werden. Nicht einmal in hundert Jahren.

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Von Natascha Knecht am 11. März 2019